1. Sonntag nach Weihnachten (30. Dezember 2012)

Autorin / Autor: Studienleiterin Pfarrerin Dr. Evelina Volkmann, Stuttgart [Evelina.Volkmann@elk-wue.de ]

Johannes 12, 44 -50

Liebe Gemeinde,

wir leben gerade zwischen den Jahren. Noch hängt Weihnachten in der Luft. Die meisten Geschenke liegen noch im Wohnzimmer. Wir zünden die Kerzen am Baum an und vielleicht singen wir dazu Lieder. Dennoch: Das Fest ist vorbei, ob es nun schön war oder ob es einen angestrengt hat.
Wir leben jetzt zwischen den Jahren. Diese Zeit ist eine besondere Zeit. Sie ist wie ein geschenkter Zwischenraum. Sie hat es in sich, weil sie anders gefüllt wird als der Rest des Jahres. Man kann ungestört manch liegen Gebliebenes erledigen. Viele Menschen fangen in dieser Zeit an, über das morgen zu Ende gehende Jahr nachzudenken. Bundeskanzlerin und Bundespräsident fassen auf ihre Weise die wichtigsten Ereignisse des Jahres zusammen.
Und in welcher Stimmung gehe ich ins neue Jahr? Wie fällt meine persönliche Bilanz aus? Was ist mir wichtig am Übergang zum Neuen? Zwischen den Jahren kann ich Altes abschließen. In dieser besonderen Zeit, in der das Leben entschleunigt verläuft, sehe ich manches in einem anderen Licht. Dieser Zwischenraum macht es möglich, sich zu orientieren. Er macht es möglich, sich ohne Druck neu zu sortieren und die Dinge im Leben neu zu gewichten.

Was wirklich wichtig ist

Wer eine Sache abschließt, zieht Bilanz. Er blickt zurück und fasst zusammen, was wirklich wichtig ist. Jesus tut dies, als er an einem wichtigen Übergang steht. Mit diesen Worten beendet Jesus seine letzte öffentliche Rede – so das Johannesevangelium. Jesus kommt noch einmal in gebotener Knappheit auf alles zu sprechen, was wichtig ist. Es sind große Worte, Worte von Rettung und Gericht, von Licht und Finsternis – vor allem von Licht. Alles wird noch einmal deutlich auf den Punkt gebracht: Jesus ist das Licht. In ihm sehen wir Gott in seiner ganzen Klarheit.

Jesus ist das Licht der Menschen

Jesus ist das Licht der Menschen. Darum feiern wir das Christfest mit Kerzenlicht. Mitten in der dunklen Nacht vergegenwärtigen wir, erblickt Jesus das Licht der Welt. Von nächtlicher Finsternis umgeben wird Jesus in Bethlehem geboren. Der Stern am Himmel weist uns den Weg zur Krippe. So nahe zeigt sich Gott uns Menschen: so menschlich, so zerbrechlich und gleichzeitig so stark und hell. In Jesus ist Gott sichtbar geworden!
Jesus ist das Licht der Menschen, denn Jesus kommt direkt von Gott her. Gott der einst – „im Anfang“ – das Licht erschaffen hat (1. Mose 1,1-3), lässt dieses Licht für alle Menschen scheinen. Deshalb schickt er sein Licht, das seine gute Botschaft zu den Menschen bringt: Jesus Christus. In der Weihnachtszeit erinnern wir uns intensiv an dieses Licht in unserem Leben. Dieses Licht kann unsere Finsternis vertreiben. Es erleuchtet auch unsere Dunkelheiten.

Wer Jesus sieht, begegnet Gott

Dieses Licht, Jesus, steht mitten im Leben. Er begibt sich hinein in die Niederungen des Lebens. Von Anfang an erlebt er, was Armut ist. Er erlebt, wie mächtige Menschen – ich denke nur an König Herodes – Lebensentwürfe zerstören wollen. Er erlebt von Anfang an, wie brüchig das Leben ist, wie schnell es sich ändern kann. Jesus steht mit beiden Beinen im Leben, gerade weil er Licht ist. Und zugleich gilt: Wer Jesus begegnet, sieht Gott. Jesus, das Kind, auf das wir an Weihnachten sehen, zeigt uns Gott. „Sieh mich an“, scheint Jesus zu rufen, „dann siehst du Gott“. „Sieh mich an, das Kind in der Krippe, sieh mich an in meinem Reden und Handeln – und du siehst Gott.“ Das Licht, Jesus Christus, weist durch sein ganzes Leben auf Gott hin. Wenn Jesus Menschen heilt, wenn er sie kritisiert, wenn er mit ihnen isst oder ihnen vorangeht, dann sehe ich ganz viel von Gott.
Sein erstes Wunder vollbringt Jesus bei einem Fest! Jesus ist auf einer Hochzeit eingeladen und macht aus Wasser Wein (Joh 2,1-12). Die Gäste staunen. Seine Jünger glauben noch stärker an ihn als zuvor. Jesus beleuchtet die Festfreude auf unerwartete Weise, denn Feiern soll genussvoll sein. Wer Jesus sieht, begegnet Gott.
An anderer Stelle heißt es von Jesus: Er wirft Händler und Geldwechsler aus dem Tempel (Joh 2,13-17). Zum Gottesdienst passt es nicht, wenn die Kirche einem Kaufhaus gleicht. Jesus sorgt für klare Verhältnisse und scheut dabei nicht vor deutlichen Zeichen zurück, auch wenn er damit aneckt. In Jesus sehen wir Gott am Werk. Er bringt Licht in die Machenschaften am Tempel. Wer Jesus sieht, begegnet Gott.
Jesus steht auch nachts, wenn alle anderen schlafen, für Gespräche zur Verfügung. Er nimmt sich Zeit und spricht mit dem Pharisäer Nikodemus über den Sinn des Lebens (Joh 3,1-21). In Jesus erfahren wir, wie fürsorglich Gott ist. Er bringt Licht ins Leben des fragenden Pharisäers. Wer Jesus sieht, begegnet Gott.
Jesus drückt sich auch in schwierigen Situationen nicht vor erhellenden Worten. So wird er gefragt, ob man eine Ehebrecherin steinigen soll. „Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein“, so hält er die Fragenden zurück. Die Frau aber fordert er auf, ihr Leben zu verändern (Joh 8,1-11). In Jesus sehen wir, wie Gott ist: Gott gibt den Menschen eine neue Chance. Er bringt Licht in ihr düsteres Leben. Wer Jesus sieht, begegnet Gott.

Der Richter in uns selbst

Wer Jesus sieht, begegnet aber auch sich selbst, seinen beiden inneren Seiten. Wer sich Jesus öffnet, erlebt ihn als das Licht seines Lebens. Wer sich aber Jesus gegenüber verschließt, schließt sich selber vom Licht aus. Mit anderen Worten: Der hat einen Richter. Und zwar nirgendwo anders als in sich selbst. Das ist die Kehrseite der eigenen Entscheidung, von Gott nichts wissen zu wollen. Am Ende des Jahres ist die Gefahr besonders groß, den Richter in uns zu Wort kommen zu lassen: Dies lief zwar gut, aber das war ganz schlecht, jenes soll im nächsten Jahr unbedingt anders werden. Wenn man das aber übertreibt, sieht es ganz schnell sehr finster in einem aus. Darum kann die Zeit zwischen den Jahren unzufrieden machen. Die Mienen verfinstern sich, die Zukunft scheint schwarz auszusehen. „Das Licht scheint in der Finsternis und die Finsternis hat’s nicht ergriffen.“ (Joh 1,5) Es ist manchmal schwer, das Licht in sich aufzunehmen. Wenn man sich bedrängt fühlt und verunsichert, wenn man erlebt, dass der eigene Glaube von anderen abgelehnt wird, wenn Angst und Zweifel den Alltag beherrschen… Dann tauchen Fragen auf: Was bringt mir denn mein Glaube? Was kann mir Halt geben? Wenn mir all das abbricht, was bisher als sicher galt? Wenn ich meine Schwächen überdeutlich erkenne?
Was hilft? Jesus ist als Retter in die Welt gekommen, nicht als Richter. Bei Gott bleiben, hilft. Sich von diesem Licht bescheinen lassen, hilft. Der Glaube an Gott trägt durch die Finsternis. Er weiß: Das Licht, das ich mir selber nicht anzünden kann, finde ich in Jesus.

Finsternis ist nicht finster bei Gott

Jesus ist das Licht der Menschen. Er kommt direkt von Gott her in diese Welt und er macht sie hell. Im Glauben sehen wir das Licht. Wir spüren den hellen Schein. Wir wissen um die Finsternis in uns und um uns herum. Aber wir lassen ihr nicht das letzte Wort. Denn Jesus hat selber von sich gesagt: „Ich bin das Licht der Welt.“ (Joh 8,12) Auch über meiner Finsternis geht das Licht Gottes auf. Jesus, das Licht, lehrt uns: Auch wenn es auf der Welt und in meinem Leben dunkle Flecken gibt, so ist das Licht immer noch da. Es überstrahlt die Schatten. Mit Jesus scheint mitten in unserer Welt eine andere Dimension auf. Er erinnert uns an die Worte des Propheten Jesaja: „Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell“ (Jes 9,1).

Erleben Sie die Zeit zwischen den Jahren in diesem Licht. Lassen Sie dieses Licht auf das fallen, was war. Und seien Sie getrost: Dieses Licht geht mit Ihnen auch ins neue Jahr. Das ist wirklich wichtig im Leben!
Amen.

Wichtige Anregungen für diese Predigt sind entnommen aus: Holger Treutmann/Antje Eddelbüttel, 1. Sonntag nach Weihnachten, Johannes 12,44-50: Die Herzen weiten – weihnachtliches Selbstbewusstsein, in: Predigtstudien V/1, Freiburg 2012, 73-80.

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