2. Advent (09. Dezember 2012)

Autorin / Autor: Pfarrer Dr. Alexander Fischer, Stuttgart [fischer@dbg.de]

Jesaja 35, 3-10

Liebe Gemeinde,

ein großes Zukunftsbild entsteht vor unseren Augen. Der Text aus dem Buch Jesaja führt uns zunächst in die Wüste, in eine ausgedehnte Kalksteinwüste mit ausgetrockneten Tälern, über weite Strecken nur mit einer dünnen Humusschicht bedeckt, hier und dort ein paar Dornen und Disteln und etwas Gras. Es ist durch die Hitze des Ostwinds bereits trocken und welk. Dann hören wir den Hoffnungsruf: „Seht, da ist euer Gott! Seht, da kommt euer Gott und wird euch helfen!“ Noch sehen wir ihn nicht. Doch wir sehen, wie sich in seiner Umgebung die tödliche Wüste verwandelt. Quellen sprudeln, Teiche füllen sich mit Wasser, Gras und Schilf wachsen hoch. Das Land wird von seinem unfruchtbaren Dasein befreit. Noch bleibt das Ziel dieser Veränderungen geheimnisvoll verborgen, doch wir kennen es bereits aus der Bibel: Eine wunderbare Straße! Sie durchzieht die aufblühende Wüstenregion. Keine Gefahr droht auf dem heiligen Weg, kein Raubtier zeigt sich weit und breit. Dort werden die Erlösten gehen, sie werden heimkehren zum Zion in großer Freude. Man reibt sich die Augen: Das ist keine Fata Morgana, kein Wunschtraum vom himmlischen Jerusalem. Das Buch Jesaja entwirft ein großes Zukunftsbild für die Gegenwart, eine geschichtliche Vision für die Stadt Jerusalem, eine konkrete Hoffnung für die unerlöste Welt. Die Verheißung gilt allen Verstreuten aus dem jüdischen Volk. Sie werden aus der Fremde heimkehren, sie werden in Frieden und in Freiheit nach Jerusalem heimkehren. Und wir spüren sofort, wie weit diese Zukunftsvision von unseren politischen Realitäten entfernt ist, von dem heute so angespannten Verhältnis zwischen Israel und Palästina und dem heute so komplizierten Miteinander der Religionen in der Gottesstadt.

Das kühne Zukunftsbild und der widerstreitende Alltag

Dieses kühne Zukunftsbild soll uns also heute in den Advent führen. Und ich gebe zu: Ich habe meine Schwierigkeiten mit solchen Zukunftsbildern. Denn gerade in der Adventszeit beschäftigen mich weniger die großen Fragen als die vielen kleinen Aufgaben in meinem Alltag. Und im Augenblick denke ich auch weniger an die große Wunderstraße durch die Wüste. Zu schaffen machen mir die vielen kleinen, mehr oder weniger unheiligen Wege, die ich noch gehen möchte, bevor es Weihnachten werden kann. Vor dem Christfest, da möchte man gerne alles in Ordnung bringen und sich selbst aufräumen. Manche machen sich dafür einen Zettel, was noch erledigt werden muss. Dann kann es Weihnachten werden, dann kann man aufatmen und durchatmen – aber erst, wenn alles geschafft ist! Deshalb hat mir auch der erste Satz des Predigttextes gut gefallen, weil er so lebensnah, so passend ist: „Stärkt die müden Hände und macht fest die wankenden Knie!“ Das gibt Auftrieb und Antrieb! Aber was ist mit dem großen Zukunftsbild?

Das Bild von den Erlösten versus die Getriebenen im Advent

Am Samstagmittag fahre ich noch schnell in den Baumarkt. Auch die Eckbank im Esszimmer soll noch vor Weihnachten fertig werden. Winkeleisen, Schrauben und Klarlack fehlen mir noch. Und schon bin ich mitten drin im vorweihnachtlichen Gewusel und streife in der Einkaufshalle umher wie durch ein Ödland von hohen Regalen. Wie hieß es doch so schön im Bibeltext: „Wo zuvor die Schakale gelegen haben, soll Gras und Rohr und Schilf stehen.“ Doch hier ist nichts davon zu spüren. Im Gegenteil: Ich finde mich wieder unter Schakalen, ja ich bin selbst ein Schakal in dieser Gegend, bin auf Beutezug und packe meine Beutestücke in den Einkaufwagen. Freude kommt da nicht auf bei dem Gekläffe der Leute, die vor der Kasse Schlange stehen.

Unsere Wege und die „Wunderstraße“

Endlich bin ich draußen, verstaue die Sachen im Auto. Jetzt gehts noch schnell zu einem Besuch bei der Großtante im Altenheim. Auch dort will ich unbedingt noch vor Weihnachten vorbeischauen. Doch kaum biege ich vom Parkplatz in die Straße ein, stehe ich auch schon im Stau, Schritt-Tempo. Die zweite Fahrspur ist gesperrt. Da heißt es einfädeln, einer nach dem anderen. Wirklich, das ist keine Wunderstraße! Das ist keine Fahrbahn, die der heilige Weg heißen wird. Und die herrliche Verheißung „auch die Toren dürfen nicht darauf umherirren“ trifft heute ganz gewiss nicht zu. Nur Idioten sind wieder auf der Straße unterwegs. Vordrängeln, reindrängeln, hupen. Ein Lastwagen mit Hänger blockiert die Fahrspur, ein Sportwagen quetscht sich vorbei. Da lasse ich mir doch den heiligen Weg gefallen, von dem das Buch Jesaja berichtet: „Es wird da kein Löwe sein und kein reißendes Tier darauf gehen; sie sind dort nicht zu finden, sondern die Erlösten werden dort gehen.“ Ja, ein schönes und beruhigendes Bild: „Die Erlösten werden dort gehen.“ Erlöst von den Lasten! Befreit von den Zwängen, den fremden und den eigenen. Fröhlich ziehen sie dahin. Keiner drängelt, keiner stößt, keiner hetzt. Sie gehen gemeinsam, hoffnungsvoll, den Zion vor Augen. Das sind die Erlösten. Ein Hupen reißt mich aus den Gedanken. „Fahr doch endlich zu,“ gestikuliert wild ein Mann im Auto nebenan, und ich ahne, was er gerade zu mir sagt. Von seinem Ärger angesteckt, schüttle ich nur den Kopf: Ja, diese Straße, die gehört heute ganz und gar den Unerlösten, den Umherirrenden, den Kleingeistern. Und wieder entschwindet mir das große Zukunftsbild der Bibel in den Niederungen meines Samstagnachmittags.

Unsere Gebrechen als Ort für die neue Wirklichkeit

Ich biege ein auf dem Parkplatz des Altenheims. Endlich, es ist spät geworden. Ich eile hinauf in den zweiten Stock und treffe meine Großtante im Aufenthaltsraum. Sie erwartet mich nicht, aber sie freut sich. Und sie sitzt in einer Runde von lieben Menschen und – von zahlreichen Gebrechen: Viele sitzen im Rollstuhl, manche sehen schlecht, andere hören kaum oder stammeln etwas vor sich hin. „Dann werden die Augen der Blinden aufgetan und die Ohren der Tauben geöffnet werden. Dann werden die Lahmen springen wie ein Hirsch, und die Zunge der Stummen wird frohlocken.“ Ja, so beschreibt die Bibel die Veränderungen in Gottes Nähe und ich traue mich fast nicht, daran zu denken. Welch ein Gegensatz: Dort die heilvolle Zukunft aus dem Buch Jesaja und hier die reine Ansammlung von menschlichen Gebrechen. Ja, ich traue mich nicht mal, meiner Großtante von diesem großen Hoffnungsbild zu erzählen. Aber wahrscheinlich hätte ihr das Bild sogar gefallen: von den Lahmen, die wie Hirsche zu springen beginnen. Eine so leichtfüßige Zukunft! Sie schmunzelt in ihrem Rollstuhl, aus dem sie nicht mehr aufstehen kann. Ahnt sie meine Gedanken? Ich fühle in diesem Augenblick: Die Macht des Faktischen bestimmt hier im Pflegeheim gar nicht so sehr die Lebensart. Und der Hang zur Kindheit, den ich auch bei meiner Großtante bemerke, trägt eine Leichtfüßigkeit in die Wirklichkeit ein, die mich verblüfft. Ja, ich spüre an diesem wunderlichen Ort: da ist mehr Offenheit für eine andere Wirklichkeit, da ist mehr Gefühl für den Advent, als in meinen eigenen Gliedern steckt. Ich bin müde. Draußen ist es dunkel, als ich das Altenheim verlasse. Ich komme heim und lasse mich in meinen Sessel fallen. Das große Zukunftsbild aus dem Buch Jesaja ist weg, ist verschwunden. Die Mühlen des Alltags haben es zerrieben. Und ich weiß: Auch der Krimi im Fernsehen wird mich an diesem Samstagabend nicht erlösen.

Jesajas Zukunfstverheißung zieht uns in Gottes neue Wirklichkeit hinein

Heute ist Sonntag, der zweite Advent. Die Eckbank im Esszimmer ist noch nicht fertig. Aber wirklich, ich habe keine Lust, mich heute morgen an die Arbeit zu machen. Jetzt sitze ich hier in der Kirchenbank und warte sozusagen auf meine zweite Chance. Vielleicht kann ich doch noch was anfangen, mit dieser großen Zukunftsvision aus der Bibel. Leider bin ich heute nicht besonders aufmerksam im Gottesdienst. Mein Blick schweift aus dem Gesangbuch nach oben in die Höhen des Kirchenraums. Er gibt mir für den Moment ein Gespür für das, was meine Welt übersteigt. Vielleicht ist die Wirklichkeit ja weiter und umfassender als das, was ich vor Augen habe. Vielleicht sehe ich am Boden immer nur den Staub, den ich selbst aufwirble, Tag für Tag. Warum nur diese Bodenhaftung? Woher kommt das, dass ich mich so fest an eine einzige Wirklichkeit klammere, an das Faktische, an das Machbare. Darf ich denn wirklich nur mit dem rechnen, was sich berechnen lässt?
Und so habe ich mich fast schon durch die halbe Predigt hindurchgeträumt. Doch ich merke: Die große Zukunftsvision aus dem Buch Jesaja möchte keine Prognose sein, die wir vorher auf ihre Wahrscheinlichkeit abklopfen müssen, die wir vorher durchrechnen und überprüfen sollen. Im Gegen¬teil: Die Zukunfts¬vision möchte uns einfach nur hineinziehen in ihre Wirklichkeit, in eine andere Wirklichkeit, in Gottes Wirklichkeit. Und jetzt bin ich wieder ganz aufmerksam: Ich folge der Predigt und den Spuren der Wanderer durch die Wüste: Sie sind unterwegs, unterwegs zum Zion – ich bin unterwegs, unterwegs in den Advent. Gemeinsam sind wir unterwegs: „Denn seht, da ist euer Gott, er kommt und wird euch helfen!“ Aus dieser Perspektive, aus dieser Blickrichtung verändert sich unsere Wirklichkeit: Die gefährliche Route durch die Wüste wird zu einem heiligen Weg, die menschenfeindliche Landschaft verwandelt ihren Charakter, die Raubtiere verschwinden, die Gebrechen werden geheilt. Und mir scheint: Die Menschen, die da voller Freude unterwegs sind, die können es sehen. Kann ich es auch?
Der Bibeltext denkt zunächst an das jüdische Volk, an die Verstreuten und die die Randsiedler, die sich nach dem Zion, nach Gottes Nähe sehnen. Viel-leicht sind unter ihnen aber auch Zauderer und Realisten, wie ich einer bin. Vielleicht sind unter ihnen auch gestresste, verunsicherte oder einsame Menschen. Wir wissen das nicht. Denn sie werden nur mit einem einzigen Wort bezeichnet. Im Predigttext heißen sie alle die „Erlösten“. Die Erlösten werden zum Zion kommen. Ihre Lasten sind ihnen bereits abgenommen. Dieses alltägliche Handgepäck, das wir mit uns herumschleppen: Belastungen, die uns bedrücken, Ansprüche, die wir nicht erfüllen können, Depressionen, die wir nicht loswerden. Davon sind die „Erlösten“ schon befreit. Und ich spüre in meinem Herzen: Ein wenig Erlösung täte mir gut, unterwegs in den Advent. Ein Stück Zuversicht täte mir gut, in den nächsten Tagen bis Weihnachten. Etwas mehr Fröhlichkeit könnte ich heute auch noch gebrauchen. Und wenn mir das Zukunftsbild aus dem Buch Jesaja noch immer zu groß erscheint, dann versuch’ ich es vielleicht mal mit einem Gebet: „Gott, nimm mich unerlösten Menschen mit auf deinen heiligen Weg. Stärke meine müden Hände und mach fest meine wankenden Knie!“ Amen.

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