20. Sonntag nach Trinitatis (21. Oktober 2012)

Autorin / Autor: Pfarrerin Dr. Brigitte Müller, Esslingen [Brigitte.Mueller@elkw.de]

1. Korinther 7, 29 -31

Liebe Gemeinde!

„Ich habe keine Zeit!“

Es vergeht keine Woche, in der ich diesen Satz nicht x-Mal gedacht oder auch ausgesprochen hätte: „Ich habe keine Zeit, tut mir Leid!“ Die Zeit drängt eigentlich immer.
Unter Zeitdruck zu sein ist eine alltägliche Erfahrung aller, die „mitten im Leben“ stehen. Auch viele „junge Senioren“ haben kaum freie Zeit, weil sie sich vor Großelternaufgaben oder Angeboten für allerlei Ehrenämter kaum retten können.

„Ich stresse, also bin ich!“

Es gibt viele Verpflichtungen, die man nicht einfach als unwichtig oder vernachlässigbar vom Tisch wischen könnte.
Die Familie fordert uns. Das Familienleben ist heutzutage bei vielen genau durchgeplant. Da hängt irgendwo ein großer Kalender, auf dem die zahlreichen Termine der einzelnen Familienmitglieder stehen, die alle aufeinander abgestimmt sein müssen: Sophie hat Ballettunterricht? Mama muss sie hinfahren. Papa holt sie ab. Jan geht zum Vorstellungsgespräch. Er kriegt Mamas Auto. Die muss daher den Familieneinkauf schon am Vortag machen. Aber unbedingt vor 15 Uhr. Denn da hat die Oma einen Zahnarzttermin und braucht wegen der Betäubung eine Begleitperson. Der Vater muss das Abendbrot richten; also pünktlich das Büro verlassen. Hoffentlich fällt seinem Chef nicht gerade dann noch etwas Dringendes ein. Die Großen Jan und Sophie sind abends da, aber Rebekka, die Kleine, isst bei ihrer Freundin und übernachtet dort. Sie darf auf keinen Fall vergessen, ihren Schulranzen mitzunehmen …

Kommt Ihnen das bekannt vor? Den Älteren vielleicht weniger; den Jüngeren schon eher.
So vieles beansprucht Tag für Tag unsere Aufmerksamkeit und Zeit: Familie, Freunde, Beziehungen. Beruf, Karriere. Wir arbeiten, um unseren Lebensstandard zu sichern und das, was wir „Besitzstand“ nennen, zu erhalten. Wer weiterkommen will, muss noch mehr Einsatz bringen: Im Beruf sind Überstunden gefragt, besondere Projekte, Reisen. Privat möchte man vielleicht ein Haus kaufen oder bauen.
An all dem ist nichts Ehrenrühriges. Aber die Zeit ist kurz. Und sie wird immer kürzer, je mehr wir in unseren Tag und unsere Woche hineinpacken müssen.

Solch ständiges Tätig-Sein, solches Eingespannt-Sein bestimmt den Lebensstil und das Lebensgefühl vieler. Eine junge Frau hat ihr Unbehagen daran einmal in den Satz gefasst: „Ich stresse, also bin ich.“
Und im Umkehrschluss heißt das: Wer nur wenige Termine hat, muss sich fragen, ob etwas mit ihm nicht stimmt. Ist jemand, der keinen vollen Terminkalender hat, überhaupt wichtig?

Ohne Smartphone leben?

Eine andere Beobachtung zum Thema: Als wir im Frühsommer dieses Jahres das Konfi-Camp mit 300 Jugendlichen planten, gab es im Vorbereitungsteam die Diskussion, ob man ein Handy-Verbot aussprechen sollte. Einige befürchteten, dass die Konfirmandinnen und Konfirmanden sich stundenlang mit ihren Smartphones beschäftigen würden, SMS schreiben, telefonieren, Computer-Spiele machen, Musik hören, anstatt sich am gemeinsamen Programm im Camp zu beteiligen. Da sagte einer der älteren Mitarbeiter: „Handyverbot? Das können wir nicht machen. Das gibt einen Aufstand. Wenn du heute einem Jugendlichen das Handy wegnimmst, ist das, als wenn du ihm das Leben nehmen willst.“
In der Tat: Das Handy ist die Verbindung zu Freundinnen und Freunden, zur Welt. Das Smartphone hat ja alle Funktionen eines transportablen Computers. Es verschafft Spannung und Entspannung … So ausgerüstet bist du niemals allein.
Für viele Jugendliche und junge Erwachsene wird es immer unvorstellbarer, wie man ohne all die Möglichkeiten, die die neuen Medien bieten, leben kann. – Mindestens die Lebensqualität muss doch wohl leiden, oder etwa nicht?

Die Möglichkeit, immer und überall erreichbar zu sein und sich unkompliziert und schnell zu Wort melden zu können, ist sicherlich segensreich. Aber sie kann auch umschlagen und zum Fluch werden. Nämlich dann, wenn man immer und überall ansprechbar sein muss ohne Rückzugsmöglichkeiten, wenn man immer gleich reagieren soll, wo man vielleicht erst einmal Distanz, Ruhe und Muße bräuchte.
Wer immer erreichbar ist oder sein muss, der wird körperlich und seelisch ausbeutbar. Jede Minute kann jederzeit von einem fremden Anliegen besetzt werden. Jedes eigene Tun und Lassen kann unterbrochen werden.

Fazit: Wer seine Zeit selbst ausbeutet durch ein Übermaß an Terminen und Verpflichtungen oder wer seine Zeit von anderen ausbeuten lässt durch ständiges Erreichbar-Sein, der wird zum Sklaven seiner begrenzten Zeit.
Die Zeit wird ihm buchstäblich „zu kurz“.

Wer hat schon „immer“ Zeit?

Gott-sei-Dank gibt es noch ein paar Leute, die immer Zeit haben:
Sehr kleine Kinder haben Zeit. Haben Sie einmal ein zwei- oder dreijähriges Kind beobachtet, das im Garten eine Ameisenstraße verfolgt? Oder eines, das die Sternchen, die in der Suppe schwimmen, mit dem Löffel ewig hin- und herschiebt? Darf man Kinder in solcher Muße immer stören? Jesus hat gesagt: „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht in das Reich Gottes hinein kommen.“ Und: „Solchen gehört das Reich Gottes“(Matthäus 18,3 und Markus 10,14). Vielleicht hat er dabei auch daran gedacht, dass Kinder alle Zeit der Welt haben. – Jedenfalls dann, wenn man sie nicht schon im Kleinkindalter mit allen möglichen Programmen verplant.
Ich weiß natürlich auch, dass es nervtötend ist, wenn ein Kind mit seiner Suppe nicht fertig wird … Es ist ja nicht alleine auf der Welt, und die Eltern haben auch noch etwas anderes zu tun. Der paradiesische Zustand, in dem alle „alle Zeit der Welt“ haben, ist nun einmal nicht unsere erwachsene Realität.

Die Grenzen des Rennens und Raffens

Dennoch haben wir längst begriffen, dass ein Lebensstil des Rennens und Raffens nicht von Dauer sein kann. Das Immer-Schneller, Besser, Weiter, Mehr muss an Grenzen stoßen. Individuell und global.
Individuell beobachten wir das Gefühl der ständigen Überforderung, das bei nicht wenigen Menschen in Depressionen, Herzerkrankungen, Burnout mündet. Global mündet ein solcher Lebensstil in die Ausbeutung und Auslöschung ganzer Völker und die Zerstörung der Natur. Die Folge sind Katastrophen, die niemand mehr steuern kann.

Ein Weltuntergangsszenario will ich jedoch nicht zeichnen, denn Paulus hat in seinem Brief nach Korinth auch nicht damit gedroht, sondern er hat die Leute getröstet: „Das Wesen dieser Welt vergeht.“ Dieser atemlose Lebensstil, Rennen und Raffen werden von selbst an ihr Ende kommen: „Fortan sollen auch die, die Frauen haben, sein, als hätten sie keine; und die weinen, als weinten sie nicht; und die sich freuen, als freuten sie sich nicht; und die kaufen, als behielten sie es nicht; und die diese Welt gebrauchen, als brauchten sie sie nicht.“
Aller Beziehungsstress, alle finanziellen Sorgen stehen in einem ganz neuen Licht, wenn man sie im Vertrauen auf Christus betrachtet. Er hat ein Kind mitten unter die Erwachsenen gestellt und gesagt: „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht in das Reich Gottes hinein kommen.“ Und zu denen, die das Leben im Griff hatten, hat er über die Kinder gesagt: „Solchen gehört das Reich Gottes.“

Jesus hat das Kindsein nicht als ein unschuldiges Leben romantisch verklärt. Ich bin vielmehr davon überzeugt, dass es ihm um ganz praktische, beobachtbare Dinge ging: Das Kind, besonders das kleine Kind, ist abhängig von der Zuwendung der Größeren, die es versorgen. Es kann nichts dazu tun. Es muss und wird die Fürsorge einfach nur annehmen. Mit dieser Haltung darf auch jeder Erwachsene Gott gegenüber treten: bereit, seine Liebe und Fürsorge anzunehmen, ohne sie sich verdient zu haben. – Das ist ein anderer Lebensstil als der des Strebens und Stressens. „Denn das Wesen dieser Welt vergeht.“

Das Wesen des neuen Lebens

Diesen Lebensstil, „das Wesen“ der ersten Kindheit, neu einzuüben, dazu lädt der Apostel Paulus ein: Das Leben durchaus in die Hand zu nehmen, aber mit der inneren Bereitschaft loszulassen. Liebe und Gutes anzunehmen, aber auch Feindschaft und Böses, ohne sich daran zu klammern und sich darin zu verbeißen. Und am Ende doch zu wissen, dass unsere Hände leer sind, wenn wir an die Grenzen unserer Zeit stoßen.

Lothar Zenetti hat diese Erkenntnis in die Worte seines Liedes „Ich steh vor dir mit leeren Händen, Herr.“ gefasst (EG 382). In der dritten Strophe spüren wir das Aufatmen, mit dem „das Wesen dieser Welt vergeht“ und ein neues Leben in und mit und bei Gott Raum gewinnt:

„Sprich du das Wort, das tröstet und befreit
Und das mich führt in deinen großen Frieden.
Schließ auf das Land, das keine Grenzen kennt,
und lass mich unter deinen Kindern leben.
Sei du mein täglich Brot, so wahr du lebst.
Du bist mein Atem, wenn ich zu dir bete.“

Amen.

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