4. Advent (23. Dezember 2012)

Autorin / Autor: Pfarrer i.R. Dr. Werner Grimm, Tübingen [werner-grimm.verlag@t-online.de]

Johannes 1, 19 -28

Liebe Gemeinde,

es geschah bei einem sogenannten Leichenschmaus; der kleine Bub saß mir gegenüber und guckte mich auffällig lange an, dann las er wieder in seinem Comic-Heft, um dann doch wieder seine Augen prüfend auf mein Gesicht zu richten. Und dann sagte er mit einem Staunen in der Stimme: „Gell, du bist Boris Becker?!“ Knapp daneben, ist auch daneben, gab ich zurück, ein bisschen geschmeichelt, ein bisschen peinlich berührt, denn schon starrten mich einige Tischnachbarn an. Mit leichtem Kopfschütteln studierte der Knirps wieder in seinem Heft. „Dann bist du aber der Vater von Boris Becker!“ Der wollte ich dann erst recht nicht sein. Und so versuchte ich, dem Buben endlich positiv zu sagen, wer ich bin und was ich mache. Und dabei merkte ich, dass ich das mit einigen Sätzen umschreiben musste. Denn mit Theologie und Pfarrer konnte er nur ungenau etwas anfangen. Und außerdem wollte ich vermeiden, dass die mithörenden Tischnachbarn mich in eine entsprechende Schublade einordneten. Denn welcher Mensch möchte schon auf seine Berufsrolle reduziert sein!
Die Identitätsfrage – nicht immer ist sie eine so lustige Angelegenheit wie in meinem Boris-Becker-Erlebnis. Aber ausweichen kann man ihr schlecht, nachdem man nun einmal zum individuellen Dasein in der Welt bestimmt ist. Bin ich das, was andere von mir sagen, oder bin ich der, für den ich selbst mich halte? Bin ich das, was mir gestern rausgerutscht ist, oder bin ich der, der heute so und so darüber denkt? Wer bin ich? Zumal wenn ich diese Frage mit einer Art Zwischenbilanz verbinde, macht sie mir Not: Was habe ich eigentlich aus meinem bisherigen Leben gemacht, und ist es das, was der liebe Gott wohl mit mir vorgehabt haben mag, als er mich im Mutterleib heranwachsen ließ?

Johannes – wer er nicht ist!

Schauen wir mal an, wie jener Johannes, der als Erster der Geschichte Jesus von Nazareth als das Licht der Welt bezeugt hat – wie er über sich selbst ins Klare kam – damals als die Priester aus Jerusalem so eine Art „heiteres Berufe-Raten“ mit ihm veranstalteten.
Wer bist du? So fragen die, die ihn beäugen. Irgendwie spüren sie, dass dieser seltsame Mann, der sich von Heuschrecken und wildem Honig ernährt – irgendwie merken sie, dass er sich einer besonderen Rolle im Plan Gottes bewusst ist. Also: Wer bist du?
Da stellt er klar: Der Christus, den manche von euch in mich hineinsehen, der bin ich nicht. Auch uns ist es ja peinlich, mit einer Lichtgestalt verwechselt zu werden, die wir beim besten Willen nicht sein können! Unter nichts leidet schon ein Kind mehr als unter dem Druck hochgeschraubter Erwartungen, die es dann nur unter Verbiegungen erfüllen kann oder aber enttäuschen muss.
Bist du ein zweiter Elia? So bohren sie nun bei Johannes weiter, und Johannes mag einen Moment lang mit der Antwort gezögert haben. Denn von diesem Propheten, wie er im Buch des Alten Testaments stand, da hatte er einiges angenommen – von der Kraft der gesellschaftskritischen Rede bis hin zur skurrilen Kleidung. Und wie einst Elia so sah auch er das Gottesgericht über alle Halsabschneider kommen. Aber das Gericht Gottes selbst in die Hand nehmen und die Götzendiener bis aufs Blut bekämpfen – das war seine Sache nicht. Und Wunderkraft stand ihm auch nicht zu Gebote. Das alles unterschied ihn doch erheblich von Elia. Nein, er wollte nicht etwas übergestülpt bekommen, was seinem Wesen nicht entsprach.
Und ist es nicht so? Auch wir fühlen uns hundselend, wenn wir uns wieder mal zwingen ließen, etwas vorzuspielen, was gar nicht aus der eigenen Personenmitte kommt, was nur dafür gut ist, den Erwartungen anderer Leute zu entsprechen.
Ja, aber wer bist du dann?! Dein spektakuläres Auftreten provoziert uns doch förmlich, dass wir uns Gedanken über dich machen. Bist du vielleicht der Prophet wie Mose, der am Ende der Zeit in die Welt kommen soll? Der Israel endgültig in die Freiheit führen wird, dieses letzte Mal gegen die Römer ? Und Johannes antwortet: Nein.

Johannes – wer ist er dann?

Stark, wie Johannes zu sich selbst steht! Aber nun muss er doch auch positiv sagen, welche Aufgabe er in Gottes Plan zu übernehmen gedenkt. Immer und zu allem nur Nein sagen – das kann’s ja auch nicht sein. Und so sagt er jetzt: „Ich bin eine Stimme eines Predigers in der Wüste: Ebnet den Weg des Herrn!“ Was der biblische Bericht nicht eigens berichtet, was wir aber voraussetzen dürfen: Bevor sich Johannes diese Erkenntnis so formte – da hat er manchmal in sich hineingehorcht, was sich denn da vernehmen lasse als das für ihn Richtige: da hat er die Stimme Gottes im Gespräch mit seinem Innersten gesucht und schließlich gefunden. Und schon darin, in diesem offenbar gelungenen Bemühen kann er uns ein gutes Vorbild sein!

Johannes als Zeuge Christi

Aber noch in einer anderen Hinsicht. Johannes ist ja doch, soweit ich sehe, der erste Mensch, der seine Aufgabe in der Welt in Bezug zu Jesus, dem Christus, setzt. Damit muss er besonders interessant werden für alle, die sich als Christen verstehen. Denn zur Identität eines Christen gehört eben neben allen individuellen Eigenschaften und Besonderheiten dieser Bezug zu Jesus Christus – er ist Bestandteil der Persönlichkeit eines Christen. Nicht von ungefähr nennt der Evangelist den Täufer einen „Zeugen“ Christi, und später sagt Christus im Evangelium zu allen Jüngern: „Ihr sollt meine Zeugen sein.“ Zeugen Christi sein – diese Bestimmung verbindet uns mit Johannes dem Täufer. Und deshalb können wir bei ihm so etwas wie Grundhaltungen eines Christen lernen.

Wir als Zeugen Christi: Was ist ein Christ?

Zur Identität des Christen gehört dann erstens die innere Bereitschaft, sich mit Vorbereiter-Rollen anzufreunden. Dass das eine sehr wichtige Aufgabe bedeuten kann, weiß z.B. jeder Torjäger, der ohne die Vorlagen des Mittelfeldspielers verhungern müsste. Oder manche Firma, die ohne den kleinen Zubringer-Betrieb nicht auskommt. Die willige Annahme einer scheinbar kleinen Aufgabe in der Welt und die treue Ausführung gibt einem Christenleben durchaus eine Schönheit, die niemand verachte! Nicht jeder kann an der Spitze stehen. Vor Gott zählt überhaupt viel mehr das Stimmige, die Übereinstimmung der äußeren Lebensgestalt mit dem inneren Wesen. Und die Bereitschaft, das wirklich Große bei dem einen oder anderen Zeitgenossen freimütig anzuerkennen. Sie adelt einen Menschen, und sie befreit ihn davon, die Lebensenergien in Neid und Missgunst zu investieren und fruchtlos zu verschwenden.

Wo gehören wir hin als Zeugen Christi?

Zu dem, was die Identität eines Christen ausmacht, gehört zweitens ein Ort in der Welt. Wir müssen wissen, wo wir hingehören und wo man unsere Stimme hören soll. „Ich bin die Stimme eines Predigers in der Wüste“, so sieht dieser Ort bei Johannes aus. Und deshalb ist einer der typischen Orte, an denen Christen ihre Stimme erheben, die Wüste. Wo Menschen ihrer Einsamkeit gewahr werden. Wo Dürstenden Verschmachten droht. Dort vornehmlich heißt es, den Weg für die Ankunft des Herrn zu ebnen. Beharrlich Eimer von Lebenswasser herbeizuschleppen, wenn sich ein Gefährte unseres Lebens in eine Seelenwüstenei verirrt hat. Die Sehnsucht wach zu halten, die eigene und die des anderen, und immer wieder dafür zu sorgen, dass die Hoffnung auch zuletzt nicht stirbt.

Das Zeugnis von Christus

Und drittens und an das gerade Gesagte anschließend gehört es zur Identität eines Christen, dass er „vom Licht zeugt“, das ihm Jesus Christus geworden ist. Aber müssten wir dafür nicht gewaltige Prediger vor dem Herrn sein, gleichsam mit Holzhammer und Brechstange bewaffnet? Nein! Nicht aus unserem Reden in erster Linie müsste es kommen, sondern tief aus unserem Sein und Sosein müsste fließen, was einen Zeitgenossen auf Jesus Christus aufmerksam macht. Und auch unser „Gehabe“ und das, was nur angeklebt ist an unsere Person – das weist niemanden zur Lichtquelle.
Aber wenn jemand an Ihrer ganzen Art zu leben, an Ihrer Weise, mit anderen Menschen in kritischen Situationen umzugehen, wenn jemand hier eine Stetigkeit bemerkt, wenn jemand bei Ihnen etwas von der Menschlichkeit spürt, die Jesus in die Welt bringen wollte, und wenn er das auf Ihre religiöse Bindung und Prägung zurückführt, dann sind Sie zum Zeugen Christi geworden. Denn nicht ein bestimmtes Reden, sondern ein bestimmtes Sichverhalten hat Jesus seliggesprochen:
„Selig, die da Leid tragen; selig die Sanftmütigen, die Gewalt aus ihrem Leben verbannen; selig, die da hungert und dürstet nach Gerechtigkeit; selig, die sich erbarmen; selig, die Frieden stiften.“ Amen.

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