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Calwer Leseprobe

zum Buch
Christian Gottlob Barth

Christian Gottlob Barth
Studien zu Leben und Werk


Eine kritische Darstellung zum Leben und Denken des Missionsförderers, Schriftstellers und Verlegers Christian Gottlob Barth (1799-1862) zählte bislang zu den größten Desideraten der württembergischen Kirchengeschichtsschreibung und der religionspädagogischen Forschung. Die vorliegende Studie will dazu beitragen, diese Lücke zu schließen. Sie beleuchtet aus einer Fülle bisher unveröffentlichten Quellenmaterials besonders die frühe Biographie Barths sowie dessen sozialgeschichtlich-biographisches Umfeld. In diesen Hintergrund zeichnet sie die theologischen Grundlinien Barths ein. Den zweiten Schwerpunkt bildet die bibliographische Erfassung von Barths Werken, Liedern und Periodika. Dabei ist es gelungen, verschollene Schriften Barths aufzufinden und zahlreiche bislang unbekannte Beiträge, Auflagen und Übersetzungen zu erschließen.

1998, 294 Seiten,
ISBN 978-3-7668-3579-6
EUR 49,00 

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»Christian Gottlob Barth - Studien zu Leben und Werk
ISBN 3-7668-3579-3

A. Einführung

I. Das Thema

Fast zwei Jahrhunderte sind vergangen, seit Christian Gottlob Barth am 3 1. Juli 1799 in Stuttgart das Licht der Welt erblickte. Wie nur wenige hat er im 19. Jahrhundert in Württemberg den Werdegang der Erweckungsbewegung und deren einflußreiche pietistische Volksfrömmigkeit geprägt und sich dadurch als eindrucksvolle Gestalt der württembergischen Kirchengeschichte namhaft gemacht: als Volks- und Jugendschriftsteller, als Förderer der Inneren und äußeren Mission wie auch als Gründer des Calwer Verlags, als Liederdichter und Prediger; bekannt geworden ist er überdies als Sammler naturkundlicher und ethnologischer Exponate.

Die Grenzpfähle des württembergischen Königreichs hinter sich lassend, hat Barth mit einer kaum zu überschätzenden Breitenwirkung auch die gesamte deutsche Erweckungsbewegung beeinflußt und durch seine Schriften, die nicht nur europaweit, sondern in nahezu der gesamten Welt der evangelischen Mission Verbreitung fanden, internationale Bedeutung erlangt: vor allem durch seine in 24 Auflagen und 37 Übersetzungen erschienene "Christliche Kirchengeschichte für Schulen und Familien" (1835) und ganz besonders durch seine "Zweymal zwey und fünfzig biblische Geschichten" (1832), die mit 483 (!) deutschen Auflagen und mindestens 87 (!) Übersetzungen zu den am weitesten verbreiteten Büchern der Weltliteratur zählen. Überdies erlebten seine Werke im vergangenen Jahrhundert insgesamt beachtliche 46 Übersetzungen allein ins Englische 1. Angesichts dieser, weitreichenden Erfolge, aber auch seiner zahllosen internationalen Beziehungen wurde Barth sogar von manchen Zeitgenossen als "weltberühmte" Persönlichkeit gefeiert 2.

Wenngleich etwas im Schatten seiner Zeitgenossen Ludwig Hofacker (1798-1828) und Johann Christoph Blumhardt (1805-1880) stehend 3, wurde sein Andenken von der württembergisch-pietistischen Volksfrömmigkeit bis auf unsere Tage bewahrt 4. Ebenso fand er bis heute in verschiedenen allgemeinen, theologischen und literaturgeschichtlichen Lexika und Nachschlagewerken des In- und Auslandes Berücksichtigung 5. Erstaunlicherweise aber ist vom Leben und Werk dieser außergewöhnlichen und originellen Persönlichkeit noch keine kritische Gesamtschau versucht worden; ja bis heute hat ihn die kirchengeschichtliche Forschung überhaupt kaum entdeckt, die sich hinsichtlich der württembergischen Erweckungsbewegung und ihres Umfeldes in frappierend einseitiger Weise Blumhardt zugewandt hat 6, dem Barth allerdings im vergangenen Jahrhundert an Bedeutung keineswegs nachstand. Bezeichnend für diese Vernachlässigung ist, daß etwa weder Beyreuthers weitgehend apologetische Gesamtdarstellung der Erweckungsbewegung 7 noch Karl Müllers Abhandlung über die "religiöse Erweckung in Württemberg am Anfang des 19. Jahrhunderts" (1925) nicht einmal auf Barth zu sprechen kommen; zu Unrecht hat ihn neuerdings auch die "Theologische Realenzyklopädie" übergangen.

Besonders für den Kenner der württembergischen Kirchengeschichte ist dieses Manko um so bedauerlicher, je mehr er sich der Wirkung Barths auf die Religiosität des württembergischen Landes bewußt ist. So haben sich auch bereits mehrere Stimmen gemeldet und auf das Forschungsdesiderat einer ausführlichen Barth-Biographie aufinerksam gemacht: unter anderem Häring 8, Grundmann 9 und besonders Brecht in seinem Aufsatz über Barths biblische Geschichten 10. überhaupt stellt eine solche Biographie eine der für die neuerdings intensivierte Erforschung der Erweckungsbewegung "dringend" benötigten "Einzeluntersuchungen" dar, auf die bereits von mehreren Seiten hingewiesen wurde 11.

Darüber hinaus hat auch die religionspädagogische Forschung Interesse an Barth bekundet und auf die Notwendigkeit einer ausführlichen Untersuchung seiner Biblischen Geschichten hingewiesen 12. Des weiteren hat sie auf das Desiderat einer bibliographischen Erfassung der deutschen (religiösen) Kinder- und Jugendliteratur aufmerksam gemacht 13, und damit indirekt auch auf eine Bibliographia Barthiana; steht doch Barth - und dies nicht nur mit den biblischen Geschichten - als Jugendbuchautor des 19. Jahrhunderts in vorderster Reihe. Ebenso besteht von seiten der Pietismus-Forschung seit langem der Wunsch, das pietistische Schrifttum des 19. Jahrhunderts zu erschließen, nicht nur hinsichtlich der Primär-, sondern auch der Sekundärliteratur 14.

II. Die Quellen

Ein gründliches Quellenstudium war für die Erarbeitung der vorliegenden Untersuchung um so notwendiger, weil über Barth bislang lediglich pietistisch-erbauliche Biographien vorliegen, die sich nicht nur vornehmlich als providentielle Erfolgsbilanzen verstehen, sondern auch bei der Wiedergabe von Quellentexten mitunter manipulieren 15. Das uns heute trotz des Verlusts des eigentlichen Nachlasses von Barth vorliegende autographische Quellenmaterial ist sehr umfangreich und findet sich weit verstreut in über 80 Archiven und Bibliotheken des In- und Auslandes (vgl. F,1.). Es setzt sich insbesondere aus über 3.200 Briefen von und an Barth zusammen und beginnt vor allem von dessen zweitem Lebensabschnitt in Tübingen (D,Il.) an reichlich zu fließen. Dank ihres informativen Reichtums kommt man über den bisherigen Forschungsstand weit hinaus. So vermitteln die Briefe nicht nur ein farbiges Bild von Barths Persönlichkeit und Entwicklung, sondern auch Grundzüge seines theologischen Denkens, das er darüber hinaus in keinem systematischen Werk niedergelegt hat. Überdies tritt uns in den Briefwechseln, die Barth als Instrument von Verkündigung und Erweckung gebrauchte, ein weitgespannter Beziehungsreichtum entgegen.

Barths literarisches (Evre besitzt einen erstaunlich großen Umfang, das eben vor allem aus Volks- und Kinderschriften besteht, aber auch aus kleineren theologischen Abhandlungen, Lieder- und Gedichtsammlungen (F,11.). Ebenso wie das autographische Quellenmaterial sind diese Schriften weit verstreut in Bibliotheken und Archiven des Inund Auslandes. Barths erste Veröffentlichung datiert bereits von 1817, die letzte Auflage seiner Schriften - bezeichnenderweise der Biblischen Geschichten - stammt aus dem Jahr 1945; 1986 erschien schließlich ein Nachdruck der "Württembergischen Geschichte" (1843).


1 Vgl. Bibliographie: F,II, 1. - Damit steht er in einer Reihe mit Literaten wie etwa Klopstock (48 Übersetzungen) oder Hauff (46), seinem Studienkollegen, wie auch mit Luther (51) und 2 Marx (48). Vgl. Morgan, 1938, S. 14-16.

2 U.a. vom Schriftsteller Otto Funcke (ders., 1871, S. 199, Zit.) und von Wilhelm Kopp, einem seiner Biographen (ders., 1886, S. 204). - Selbst eine nordamerikanische Tageszeitung schließt sich dieser Würdigung an (die irrtümlicherweise bereits im Frühjahr 1860 von Barths Tod berichtete). Vgl. Br. Barths an Schubert vom 2.4.1860 (UBErl: Nachl. Schubert, Ms 2640). - Der Artikel konnte nicht mehr ermittelt werden.

3 In augenfälliger Weise wird dies in der hagiographischen Biographie Blumhardts von Ernst Gaugler deutlich, wenn er in dilettantischer Weise Barths Predigttätigkeit in Möttlingen (1824-1838) als "religiöse Draufgängerei" und "rhetorische Ueberredungsmanöver" bezeichnet, Blumhardt hingegen, Barths Freund und Nachfolger auf dieser Pfarrei (183 8-1852), als "geistlichen Helden" feiert, dessen Wirken allein in der "Wirklichkeit des göttlichen Wortes" begründet war. Hatte Barth auch "nur die weibliche Jugend anzuziehen vermocht", so gelang es Blumhardt indes, in "genial[er] Weise" auch die männliche Jugend anzusprechen und sogar ihre "Urteilsfähigkeit" zu schärfen, die sich schließlich in den "Revolutionszeiten [sc. 1848/1849] bewährte" (ders., 1942, S. 25f.), worunter Gaugler freilich eine monarchistische Haltung verstand.

4 Vgl. u.a. das orthodox-evangelikale Organ "Lebendige Gemeinde", 2/1993, S. 14-16, das anläßlich der 250jährigen Wiederkehr des Pietisten-Reskripts (1743) aus Barths "Geschichte von Württemberg" (1843) in apologetischer Weise zitiert - Vertreten ist Barth neuerdings auch in dem vom Verfasser herausgegebenen populären Quellenband über die württembergische Frömmigkeitsgeschichte "Gelebter Glaube" (1993, S. 242-251). - Vgl. auch B,I/F,III, 1.

5 Vgl. B,II, 2. 1 /F,Ill, 1. 1,2. 1;3. 1. - Vgl. bes. die neuerdings vom Verfasser erstellten Artikel 6 für das LThK 3, Bd. 2 (1994), Sp. 35 und die RGG 4, Bd. 1 (ersch. 1998).

6 Vor allem aufgrund der skurrilen "exorzistischen" Vorgänge in Möttlingen 1842/43 (vgl. C,II,2. 1, bes. Anm. 77) und der Wertschätzung von Blumhardts Theologie durch Karl Barth (vgl. ders., 1947, S. 588-597). - Vgl. Raupp, LThK 3, Bd. 2 (1994), Sp. 531 (Lit.) u. ders.,

7 RGG4, Bd. 1 (ersch. 1998).

8 In: KIG, R,R (1977).

9 1961,S.31. 9 1989,S.47.

10 In: PuN 11 (1985), S. 127-138, bes. 128.

11 Bes. von Greschat, 1973, S. 130 (Zit.); Neuser, 1976, S. 138, und Beyreuther, 1977, R. 1.

12 Reents in ihrer profunden Habilitationsschrift über "Die Bibel als Schul- und Hausbuch für Kinder", 1984, S. 362.373 u. 361.

13 Ebd., S. 291 u. 15.

14 Vgl. vor allem Mälzer in der Einleitung zu seiner (lückenhaften) Bibliographie des württembergischen Pietismus des 17. und 18. Jahrhunderts, 1972, S. VIII.

15 Vgl. B,I,1 (Anm. 10 u. 13).