2. Advent (09. Dezember 2012)

Autorin / Autor: Dekan i.R. Dr. Jochen Tolk, Weingarten [Jochen.Tolk@t-online.de]

Jesaja 35, 3 -10

Liebe Gemeinde,

Menschen in der Wüste …

Ausgebrannt, müde und kraftlos, als wäre man in einer Wüste ausgesetzt, wo weit und breit keine Hilfe ist und jeder Schritt Überwindung kostet. Viele unter uns haben das schon erlebt. Manche erleben gerade jetzt, dass sie in ihrer Wüste feststecken. Wie viele sind es in unserem Land, wie viele Millionen weltweit, die den Glauben an eine gute Zukunft, die den Lebensmut verlieren und in ihrer Schwäche nicht mehr hochkommen?

... wir sollen sie stärken

„Stärkt die müden Hände, ruft uns der Prophet heute zu. Macht fest die wankenden Knie! Saget den verzagten Herzen: Seid getrost, fürchtet euch nicht.“ Aufhelfen sollen wir denen, die drunten sind, damit sie wieder auf die Beine kommen. Doch ein Mensch, der wirklich ausgebrannt ist, erschöpft und verzweifelt, nachdem er alles gegeben hat, der kommt so leicht nicht wieder hoch. Trösten, gut zureden genügt da nicht. Dem muss man schon eine Hoffnung geben, die nicht in ihm selbst begründet ist. Dem müssen schon Kräfte zufließen, die nicht aus ihm selber kommen.

Advent heißt: Gott hat die Menschen in der Wüste nicht vergessen
– das ist wie Wasser, das die Wüste zum Blühen bringt


Darum geht es im Advent, gerade heute in der Botschaft des Propheten Jesaja für alle Müden und Verzagten: Gott hat euch nicht vergessen. Gott lässt euch nicht im Stich. Er kommt in die Welt, er kommt in euer Leben herein. Und wenn er kommt, dann verwandelt sich eure Wüste in blühendes Land. „Denn es werden Wasser in der Wüste hervorbrechen und Ströme in dürrem Land.“ Das ist, wie wenn am Ende einer monatelangen Trockenzeit in der ausgedörrten, toten Steppe der erste Regen fällt und mit einem Schlag neues Leben hervorbricht wie bei einer Explosion. Dieses Wunder erleben die Menschen in den Ländern des Südens jedes Jahr. Von einem Tag auf den anderen verwandelt sich die ausgedörrte, tote Steppe: Gräser und Blumen sprießen, ausgetrocknete Flüsse führen wieder Wasser, die Luft ist erfüllt von Vogelgezwitscher. Vieh, das halbverhungert durch die Steppe gezogen war, findet Nahrung, Kälber hüpfen in mutwilligen Sprüngen und boxen ihre Schädel aneinander. Die Menschen sind fröhlich in der Hoffnung auf Wachstum und eine neue Ernte auf ihren Feldern. Alles freut sich und jubelt, weil die Dürre zu Ende ist und neues Leben erblüht. So wird das sein, wenn Gott hereinkommt in die Welt, in ein Menschenleben, das ausgedörrt, erstarrt, ohne Lebensmut und Hoffnung war. „Die Wüste und Einöde wird frohlocken und die Steppe wird jubeln und wird blühen wie die Lilien, denn es werden Wasser in der Wüste hervorbrechen und Ströme im dürren Land.“

Im Advent hören wir den Ruf: „Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch, dass der König der Ehren einziehe.“ Er kommt zu allen in der Nähe und in der Ferne. Er will nichts von uns haben. Nein, bringen und schenken will er uns, was müde und verzagte Menschen mit neuer Kraft, neuer Hoffnung und neuem Lebensmut erfüllen kann: Er schenkt die Gewissheit, dass er bei uns ist, dass er uns liebt und für uns sorgt. Er schenkt das Vertrauen, dass er uns führt auf und zu einem Ziel bringt, für das es sich zu leben, sich zu mühen und auch zu leiden lohnt. Er schenkt die Hoffnung, dass wir am Ende alles los werden, was uns heute so sehr belastet: „Die Erlösten des Herrn werden heimkommen mit Jauchzen. Ewige Freude wird über ihrem Haupte sein, Freude und Wonne werden sie ergreifen, und Schmerz und Seufzen wird entfliehen.“

Menschen erfahren Gottes Gegenwart und werden zu Quellen des Wassers

Wir werden angesprochen auf Erfahrungen, die wir selbst in unserem Leben mit Gott gemacht haben, und werden ermutigt, noch viel mehr und noch Größeres von ihm zu erwarten. Im Evangelium des Matthäus (11, 2-6) hören wir, wie Johannes der Täufer seine Jünger zu Jesus schickte und ihn fragen ließ: „Bist du es, der da kommen soll, um die Verheißung des Propheten zu erfüllen oder sollen wir auf einen anderen warten?“ Und Jesus antwortete ihnen: „Sagt dem Johannes, was ihr hört und seht: Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, die schon erstorben waren, stehen wieder auf, und den Armen wird die Botschaft vom Reich Gottes verkündet.“ Da geschahen Dinge, die von den Menschen um Jesus als Wunder erlebt wurden.
Wir kennen diese Geschichten, die bis heute weitererzählt werden, weil es eben nicht nur Geschichten aus einer fernen Vergangenheit sind. Heute geschieht es, dass in der Wüste neues Leben erblüht. Und wir sollen, wir können dabei mitwirken. Nicht nur die, die das Amt der öffentlichen Verkündigung haben oder in der Diakonie mitarbeiten. Wir alle sind gemeint, auch wenn wir es uns vielleicht gar nicht zutrauen. Jesus traut es uns zu: „Wer an mich glaubt, von dessen Leib werden Ströme lebendigen Wassers fließen“ (Johannes 7, 38 ).

Immer wieder denke ich an jene alte Frau, die vor 30 Jahren meine Nachbarin war. Sie war nicht verheiratet, hatte keine Kinder. Sie war die „Tante“, die immer ganz selbstverständlich in der Verwandtschaft aushalf, wenn sie gebraucht wurde. Und nun war sie krank, todkrank, konnte das Bett nicht mehr verlassen. Ihre Nichten sprachen sich ab und sorgten für sie, waren abwechselnd bei ihr, morgens, mittags und abends. Und viele aus dem Dorf kamen, um die Kranke zu besuchen, kamen immer wieder. Denn die alte Frau redete nicht viel über ihre Beschwerden, sagte nur: „Der liebe Gott wird es schon recht machen.“ Und dann fragte sie ihre Besucherinnen, wie es denn ihnen geht und den Kindern und dem Mann... Die ganzen Sorgen konnte man ausbreiten vor dieser Frau, und es tat einfach gut, wie sie zuhörte und Anteil nahm und am Ende sagte: „Ich werde für euch beten.“ Getröstet und gestärkt gingen viele aus dem Krankenzimmer: „Der liebe Gott wird es schon recht machen.“

Ich denke an die junge Frau mit ihren drei kleinen Kindern, die in der Vesperkirche mit mir am Tisch saß. Ihr Mann ist einfach gegangen, hat sie sitzen lassen mit einem Haufen Schulden. Jetzt hat sie gar nichts mehr, und die Eltern können auch nicht helfen. Von Sozialhilfe lebt sie jetzt, und sie schämt sich für das, was aus ihr geworden ist. Eigentlich geht sie nicht mehr unter die Leute, aber in die Vesperkirche, da geht sie hin. „Wie viele da mithelfen, und wie freundlich die alle sind, sagt sie, wie hilfsbereit und besorgt! Die freuen sich, wenn ich mit meinen Kindern komme. Ich treffe Leute, die sich wirklich für mich interessieren. Und das alles in der Kirche, vor dem Altar!“

Bei den Menschen in Afrika erlebe ich immer wieder ein großes Staunen darüber, dass Christen im fernen Europa an sie denken, sie besuchen, ihre Partner werden wollen. „Die wollen ja wirklich wissen, wie es uns geht, und wenn sie unsere Armut sehen, dann erzählen sie zu Hause davon und sammeln in ihren Gemeinden Geld, damit unsere Kranken versorgt werden und unsere Kinder zur Schule gehen können.“ Vielleicht ist diese Hilfe nicht mehr als der Tropfen auf dem heißen Stein angesichts der deprimierenden Armut, in der weltweit so viele Menschen leben. Aber es geht ja nicht nur um materielle Hilfe. Noch wichtiger ist für diese Menschen die Erfahrung, dass Gottes Geist fremde Menschen in einem fernen Land dazu bewegt, Anteil zu nehmen am Schicksal der Armen und ihnen beizustehen in ihrer Not.
„Wer an mich glaubt, von dessen Leib werden Ströme lebendigen Wassers fließen.“ Leben blüht auf, wenn Gottes belebender Geist, Gottes heilende Kraft in uns fließt und durch uns in das Leben der Mühseligen und Beladenen hinein. Was für eine Wüste wäre unsere Welt erst, wenn es die nicht gäbe:

- die ohne große Worte für andere da sind in ihren Familien, in der Nachbarschaft, im Betrieb;
- die sich in Vesperkirchen, Besuchsdiensten, Betreuungsvereinen, Telefonseelsorge und Nachbarschaftshilfen engagieren;
- die für eine Welt kämpfen, in der nicht alles vom Streben nach Profit beherrscht wird und die Schwachen immer tiefer ins Elend gestoßen werden, sondern das Lebensrecht und die Würde jedes Menschen gewahrt und gefördert wird.

Gott erfüllt das Versprechen seines Kommens an der ganzen Erde

Noch ist längst nicht alles in Erfüllung gegangen, was der Prophet verkündigt hat. Auch heute noch gleicht unser Weg durch das Leben oft einer mühsamen Wanderung durch eine lebensfeindliche, bedrohliche Wüste, die uns Angst macht. Die „reißenden Tiere“, von denen der Prophet spricht, sind noch nicht verschwunden. Wir warten noch auf den Tag, an dem die Bedrohung des Menschen durch den Menschen endet, der Schwache zu seinem Recht kommt, der Arme satt wird, alles Leiden ein Ende hat. Doch die belebenden und heilenden Kräfte strömen in unser Leben, in die Welt herein. Und am Ende werden wir erleben, wie Gott an uns und an der ganzen Welt erfüllt, was er versprochen hat: „Ewige Freude wird über ihrem Haupte sein; Freude und Wonne werden sie ergreifen, und Schmerz und Seufzen wird entfliehen.“

Amen.

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