Erntedank (07. Oktober 2012)

Autor/in: Pfarrer i.R. Hermann Kiedaisch, Göppingen

1. Timotheus 4, 1 -5

Liebe Gemeinde,
heute sind wir ganz auf Dank eingestellt. Wir freuen uns an den Schöpfungsgaben, die so kunstvoll auf und neben dem Altar aufgebaut sind. Gerne singen wir die Lieder zum Lobe des Schöpfers und fürsorglichen Vaters. Und die Eltern und Großeltern können es kaum erwarten, bis nachher die Kinder und Enkel mit ihren Erntekörbchen einziehen und auf ihre Weise für die Früchte des Feldes danken.
Da platzt in unsere frohe Stimmung der Briefschreiber hinein, der sich als der Apostel Paulus vorstellt. Er warnt mit scharfen Worten vor Irrlehrern. Das sind Leute, die die junge Christengemeinde verunsichern: Halt, freut euch nicht zu früh! Ihr dürft gar nicht alles essen! Und vieles andere dürft ihr auch nicht! Wer ein rechter Christ sein will, muss strenge Regeln einhalten und auf vieles verzichten.
Bei den Älteren unter uns klingelt es: Das kennen wir doch. In unserer Jugend sind wir auch gewarnt worden: Christen müssen Vegetarier sein! sagten die einen. Gott habe laut der Schöpfungsgeschichte nur pflanzliche Kost zum Verzehr freigegeben. Andere warnten: Christliche Mädchen und Frauen dürfen sich nicht die Haare schneiden lassen und sich nicht hübsch machen. Für uns CVJM-ler war das Rauchen tabu; die im Rheinland, so hörten wir, dürften keinen Wein trinken.
Manche der Jüngeren mag dies befremden – oder belustigen. Als ob am Outfit oder an der Speisekarte der Glaube eines Menschen abzulesen wäre! Die Zeiten, in denen Christen beschrieben wurden als Menschen, die nichts dürfen, sind passee. Heute ist man tolerant. Wen beschäftigt noch am Erntedankfest die Frage: „Was darf man und was nicht?“
Uns schon! melden sich jetzt einige. Macht man es sich nicht zu einfach? fragen sie, wenn man heute schöne Danklieder singt und dabei die Realität ausblendet? Für Christen gilt doch das Gebot: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst!“ Wie passt dazu, dass – während wir hier Erntedank feiern – weltweit 1000 Menschen den Hungertod sterben? Nicht, weil zu wenig wächst, sondern weil zu viel in die reichen Länder fließt! Wäre es nicht richtiger, wir Christen würden über Verzicht und Veränderung der Wirtschaftsstrukturen nachdenken?
Zum Auftrag der Christen gehört auch, die Schöpfung zu bewahren. Können wir dann einfach genießen, was die Welt uns bietet? Müssen wir nicht vielmehr die Bedingungen hinterfragen, unter denen die Nahrungsmittel hergestellt wurden? Mit welchem Aufwand von Energie und Einsatz von Gift? Wäre statt Erntedankgottesdienst nicht ein Bußgottesdienst dran?
Wer hat recht, liebe Gemeinde? Die einfach unbekümmert danken wollen für die Erntegaben und was uns sonst zum Leben zur Verfügung steht? Oder die Bedenkenträger, die vor allem betonen, was Christen nicht tun dürfen und was sie unbedingt tun sollten?

Leben im Einklang mit Gott
Dem Wort Gottes geht es nicht um den Streit zwischen frohem Dank und rechtem Problembewusstsein, sondern um das Leben im Einklang mit Gott; ein Leben, das sich ihm verdankt und sich ihm verantwortlich weiß.
Der Apostel wendet deshalb unseren Blick von den Dingen hin auf Gott, der sie geschaffen hat. Wir feiern am Erntedankfest nicht die Gaben auf dem Altar und auf unseren Esstischen. Sondern wir feiern Gott, den Schöpfer. Wir schauen die Welt mit seinen Augen an. Was sieht er? Als er seine Schöpfung betrachtete, konnte er feststellen: „Es war sehr gut.“
Das bestätigen wir gerne, wenn wir über das Wunder einer blühenden Blume oder der reifenden Früchte staunen, über die Fähigkeiten der Tiere oder die Schönheit und Großartigkeit einer Landschaft. Schwerer fällt uns die Zustimmung zum göttlichen Urteil, wenn uns eine Bremse sticht oder ein Hagelwetter unsere Gärten und Felder oder ein Erdbeben ganze Gegenden verwüstet. Noch schwieriger wird es, wenn wir anschauen, was wir Menschen machen aus dem, was Gott gut geschaffen hat: aus dem Festgetränk des Weins ein Rauschmittel; aus der Atomkraft eine vernichtende Bombe; aus der medizinischen Kunst, menschliche Organe auszutauschen, ein zwielichtiges Geschäft.
„Alles, was Gott geschaffen hat, ist gut.“ Dieses Urteil will uns vor allem anregen zur Hochachtung vor der Schöpfung: Ihre einzigartige Ordnung und Schönheit spiegelt die Würde und Größe des Schöpfers. Unser Staunen, unsere – wie Albert Schweitzer es formulierte – „Ehrfurcht vor dem Leben“ fordert sie. Die Schöpfung ist aber nicht nur Ausdruck der Größe des Schöpfers, sondern auch seiner Güte und Liebe zu uns. Er hat sie uns geschenkt und anvertraut, damit wir in und von ihr leben. Wir dürfen sie nutzen, auch an ihr forschen und arbeiten; bis Gott selber sie vollenden wird. Weil sie Gottes großartiges Werk ist uns zugut, darum darf niemand die Schöpfung madig oder ein schlechtes Gewissen machen bei ihrem Gebrauch. „Was Gott geschaffen hat, ist gut; und nichts ist verwerflich, was mit Danksagung empfangen wird.“
Deswegen ist es nicht nur schön, sondern nötig, dass wir Erntedank feiern. Nicht um zu problematisieren, was Gott geschaffen hat, oder gar davor zu warnen, sondern um ihm zu danken. Dieser geschmückte Raum, diese Stunde kann uns ein wenig die Augen dafür öffnen, für was alles wir zu danken haben:
Die Lebensmittel hier vorne regen uns zum Dank an, dass wir – so frohlockte Luther – „reichlich und täglich versorgt“ sind. Wir danken Gott, dass wir in einem Land leben, in dem Wachstum und Gedeihen keinen besonderen Gefährdungen ausgesetzt sind.
Wir feiern unsern Dankgottesdienst in einem schönen Haus. Wir haben Grund, Gott zu danken für unsere Häuser und Wohnungen. Und für die Freiheit, in der wir uns versammeln und unseren Glauben leben können.
Wir hören schöne Musik und singen flotte Lieder. Gott sei Dank für die Musik und alle Künste, die unser Leben reich und schön machen!
Nachher kommen unsere Kinder herein. Manchmal hat man den Eindruck, in unsrer Gesellschaft gälten Kinder bisweilen eher als Last und Hindernis. Danken wir Gott für die Kinder, die einen großen Reichtum und die Zukunft in unser Leben bringen!
„Ich glaube, dass mich Gott geschaffen hat“, sagt Luther im Katechismus. Danken wir auch für uns und dafür, wie Gott uns gemacht hat. Ich bin überzeugt: Je mehr die Menschen für sich selber danken lernen, umso weniger Probleme haben sie mit sich.
Von den vielen Möglichkeiten zum Dank erwähne ich noch eine: Den Altar zieren nicht nur Erntegaben und Lebensmittel, sondern auch die Bibel, Brot und Wein und darüber der gekreuzigte Christus. Danken wir Gott für sein Wort des Lebens, für seine sich hingebende Liebe, für die Gemeinschaft mit ihm; für Vergebung und Neuanfang, die er uns immer wieder schenkt.
Je mehr wir danken, umso mehr werden wir erkennen, dass Gott uns nicht einschränken und ein schlechtes Gewissen machen will. Er will unser Leben reich machen. Lasst uns seine Gaben mit Dank empfangen und sie fröhlich nutzen.

Dankbarkeit schafft Neues
Also doch naives Sich-Freuen und Danken – und Ausblenden der Probleme? So werden sich die Skeptiker nochmals zu Wort melden. Der Apostel blendet beim Danken nicht aus: „Was mit Danksagung empfangen wird, das wird geheiligt durch Gottes Wort und Gebet.“ Wenn ich bete, prüfe ich ja, für was ich danken kann und will. Ist es wirklich etwas, was Gott mir und anderen als Grundlage und zur Förderung unsres Lebens schenkt? Kann ich die Frage bejahen, dann kann es nicht verwerflich sein. Dann darf ich es dankbar annehmen und gebrauchen.
„Geheiligt durch Gottes Wort“, das verstehe ich so: Gottes Wort zeigt mir, dass ich mit dem, was er mir schenkt, verantwortlich umzugehen habe. Es soll meinem Nächsten dienen wie mir. Der Dank für Gottes gute Gaben kann nicht ohne den Wunsch und die Überlegung bleiben: Wie können auch andere in ihren Genuss kommen? Wem kann ich mit Früchten aus meinem Garten eine Freude machen? Mit der Unterstützung welcher Hilfsorganisation kann ich dazu beitragen, dass auch andere satt werden?
Der Dank für Gottes Gaben wird in mir auch die Frage wecken: Was kann ich tun, dass ich und andere sich weiter an ihnen freuen können? Wie kann ich helfen, die Schöpfung zu bewahren, vor unserem Müll, vor der Zerstörung durch Gier und Bequemlichkeit? Vielleicht hilft mir der Dank auch, eigene Interessen und Steckenpferde zurückzustellen. Ich sehe zum Beispiel in einem Windrad nicht nur eine Beeinträchtigung meiner Lieblingsaussicht, sondern die Chance, den Wind als Gottes gute Gabe für die Erhaltung der Schöpfung und die Versorgung der Menschen zu nutzen. „Was Gott geschaffen hat, ist gut.“ Der Dank dafür kann sogar Energie und Ideen in uns freisetzen.
„Durch Danken kommt Neues ins Leben hinein.“ Danken weitet unseren Blick für das Gute, das Gott geschaffen und uns geschenkt hat. Mit gutem Gewissen dürfen wir es gebrauchen. Danken schärft aber auch das Bewusstsein dafür, dass wir die guten Gaben Gottes erhalten, fördern und auch andern gönnen. Darum können wir nicht genug danken, jetzt im Gottesdienst, daheim an unseren gedeckten Tischen; und allezeit und überall haben wir viel Grund zu sagen: „Gott sei Dank!“
Amen.

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