Vorletzter Sonntag des Kirchenjahrs / Volkstrauertag (18. November 2012)

Autorin / Autor: Pfarrer Dr. Gerhard Schäberle-Koenigs, Bad Teinach-Zavelstein [Gerhard.Schaeberle-Koenigs@elkw.de]

Offenbarung 2, 8 -11

Jeder Gemeinde ihren Engel

Liebe Gemeinde,
es ist eine schöne Vorstellung, dass zu jeder christlichen Gemeinde ein Engel gehört. Ein Engel, der im Hintergrund wirkt, ein Engel, der Botschaften überbringt, wie es ja sein Name sagt: Bote. Ein Engel, der dafür sorgt, dass so eine Gemeinde nicht abgeschnitten von Christus und von den Glaubensgeschwistern in der Welt vor sich hin existiert.

Also hat auch die Gemeinde in Aichelberg einen Engel. Und die in Zwerenberg und in Enzklösterle und in Simmersfeld auch. Wunderbar. Es gibt jemand, der Bescheid weiß. Der sieht, was sich in der Gemeinde tut und was sich nicht tut. Der größere Zusammenhänge überblickt, die uns verborgen bleiben. Der sogar im Voraus sieht, was kommen wird.

Meinen Sie, der Engel der Gemeinde in Aichelberg war da in den letzten 105 Jahren? Ich denke schon. Nach allem, was mir zu Ohren gekommen ist aus dieser Zeit, seit es eine christliche Gemeinde in Aichelberg gibt, hat der Engel dieser Gemeinde viel zu tun gehabt und viel bewirkt.

Aber wie dem auch sei, ob Sie’s glauben oder nicht. Für den Johannes auf seiner Insel Patmos war sonnenklar: zu jeder Gemeinde gehört ein Engel. Der ist dazu da, Botschaften zu seiner Gemeinde zu bringen. Vielleicht greift er auch manchmal ein, vielleicht schubst er diesen oder jenen an, oder ist unerkannt dabei, wenn die Ältesten zusammensitzen, oder klatscht und singt leise mit, wenn die Jungschar zusammenkommt. Der Engel der Gemeinde Aichelberg hat viele Möglichkeiten, sich einzumischen.

Wie ein unverhoffter Gruß

Aber noch mal zurück zu dem Engel der Gemeinde in Smyrna. Izmir heißt die Stadt heute. In der Türkei. Für diese, seine Gemeinde, erhält er eine Botschaft. Die muss er überbringen. Irgendwie. Sie fängt an mit: „Ich kenne deine Bedrängnis und deine Armut – du bist aber reich.“ Und sie mündet am Ende in ein großes Versprechen: „Sei getreu bis an den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben“ (Es ist in dieser Botschaft auch von den Bedrängern die Rede, von der Synagoge des Satans. Bloß – wir wissen einfach nicht, was das bedeuten soll, wie können mit diesem Schimpfwort nichts anfangen).

Wenn ein einsamer, hoffnungsloser, verängstigter Mensch eine solche Nachricht bekommt – „ich weiß wie’s dir geht“ - dann ist das wie ein unverhoffter Gruß, wie ein Blatt an toten Zweigen.

Von dieser Art ist die Botschaft, die der Engel der Gemeinde in Smyrna überbringen durfte. Aber nun eben nicht an einzelne Menschen in Not, sondern an eine ganze Christengemeinde in ihrer Armut und Bedrängnis.

Einer weiß Bescheid

Das gibt es, dass eine Christengemeinde sich furchtbar arm vorkommt. Alles geht bergab bei uns. Wir werden immer weniger. Warum setzen sich so wenige ein für die Gemeinde? Und jetzt wollen sie uns auch noch den Pfarrer wegnehmen. Wie soll das enden? All das, was manche Gemeinden in dieser Zeit in Württemberg zu schaffen macht, ist gering gegenüber dem, was die Christen in Smyrna wohl umgetrieben hat. Vielleicht waren sie wirklich arm. Hatten keinen Raum für sich, keinen Betsaal, keine Kirche. Vielleicht sind sie immer weniger geworden. Vielleicht ist es vorgekommen, dass einzelne auf der Straße beschimpft wurden. Vielleicht mussten sie Angst haben, dass einer von ihnen unter fadenscheinigen Vorwürfen ins Gefängnis kam oder dass einer Familie das Haus angezündet wurde.

Und dann kommt dieser Brief. Ein unverhoffter Gruß. Und darin steht: „Ich weiß, wie’s euch geht. Ich weiß wie arm ihr dran seid. - Aber ihr seid reich.“ Und das kommt nicht von einem, der fernab in Sicherheit und Wohlstand sitzt, sondern von einem, der selbst Bedrängnis kennt. Und er sagt es auch nicht einfach von sich aus, aus einer menschlichen Regung heraus. Er hat’s von einem anderen: „Das sagt der Erste und der Letzte, der tot war und ist lebendig geworden.“

Unterm Gewölbe

In einer Christengemeinde geht es im Lauf der Zeiten immer wieder auf und ab. Eine Christengemeinde kann an den Rand des Vergehens kommen. Und kann auch wieder aufblühen. Es kann sogar vorkommen, dass eine Christengemeinde an einem Ort ganz vergeht. Die Gemeinde von damals in Smyrna gibt es nicht mehr. Dieses ganze Auf und Ab ist mit ergreifenden Gefühlen verbunden: Traurigkeit und Verzweiflung, oder Freude und Stolz. Sie haben es hier in Aichelberg selbst miterlebt, solange Sie denken können. Auch wie die Weltgeschichte in das Leben und den Bestand der Gemeinde eingegriffen hat. Da können und sollen wir heute auch an die Zeiten denken, als Gemeindeglieder von hier in den Krieg mussten. Manche nicht mehr zurückkamen, manche an Leib und Seele versehrt und verwundet wieder nach Hause kamen. Und an die Ängste, die dabei ausgestanden wurden.

Über all diesem Auf und Ab, das Einzelnen und der ganzen Gemeinde so viel zu schaffen macht, wölbt sich wie ein schützendes Gewölbe der „Erste und der Letzte, der tot war und lebendig geworden ist“ – und der Bescheid weiß. Niemand kann seinen Anfang ausmachen, niemand sein Ende erahnen. Das übersteigt unsere Fassungskraft. Da kommt in das Auf und Ab des Lebens einer Gemeinde ein Lichtstrahl aus einer ganz anderen Welt. Und doch so, dass wir merken: Was hier alles geschieht, was uns widerfährt, was in dieser Gemeinde getan wird, das ist dort, in der Ewigkeit, nicht belanglos. Das ist ihm, dem Herrn der Kirche, nicht egal.

Solange du lebst

Jede christliche Gemeinde hat ihren Engel. Wir können es nur erahnen, was er alles wirkt oder verhindert oder in die rechte Bahn bringt. Nur eins haben wir sozusagen schwarz auf weiß, ein wunderbares Versprechen: „Sei getreu bis an den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben.“ Es ist viel Schindluder getrieben worden mit diesem Versprechen. Und es hat einzelne und ganze Gemeinden durchgetragen durch vielerlei Bedrängnisse. Die Krone des Lebens: was für ein Versprechen. Am Ende kann alles gut werden. Am Ende wird unser Mund voll Lachens sein. Am Ende, wenn die Bedrängnisse überstanden sind, sehen wir unser Leben in hellem Licht. Es heißt: „Sei getreu bis an den Tod“, bis zu dieser Grenze, über die keiner hinausschauen kann. Also sei getreu, solange du lebst. Darüber hinaus ist von niemandem etwas gefordert. Kein Sterben kann ein Verdienst sein. Nur im Leben, solange wir leben, können wir Gott dienen und uns als Gemeinde Jesu Christi bemühen, verlässlich zu sein. Zuverlässig wie eine Quelle, wie ein Bachlauf, der immer Wasser führt.

So hört, was der Engel der Gemeinde auch in Aichelberg auszurichten hat: Solange es euch gibt, solange hier Christen leben, bleibt zuverlässig, feiert eure Gottesdienste, lobt Gott mit Psalmen und Liedern, ladet ein, haltet Gemeinschaft, schaut nach denen, die in Bedrängnis sind. Vertraut auf den Engel der Gemeinde. Er ist am Werk. Amen.

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