Ewigkeitssonntag / Totensonntag (25. November 2012)

Autor/in: Pfarrer und Studienleiter Johannes Gruner, Bad Urach [Johannes.Gruner@elkw.de]

Jesaja 65, 17 -25

Liebe Gemeinde,
in diesem Gottesdienst erinnern wir uns an unsere Toten. Die Namen der Menschen, die im zu Ende gehenden Kirchenjahr gestorben sind, haben wir vorhin gehört. Diejenigen, die wir kannten, treten vor unser inneres Auge. Noch einmal leben sie in uns auf. Noch einmal sind sie völlig gegenwärtig. Es sind Menschen, die uns wichtig waren, Menschen, die wir geliebt haben. Sie sind von uns gegangen. Und jetzt? Zurück bleibt oft eine merkwürdige Leere. Vieles ist anders geworden. Vertrautes wurde fremd. Wie soll einer sich da zurecht finden? Es ist oft mühsam, einen Neuanfang zu finden. Wenn der Alltag abgebrochen wird, durch den Tod, durch Verlust, dann muss ein neuer Weg gefunden werden. Ein neuer Weg ins Leben. Doch in welches Leben? Das Neue steht noch nicht so richtig vor Augen. Und so fällt man manchmal zurück in alte Muster. Man macht die Haustüre auf, will erzählen. Doch es meldet sich niemand. Die vertraute Stimme wird man nicht mehr hören. Es ist so vieles anders geworden im ganz normalen Alltag. Und der geht weiter. Das tut auch gut. Die Routine gibt wenigstens etwas Halt. Andererseits ist es gerade die Routine, die einen schmerzhaft daran erinnert: Wege sind beendet, sind abgebrochen. Und dann steht er wieder auf: der Schmerz. Er packt einen, schüttelt einen. Und es braucht Zeit, bis er kleiner wird. Was geschehen ist, ist unabänderlich. Wie wird es weitergehen? Wo tut sich der Spalt auf, hinter dem sich die Weite befindet, die gut tut? Nicht zu viel Weite. Aber doch so viel, dass die Enge weicht und man wieder aufatmen kann. Neue Hoffnung wächst. Das Leben ist wieder im Gleichgewicht. Denn ein Abschied verstört. Rüttelt und zerrt. Wie gut ist es dann, wenn man wieder nach vorne blicken kann. Mit klaren Augen eine Zukunft erkennt, die wieder ins Leben zurückfinden lässt.
Solch einen Zukunftsblick hat der Prophet Jesaja, als er seinem Volk diese Worte sagt, die heute unserer Predigt zugrunde liegen. Ich lese unseren Predigttext aus Jesaja 65,17-25.

Der schwere Neuanfang Israels …

Abschied heißt: Neuanfang. Und der fällt schwer. Dennoch will der Neuanfang gewagt werden. So wie bei den Israeliten. Sie kehren aus Babylon heim. Dies ist mit viel Hoffnung verbunden. Die Stadt Jerusalem leuchtet in den Erzählungen der Alten in hellen Farben. Die Gassen sind breit. Schatten spendende Häuser schützen vor den Hitze des Tages. Und der Tempel prägt den Tagesablauf der Menschen. Mit diesen Bildern im Kopf kehren sie in ihre alte Heimat zurück. Vor allem die, die in der Fremde, im Exil geboren und aufgewachsen waren.
Und dann diese Enttäuschung! Auch Jerusalem ist eine trockene, staubige Stadt. Überall liegen Trümmer. Dazwischen hat sich Unrat angesammelt. Der Tempel ist zerstört. Er muss erst neu errichtet werden. Die Stadtmauer ist voller Lücken. So hatten sie sich den Neuanfang nicht vorgestellt. Und dann kommen zu den Strapazen die Alltagssorgen: Woher Brot für die Kinder nehmen? Woher Kräuter für die Kranken? Wie soll der Lebensunterhalt verdient werden? Ihre Hoffnungen drohen verloren zu gehen. Darum gehen ihnen die Worte des Propheten nahe: Einen neuen Himmel und eine neue Erde wird Gott schaffen. Und wie sie sich die Worte des Propheten immer wieder vorsagen, da staunen sie. Die Bilder des neuen Himmels und der neuen Erde sind zum Anfassen nah. Die Hoffnung, die der Prophet verkündet, ist keine Utopie. Die Hoffnung, die Gott weckt, kann bald erlebt werden.

… und die Kraft der Hoffnungsbotschaft Jesajas

Die Bilder, die der Prophet vor den Augen der Israeliten malt, kennen sie. Es sind genau die Erwartungen, die sie gehabt haben, als sie in die Heimat zurückgekehrt sind: Fröhliches Kinderlachen. Wohnen in den Häusern, die man mit eigenen Händen gebaut hat. Niemand wird aus ihnen vertrieben. Die Saat, die man selbst ausgebracht hat, wird nicht von anderen geraubt. Man kann die Früchte des Ackers und des Weinbergs selbst genießen.
Und langsam sehen sie hinter all den Mühen, die sie umgeben, genau diese Träume aufblühen. Ja, es wird so geschehen. Es beginnt schon. Ja, es kann gar nicht anders sein. Unsere Träume werden wahr. Denn unsere Träume sind Worte des lebendigen Gottes. Wir können den Worten Gottes vertrauen. Gott ist es, der uns hierher gebracht hat. Er wird uns eine Zukunft geben, so wie er es uns früher verheißen und erfüllt hat.
Denn wie sie die Worte des Propheten hören, erinnern sie sich an die Worte, die sie in Babylon vernommen haben. Worte, die damals ebenfalls unrealistisch erschienen. Worte, die so völlig an der gegenwärtigen Situation vorbeizugehen schienen. Worte Gottes, der die Rückkehr verspricht. Der seinem Volk sagt: Eure Knechtschaft hat ein Ende. Auch damals schien dies so weit weg zu sein. Völlig unmöglich. Und heute sind sie hier, in der alten, in der fremden Heimat. Aber die Worte haben sich erfüllt. Sie waren nicht leer.
Und so sehen sie jetzt schon, trotz all der Trümmer, die blühende Stadt. Sie hören das Lachen der Kinder. Sie sehen die strahlenden Gesichter der Greise. Sie sehen sich am reich gedeckten Tisch mit all den Menschen, die ihnen wichtig sind. Ja, es wird wahr werden, was der Prophet sagt. Ja, es wird wahr werden, was er im Namen Gottes sagt. Denn Gottes Worte sind mächtig. Sie geben Hoffnung, weil Gott hält, was er verspricht.

Der schwere Neuanfang von Trauernden und die Hoffnungsbotschaft: Gott ist ganz dabei

Liebe Gemeinde, Gottes Wort zeigt Wirkung. Es ist nicht nur so daher gesagt, wenn er uns Leben verspricht. Ja, er will unser Leben so verändern, dass wir leben können. Dann entdecken wir Gutes in ihm. Leider ist das auf den ersten Blick nur schwer zu erkennen. Denn die Gegenwart ist grau. Sie ist mühsam, weil der Alltag neu aufgebaut werden muss. Der Wille zum Neuanfang ist da. Aber was angepackt werden muss, ist so viel. Oftmals ist auch nicht klar, wo zuerst angepackt werden muss. Das raubt Energie. Dann ist es schwer, neuen Lebensmut zu fassen. Es ist schwer, den geliebten Menschen nicht mehr um sich zu haben. Es ist schwer, alles allein entscheiden zu müssen, sich nicht mehr so nebenbei beraten zu können. Und vor allem: Es ist schwer, die Zuneigung nicht mehr zu erleben. Den freundlichen Blick. Vielleicht auch das Knurren, wenn mal wieder etwas nicht so lief, wie geplant. Auch wenn äußerlich alles in Ordnung zu sein scheint, so muss doch das eigene Lebenshaus neu aufgebaut werden.
Der Prophet hat den Israeliten mit wunderbaren Worten das Wesen Gottes beschrieben: „Es soll geschehen: ehe sie rufen, will ich antworten; wenn sie noch reden, will ich hören.” (Jes 65,24) Da ist Gott ganz dabei. Da ist Gott voller Tatendrang. Er redet mit uns. Er hört uns. Unsere Worte an ihn sind nicht vergeblich. Das musste den Israeliten gesagt werden, denn sie glaubten sich von Gott verlassen. Auch uns muss das immer mal wieder gesagt werden. Gott ist ganz Ohr, wenn wir mit ihm reden. Gott ist wirklich da, wenn wir ihn suchen. Gott handelt uns zu gut. Er öffnet uns neue Wege und steht uns zur Seite.

Gott öffnet neue Wege

Gott ist ganz für uns da. Das heißt nicht, dass er uns immer so antwortet, wie wir uns das vorstellen. Es kann auch heißen: Gottes Wege mit uns nehmen einen anderen Verlauf, als wir uns das ausmalen. Denn so wenig, wie wir Abschiede rückgängig machen können, so sehr gilt es doch, mit diesem neuen Lebensabschnitt gut umzugehen. Dann kann es sein, wir machen uns auf, um uns anderen Menschen zu öffnen. Dann kann es sein, wir erinnern uns an Dinge, die wir schon immer mal gerne machen wollen. Dann wird es sein, wir öffnen Türen und entdecken dahinter Menschen, die uns neu wichtig werden. Was zuvor unmöglich schien, wird dann Wirklichkeit. Ja, wo Gott ist, wird Unmögliches möglich.
Nichts anderes wollte der Prophet damit sagen, wenn er davon spricht, dass Wolf und Schaf beieinander liegen und der Löwe Stroh fressen wird (Jesaja 65,25)? Unmögliches wird möglich werden. Womit wir nicht rechnen, das wird wahr. Weil Gott uns zugut handelt. Weil Gott uns Wege ebnet und Türen öffnet, die in ein neues Land führen. Die neues Leben eröffnen. Amen.

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