Heiligabend/Christvesper (24. Dezember 2012)

Autorin / Autor: Pfarrer i.R. Hermann Kiedaisch, Göppingen

Johannes 7, 28-29

Liebe Gemeinde,

was feiern wir an Weihnachten? Manche antworten: Für uns ist es ein Familienfest: Man sitzt gemütlich bei einander, isst gut und beschenkt sich. Es ist ein Segen, dass es diese Gelegenheit zur Pflege der Familie und der Gemeinschaft gibt.
Manche wenden die gute Erfahrung ins Allgemeine: Weihnachten ist das Fest der Liebe, sagen sie. Wer in der dunklen, kalten Jahreszeit den warmen Kerzenschein mag, schwärmt vom Fest des Lichtes. Politiker und andere, die in diesen Tagen Reden halten müssen, bemühen Weihnachten als Fest des Friedens. Die Wirtschaftsleute aber schätzen, und ihre Kritiker tadeln es als Fest des Konsums.
Ihnen, die Sie heute, diese Predigt lesen oder hören, genügen diese Antworten nicht. Sie sagen: An Weihnachten feiern wir die Geburt Jesu! Das wirft freilich die nächste Frage auf: Wieso ist der Geburtstag eines Menschen, der vor 2000 Jahren gelebt hat, so wichtig, dass wir ihn heute noch feiern? Worin liegt seine Bedeutung für uns?
Bei Geburtstagsfeiern werden gerne Reden gehalten, Bilder gezeigt, Anekdoten erzählt. Sie sollen die Besonderheit des Geburtstagskindes hervorheben. Peinlich kann es werden, wenn die Gäste sagen: Naja, ich kenne ihn oder sie aber ganz anders.

Wir feiern die Geburt Jesu

Der Evangelist Johannes erzählt uns von einer ähnlichen Situation. In Jerusalem, der jüdischen Hauptstadt, findet auch ein Fest statt: das Laubhüttenfest, bei dem man fröhlich Erntedank feiert. In einer Ecke des Tempels redet Jesus zu den Leuten. Sie horchen auf. Manche denken schon: Ob das wohl der Messias ist? Der von Gott versprochene Retter, der alles bei uns gut machen wird?
Andere widersprechen: „Ausgeschlossen, den kennen wir! Wir wissen sogar, wo er herkommt. Aus Nazareth, und was kann aus Nazareth schon Gutes kommen? Wir kennen auch seine Eltern: den Zimmermann Josef und seine Mutter Maria. Der kann nicht der Messias sein! Vom Messias weiß niemand, woher er kommt.“
Es liegt nahe, liebe Gemeinde, dass wir ähnlich reagieren. Wir kennen das Geburts-tagskind von Weihnachten: das „herze Jesulein“ in Windeln gewickelt, ein „holder Knabe im lockigen Haar“, umgeben von allerlei Menschen und Tieren. Die Umstände seiner Geburt weichen zwar vom uns Vertrauten ab: statt Kreißsaal ein Stall, statt Kinderbett eine Futterkrippe, statt Daunen Heu und Stroh. Aber in andern Ländern kommen viele Kinder unter ähnlich erbärmlichen Umständen zur Welt. Natürlich, ein neugeborenes Kind ist ein Hoffnungszeichen, im Elend ganz besonders: Es geht weiter mit der Menschheit. Aber deshalb noch 2000 Jahre später seinen Geburtstag feiern?
Allen, die kritisch nachfragen, bestätigt Jesus: Ja, ich bin ein ganz normaler Mensch. Man kennt meine Eltern, meine Herkunft und sonstige Daten. Aber was eure Weihnachtskrippen darstellen, ist nur die halbe Wahrheit über mich. Die andere Hälfte ist den menschlichen Augen verborgen: Hinter dem Kind in der Krippe, hinter mir steht Gott. Von ihm komme ich her. Er hat mich geschickt.
Und was heißt das für uns? Was ist daran so bedeutend, dass wir es in einem großen Fest feiern?

Jesus und der bisweilen fremde Gott

Ich habe eine Stimme im Ohr, die bei einer Veranstaltung lautstark tönte: “Ich halte es für unsinnig, dass die Kirche so viel von dem Jesus redet. Sie soll von Gott reden, der uns umfängt und in seiner Hand hält. Über ihn wäre ein Gespräch auch mit den Juden und Muslimen möglich.“ Aber ans andere Ohr dringen Stimmen, die klagen: „Ich spüre nichts davon, dass Gott mich auf guter Straße führt und mich umfängt. Er ist mir fremd geworden. Darüber bin ich sehr traurig.“
Menschen in so einer Not spricht Jesus in seiner Rede an: Ja, Gott kann uns Menschen sehr fremd sein. Wir merken in unserem Leben nichts von ihm. Auch wenn wir in uns hineinhorchen oder an religiösen Übungen teilnehmen, kann er uns verborgen bleiben. Wir kennen ihn nicht. Diesen Jammer mag Gott nicht mit ansehen. Deshalb schickt er mich. Aus der ewigen Gemeinschaft mit Gott bin ich auf die Erde gekommen – als Mensch, damit mit euch reden kann als einer von euch. Aber zugleich ist mein Auftrag, euch zu zeigen, wer Gott ist und wie er zu euch ist. Ich soll ihn euch bekannt machen.

Jesus und die Wahrheit: Dass Gott uns liebt

Und was für einen Gott zeigt uns Jesus? Er nennt ihn den Wahrhaftigen. Das ist nicht die Einladung, mit Pilatus die Frage zu diskutieren: Was ist Wahrheit? Da kann man so schön im Theoretischen und Unverbindlichen bleiben. Jesus verweist damit vielmehr darauf, dass allein Gott die Wahrheit über die Welt und über uns kennt. Er weiß, was uns fehlt zu einem erfüllten Leben; und er weiß, was uns dazu hilft. Er lässt es uns übermitteln durch Jesus. Er ist gekommen, dass wir das Leben und alles, was wir dazu brauchen, zur Genüge haben.
Das ist die Wahrheit; eine, auf die wir uns verlassen können. Jesu ganzes Leben ist ein einziges Zeugnis für diese Wahrheit. Im Stall, im Dunkel wird er geboren, damit die Menschen auf der Schattenseite des Lebens sehen: Gott lässt uns nicht im Abseits. Als Erwachsener lässt Jesus Kranke die Nähe Gottes spüren. Hungrige speist er, Menschen in schweren Stürmen lässt er Ruhe und Vertrauen finden, Schuldigen vergibt er und eröffnet neue Lebensperspektiven, selbst so einem Gierhals wie dem Zachäus. Einen Gott zeigt uns Jesus, der uns liebt ohne Ende. Die Liebe, die Jesus verkörpert, geht sogar so weit, dass er sein Leben für die Menschen hingibt. Und dann stößt er hinter dem Tod die Tür zum Leben von Neuem auf.
Dass wir diese Liebe Gottes, diesen Halt und Sinn und diese Perspektive für unser Leben bekommen, dazu hat Gott Jesus zu uns geschickt. Das feiern wir an Weih-nachten. Da ist nicht bloß das Kind von Maria und Josef geboren. Da ist uns der Heiland geboren, der Sohn eines liebevollen himmlischen Vaters.

Die Botschaft prägt das Fest: Weihnachten als das Fest der Liebe

Das lasst uns feiern, mit Herzen, Mund und Händen! Natürlich als Familienfest, weil Jesus auch in unsere Familien Gottes Licht bringt; es hilft uns, offen miteinander umzugehen und es einander hell und warm zu machen.
Lasst uns Weihnachten feiern als Fest der Liebe; weil Gottes Liebe Fleisch und Blut bekommen hat in Jesus, weil sie uns erfüllt und durch uns zu unseren Mitmenschen drängt.
Lasst uns Weihnachten als Fest des Friedens feiern; weil Gottes Friede uns versöhnt und zur Versöhnung bereit macht.
Natürlich gehören zum Fest auch Geschenke, als Zeichen dafür, wie reich wir von Gott beschenkt sind und dass wir davon gerne etwas weitergeben. Sogar solche können wir bedenken, die wenig oder nichts haben. Die Aktion Brot für die Welt ist eine gute Gelegenheit, an Gottes Sendung mitzuwirken. Wie er uns Jesus gesandt hat, damit wir ihn als den liebenden Vater kennen lernen, so schickt er uns, damit durch uns auch andere von seiner Liebe wenigstens etwas erahnen können.
Das kann ein liebevolles, schönes und fröhliches Geburtstagsfest Jesu werden! Amen.

Predigt zum Herunterladen: Download starten (PDF-Format)