Drittletzter Sonntag des Kirchenjahrs (11. November 2012)

Autor/in: Pfarrerin Ute Stolz, Weilheim-Hepsisau [ Ute.Stolz@elkw.de]

Hiob 14, 1 -6

Liebe Gemeinde,
1938 dichtete Jochen Klepper die Verse unseres Eingangsliedes.
In der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 brannten Synagogen in ganz Deutschland. Angehörige von SA und SS zertrümmerten die Schaufenster jüdischer Geschäfte, demolierten die Wohnungen jüdischer Bürger und misshandelten ihre Bewohner.
Unermessliches und unvorstellbares Leid kam über viele Menschen. Manche litten mit ihnen, andere hatten das Ventil gefunden, durch das sie ihre kranken Gedanken, ihre Frustrationen und ihre Wut ausleben konnten.
Jochen Klepper war verheiratet mit einer deutschen Jüdin. 1942 hielt er dem Druck und der Angst vor dem, was die Nationalsozialisten ihm und vor allem seiner Familie antun würden, nicht mehr stand. In der Nacht auf den 11. Dezember ging mit seiner Frau und einer ihrer Töchter in den Tod. Welch tiefes Gefühl der Ausweglosigkeit muss ihn dazu bewegt haben. Jochen Klepper, ein Mensch, der sein Leben nicht mehr tragen konnte; es war ihm zu schwer geworden.
Auch unser Predigttext handelt von einem Mann, der schwerstes Leid erlebt hat. Was er durchmachen muss, ist so schrecklich, dass es nicht verwunderlich wäre, wenn er daran zerbrechen würde. Wenn er gar seinem Leben ein Ende machen würde. Seinen Namen kennen die meisten Menschen, auch die, die nicht bibelkundig sind. Hiob heißt er und dieser Name ist eingegangen in einen Ausdruck, der sprichwörtlich für eine schlechte Nachricht steht. Hiobsbotschaft nennen wir sie.

Wer war Hiob?

Hiob war ein reicher und wichtiger Mann. Er war fromm und rechtschaffen, gottesfürchtig und mied das Böse. So lesen wir am Anfang der Hiobbuchs.
Und dieser Mann verliert innerhalb kurzer Zeit fast alles, was ihm wert und teuer ist: seine Viehherden, seine Kinder, seine Gesundheit. Von Geschwüren übersät, sitzt er schließlich in der Asche, doch als seine Frau ihm rät, Gott den Rücken zuzukehren, ist er dazu nicht bereit.
Als Elifas, Bildad und Zofar, die drei Freunde Hiobs, von seinem Unglück erfahren, besuchen sie ihn. Sie sind so erschüttert, dass ihnen selbst die Tränen kommen. Sieben Tage und Nächte harren sie bei ihm aus und schweigen mit ihm. Nach dem Schweigen, dem gemeinsamen Aushalten dessen, was eigentlich nicht auszuhalten ist, beginnt Hiob zu klagen. Und je mehr seine Freunde dagegen anreden, desto schwieriger wird es. Quälende Diskussionen nehmen ihren Lauf, Fragen werden in den Raum gestellt, bleiben stehen wie riesige Steine, Fragen, die auch wir kennen.
Was hat Hiob getan, dass Gott ihn so straft? Worin besteht seine Sünde, dass ihm alles genommen und sein Leben so grausam zerstört wird? Da muss es doch einen Grund, eine Ursache geben. Und vor allem muss es doch eine Erklärung geben, eine Antwort, die dem Fragen und Rätseln ein Ende macht. Denn es kann doch nicht sein, dass das alles einfach so geschieht, ohne Grund.
Lange spricht Hiob, immer wieder unterbrochen durch die Entgegnungen seiner Freunde. Er spricht verzweifelt, bitter, empört, herausfordernd, seine Worte nehmen einem manchmal fast den Atem. Er klagt und er klagt Gott an.
Einer dieser Reden Hiobs ist unser Predigttext entnommen, er endet mit der Aufforderung an Gott, er möge den Mensch, sein Geschöpf, endlich in Ruhe lassen, beginnt mit einer klagenden Beschreibung der Begrenzung und Vergänglichkeit des Lebens. Nichts ist spürbar von den wunderbaren Möglichkeiten des Lebens, von Lebensfreude und Lebenssinn.
Das alles, was Hiob ja auch einmal erlebt und genossen hat, scheint in seinem Inneren wie ausgelöscht zu sein. Es ist dunkel um ihn und in ihm geworden. Hiob klingt so bitter, als habe er sein früheres gutes Leben vergessen. Zuerst, als das Leid noch ganz frisch war, da hat er anders geredet.Da hatte er anscheinend noch die Kraft, sein Elend anzunehmen und zu tragen. Das Gute war ihm noch im Bewusstsein. Der Herr hat´s gegeben, der Herr hat´s genommen Haben wir das Gute empfangen von Gott, sollten wir das Böse nicht auch annehmen? So hatte er gesprochen.
Aber inzwischen scheint ihm das ganze Ausmaß seiner Tragödie bewusst geworden zu sein. Die Katastrophe, die er erlebt, überdeckt alles. Es ist einfach zu schwer.
Und kein Mensch unter uns wird ihm das verdenken.

Wie gehen wir mit einer Hiobsbotschaft um?

Eine Hiobsbotschaft – und von jetzt auf gleich ist alles anders. Wir kennen das vielleicht auch. Man fragt sich, warum sich die Erde überhaupt noch dreht. Was gestern war, gilt nicht mehr, wenn man sich verraten fühlt vom Ehepartner, von der Lebensgefährtin, wenn man die Arbeitsstelle verliert, wo doch das Haus noch abzubezahlen ist, wenn man den Krebsbefund für sich selbst oder einen Menschen, den man lieb hat, bekommt. Wenn der Tod ins Leben hereinbricht, wie ein brutaler Feind und eine Gemeinschaft unerbittlich zerstört.
Wenn Naturkatastrophen ganze Existenzen vernichten.
Was soll werden? Wie weiterleben? Alles scheint plötzlich sinnlos zu sein.

In dieser Situation ist Hiob, und er geht mit Gott ins Gericht: Jetzt ist das Leben schon so kurz und der Mensch vergänglich, aber Gott lässt ihn nicht aus den Augen und zitiert ihn vor Gericht. Wo er doch genau weiß, dass es der Mensch gar nicht richtig machen kann, er kann gar nicht ohne Schuld leben. Was soll dieses ganze Bemessen und Bestrafen, warum plagt Gott den Menschen derart, so fragt Hiob mit fast zynischem Unterton. Sein Leiden erscheint ihm als Strafe.
Und schließlich fordert Hiob Gott auf, seinen Blick abzuwenden, damit er endlich seine Ruhe hat. Hiob hat genug.
Die Antwort eines der Freunde Hiobs auf seine Worte ist hart. Es ist die Schuld, die dich so reden lässt, meint er. Dein eigener Mund verurteilt dich. Du erhebst dich über Gott. Du hörst dich an, als hättest die Weisheit mit Löffeln gefressen, was erlaubst du dir, sagt er sinngemäß.

Treue zu Gott

Ich möchte mit Ihnen einen anderen Blick auf Hiobs Worte werfen. Denn ich finde es wirklich mutig, was er sagt, und ich möchte diesen Mut würdigen. Und ich möchte wahrnehmen, worin Hiob in seiner Klage eine für mich fast unfassbare Treue zu Gott erweist.
Denn in allem wendet sich Hiob nicht von Gott ab.
Er ist in seiner Klage und Anklage radikal, er erspart Gott nichts, er geht bis zum Äußersten, weil er sich von Gott verraten und im Stich gelassen fühlt.
Aber Hiob kündigt seine Beziehung zu Gott nicht auf.
Ich kann mir vorstellen, es wäre es einfacher für ihn gewesen, das zu tun.
Sich aus dem Staub zu machen. Nichts mehr von Gott wissen zu wollen.
Doch Hiob sagt zu Gott sinngemäß: Also wenn hier einer geht, dann du. Du, Gott, musst deine Augen abwenden.
Dass Hiob so klagt, entspringt keinem Selbstmitleid. Es erwächst aus tiefster menschlicher Verzweiflung, die ihr Leiden herausschreit ohne Zensur und Beachtung von dem, was man darf und was nicht. Und damit steht Hiob in der Tradition der Psalmbeter, die ihr Leiden, ihre Verzweiflung und ihre Klage ohne Rücksicht Gott hingeworfen haben.
Und indem Hiob genau das tut, hält er an der Beziehung mit Gott fest. Indem er wütet und all die schrecklichen Dinge ausspricht, bringt er zum Ausdruck: Gott, ich will etwas von dir. Hör mir zu. Ich habe dir etwas zu sagen.
So kann nur reden, wer einmal tiefes Vertrauen hatte. Ähnlich, wie sich Kinder am schlechtesten dort benehmen, wo sie keine Angst haben müssen. Bei Menschen, die sie fürchten, sind sie in der Regel brav.
Hiob ist nicht brav und angenehm. Er fordert Gott heraus. Bis zum Letzten....

Das Recht der Klage

Bei Besuchen höre ich von kranken und leidenden Menschen oft den Satz: „Man soll ja nicht klagen…“ Ud dann führe ich ihre Worte manchmal weiter und frage:
Warum eigentlich nicht?
Warum soll ein Mensch nicht wie Hiob mit Gott hadern und ringen dürfen in Krisen und im Leiden. Solange wir das tun, haben wir eine Beziehung zu ihm. Unsere Fragen, unsere Klagen brauchen ein Gegenüber. Ich erinnere mich noch genau, wie ein Theologieprofessor in einer Vorlesung sagte, dass der Mensch arm dran sei, der keine Adresse für seine Klage habe. Und Gott ist eine gute Adresse. Er hält aus, was Hiob ihm zumutet, und er hält aus, was wir ihm hinwerfen. Alles!
Am Ende des Hiobbuchs lesen wir: „Und Gott segnete Hiob fortan, mehr als früher... und Hiob starb alt und lebenssatt.“
Ob wir daraus schließen können, dass Gott Hiobs radikale Anklage nicht übelgenommen hat, ja, im Gegenteil, dass sich die Beziehung zwischen Gott und Hiob durch den Kampf und das Miteinander-Ringen noch vertieft hat? Diese Frage zu bejahen, liegt nahe, aber wir können es nicht als selbstverständliche Folge annehmen. Wir wissen es nicht.
Was ich aber glaube ist, dass Gott unseren Zorn und unseren Schmerz versteht. Er hört uns an und hält aus, was er da zu hören bekommt. Wie eine lebendige Klagemauer. Darin können wir uns von Hiob ermutigen lassen.

Die Frage aber, die immer noch bleibt, ist:

Warum dieses entsetzliche Leid?

In der Hioberzählung darf der Satan Hiob in Versuchung führen.
Er prüft mit der Erlaubnis Gottes, ob Hiob auch noch dann an Gott festhält, wenn es in seinem Leben nicht mehr geradeaus läuft und er Schweres durchmachen muss. Ich finde dieses Arrangement zwischen Satan und Gott, hätte es dieses tatsächlich so gegeben, grausam und menschenverachtend. Dass Gott wirklich so handeln könnte, ist mir unvorstellbar.
Aber auch wenn es nicht so gewesen ist, die Fragebleibt, warum Gott Leid zulässt, bleibt?
Und eine Antwort darauf gibt es nicht.
Doch es gibt eine Spur. Die Spur einer Antwort.
In einem Film trifft ein kleines Mädchen Gott und fragt ihn genau das: Warum lässt du Leid zu? Und Gott antwortet dem Mädchen, jede Münze habe zwei Seiten. Alles habe zwei Seiten in dieser Welt. Das Gute gäbe es nicht ohne das Böse, den Schatten nicht ohne das Licht, die Freude nicht ohne die Trauer.
Und tatsächlich: Mit dieser Polarität müssen wir Menschen seit dem Sündenfall und der Vertreibung aus dem Paradies leben. Wir wollten um Gut und Böse wissen, wie es die Schlange Eva versprochen hat, und nun erleben wir es und müssen damit zurechtkommen. Und das tun wir oft mehr schlecht als recht. Sogar Gott erleben wir so, als habe er zwei Seiten, als sei er uns zugewandt oder abgewandt, böse oder wohlgesonnen.
Aber das ist nicht er, das sind wir. Wir deuten das, was wir erleben, im Hinblick auf Gott, machen ihn dafür verantwortlich, so wie auch Hiob es getan hat. Und Gott hat dem standgehalten, er hat seinen Blick nicht abgewendet.
Ja, noch mehr. Er hat nicht nur von Weitem zugeschaut, er hat sich in Jesus mitten in unser Leben hineinbegeben. Mitten hinein in die Spannung von Gut und Böse, Schatten und Licht, Trauer und Freude. Damit niemand von uns mehr allein dastehen muss, sondern weiß, dass Gott an unserer Seite ist, weil er einer der unseren geworden ist.
Weil Jesus da war, glauben wir, dass Gott uns im Leid nicht allein lässt. So, wie Jesus es am eigenen Leib erlebt hat. Dieses Gefühl, von Gott und den Menschen verlassen zu sein und dann zu erfahren, dass Gott da war, auch in der allerschlimmsten Stunde.

Leid gemeinsam tragen

Daran einander immer wieder zu erinnern und darin füreinander einzustehen, Leid gemeinsam auszuhalten und zu tragen, ist ein wunderbarer Trost.
Damit wir vertrauen können: Wir sind nicht allein und wir lassen einander nicht allein.

Von Jochen Klepper stammen die Worte, die wir in der Weihnachtszeit singen werden und die das aufs Schönste zum Ausdruck bringen:

Noch manche Nacht wird fallen auf Menschenleid und Schuld.
Doch wandert nun mit allen, der Stern der Gotteshuld,
Beglänzt von seinem Licht, hält euch kein Dunkel mehr.
Von Gottes Angesichte, kam euch die Rettung her.

Jochen Klepper hielt an Gott fest, auch in den dunkelsten Stunden seines Lebens. Er wusste sich und seine Lieben bei ihm geborgen. Sein letzter Tagebucheintrag lautet:

„Wir sterben nun – ach, auch das steht bei Gott – Wir gehen heute Nacht gemeinsam in den Tod. Über uns steht in den letzten Stunden das Bild des Segnenden Christus, der um uns ringt. In dessen Anblick endet unser Leben.“

Jesu Lebensbotschaft ging mit seinem Leiden und Tod nicht unter. Im Gegenteil. Wir dürfen glauben und vertrauen, dass der Gekreuzigte lebt. Und dass wir mit ihm leben werden.
Amen.

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