2. Weihnachtsfeiertag (26. Dezember 2012)

Autor/in: Pfarrer Dr. Gerhard Schäberle-Koenigs, Bad Teinach-Zavelstein [Gerhard.Schaeberle-Koenigs@elkw.de]

Jesaja 11, 1 -9

Liebe Gemeinde,
Jesu Geburt hat den Maler Rembrandt sein ganzes Künstlerleben lang nicht zur Ruhe kommen lassen. Immer wieder neu hat er versucht, das Wunder jener Nacht mit seiner Kunst ins Bild zu setzen. Manche dieser Bilder kennen Sie. Vielleicht auch dieses eine mit dem Titel „Die Heilige Familie mit den Engeln“, das Sie im Internet beispielsweise auf der Seite http://www.uni-leipzig.de/ru/bilder/kindjes/b1-70.jpg finden können.
Ein Kind in einer Wiege. Daneben sitzt die Mutter auf einem niedrigen Schemel. Ein Feuer brennt. Im Hintergrund ist Joseph bei der Arbeit. Er zimmert ein Joch. Und Maria hat vor sich auf ihren Knien ein Buch liegen. Aufgeschlagen. Die Heilige Schrift. Offensichtlich hat sie darin gelesen. Mit der linken Hand hält sie es. Aber jetzt hat sie sich dem Kind zugewandt, hat mit der rechten Hand den Vorhang über der Wiege hochgehoben und schaut mit einem erstaunten, prüfenden Blick auf das Kind an. Es ist ganz zufrieden, es schreit nicht, es weint nicht. Was ist es, das Maria dazu bewegt hat, den Vorhang zu lüften und ihr Kind zu betrachten, mit großen Augen, ganz interessiert. Staunend. Verwundert.
Vielleicht hat sie gerade dies gelesen: ein Lied des Propheten Jesaja, im 11. Kapitel seines Buches, unseren Predigttext.(Text lesen)

Mal ist es eine Rose, die aus einer zarten Wurzel wächst, mal ist es ein Trieb, der aus einem toten Baumstumpf hervorsprießt. Immer wieder wird das Kind von Bethlehem mit einem kaum für möglich gehaltenen Geschehen in der Natur verglichen und besungen. Was niemand mehr für möglich gehalten hat: Es ist geschehen. Wo jeder abgewunken hat: Lass es sein, da wird nichts mehr draus, zeigt sich plötzlich und ganz überraschend neues Leben.

Das Wunder des Rosenstocks

In Hildesheim an der Außenmauer des Doms befindet sich ein Rosenstock.Fünf Meter hoch.Jedes Jahr blüht er wunderbar zartrosa. Bewundernd stehen dann jeden Tag hunderte Menschen davor. Eigentlich ist es nichts Besonderes, so eine Rose. Aber diese schon. Mehr als tausend Jahre alt soll sie sein. Schon vor der Gründung des Doms sei sie dagewesen. Im März 1945 schien sie vernichtet. Der Dom wurde durch Bomben völlig zerstört, er brannte aus, und mit ihm verbrannte der Rosenbusch und lag unter meterhohen Trümmern begraben.
Und dann hat er doch wieder ausgetrieben. 25 Triebe hat man im Frühjahr 1945 gezählt. Ein Wunder, sagen die Menschen seither, und bestaunen jedes Jahr die vielen zartrosa Blüten.
Es berührt uns Menschen immer ganz besonders, wenn etwas Totgeglaubtes zu neuem Leben erwacht.
Wenn Schmerzen und Seufzen entfliehen und das tödliche Fieber zurückgeht.
Wenn aus Wüste ein Garten wird,
wenn das Licht die Finsternis vertreibt,
wenn erloschene Liebe wieder aufflammt,
wenn ein Mensch nach langer Krankheit wieder die Augen aufmacht.
Wenn aus einem Baumstumpf ein Reis emporschießt. Mit ungeheurer Kraft, als müsste alles Frühere weit überboten werden.
Wer in großer Not und Angst ist, wer nur noch aus Sehnsucht nach Besserung besteht, der ist aufmerksam auch auf kleinste Anzeichen einer Wende.
Irgendjemand muss als erster im Frühjahr 1945 entdeckt haben, dass sich in dem Trümmerhaufen des Hildesheimer Domes was tut. Er wird es nicht lange für sich behalten haben. Vielleicht hat er’s gleich dem Nächstbesten auf der Straße gesagt oder im Laden beim Anstehen nach Brot und zu Hause den Kindern mit leuchtenden Augen: „Kommt zieht euch warm an, der verbrannte Rosenstock treibt aus.“
So eine gute Nachricht breitet sich schnell aus. Und sie wird immer größer, immer wunderbarer, sie macht sich selbstständig, wächst schneller als die jungen Triebe eines wieder zum Leben erwachten Rosenstrauchs.

Die gute Nachricht

Von Bethlehem ging die gute Nachricht aus: „Der Heiland ist geboren.“ Ganz offen sagten das die Hirten. Aber war das nicht gefährlich? Denn wenn der langersehnte Messias da ist, dann ist’s ja aus mit allen Despoten auf der Welt. Das ist ihr Ende, da können sie einpacken, alle: der Kaiser Augustus in Rom, der König Herodes in Jerusalem, und wie sie alle heißen. Kann man das so offen weitererzählen: „Der Heiland ist geboren?“ Die Hirten von Bethlehem vielleicht, die nahm eh‘ niemand so ernst. Und auch die Weisen aus dem Morgenland. Die hatten keine Ahnung von den politischen Spannungen. Die gingen schnurstracks in den Königspalast und fragten: „Wo ist der neugeborene König, wir haben seinen Stern gesehen?“ Schreckliches ist daraus entstanden. So viele Kinder in Bethlehem mussten wegen dieser Unvorsichtigkeit sterben.
Ich kann mir gut vorstellen, dass die gute Nachricht von Bethlehem ansonsten eher verschlüsselt weitergetragen wurde, wie eine Geheimbotschaft, nur für Eingeweihte verständlich.
Vielleicht raunt da einer dem andern zu: „Der abgehauene Stamm hat einen neuen Trieb.“ Und wenn der andere keine Ahnung hat, sagt er vielleicht darauf: „Na und? Das kommt vor. Kein Grund zur Aufregung.“ Wer aber Bescheid weiß, wird entgegnen: „Und auf ihm wird ruhen der Geist des Herrn.“ Und schon haben sie sich verstanden.
Aufregend ist das. Viel aufregender als die Tagesschau. Wer alles weiß etwas vom Messias? Einige stellen sich einen König vor, der mit Weisheit und Verstand gesegnet ist. Andere einen Richter, dessen Urteile gerecht sind und nicht gekauft. Einer, der den armen Schluckern zu ihrem Recht verhilft und die Elenden nicht benachteiligt. All das finden sie in dem Lied des Propheten Jesaja.
Und manche sogar noch mehr, geradezu Unglaubliches. Wenn sie davon reden, dann wird ihre Stimme aufgeregt, ganz leise, geheimnisvoll: „Wölfe und Lämmer werden friedlich miteinander grasen!“ Und: „Niemand, nicht mal ein Kind muss Angst haben vor einer Schlange. Denn Schlangen beißen nicht mehr, Schlangen haben kein tödliches Gift mehr.“
Die Ahnungslosen sagen: „Ach lass sie reden, religiöse Schwärmerei ist das.“ Die Kundigen aber sehen es deutlich vor Augen:
Der abgehauene Baumstumpf treibt einen neuen Trieb,
der verbrannte Rosenstrauch blüht auf,
was tot war, wird wieder lebendig,
der Heiland ist geboren.

Es ist oft gesagt worden, mit der Geburt Jesu sei die Verheißung des Propheten Jesaja in Erfüllung gegangen. Vielleicht war das zu vollmundig. Vielleicht müssten wir eher sagen: Das Kind in der Krippe hat die alten, noch nicht erfüllten Hoffnungen neu angefeuert.
Später dann haben Menschen, die Jesus erlebt haben und von ihm berührt wurden, wohl gemerkt: Ja, auf ihm ruht wirklich der Geist des Herrn. Der Geist der Weisheit und der Kraft. Und wo er einkehrt, da kehrt Friede ein. Manches von den Hoffnungen des Propheten Jesaja sahen und erlebten sie in Jesus leibhaftig erfüllt.
Was wir aber brauchen, sind ja nicht Behauptungen, es sei alles gut. So vieles ist nicht gut in unserer Welt. In der großen Welt nicht, in unserer kleinen Welt auch nicht. Und wir wissen nicht, was wir besser machen können, oder wissen es und haben die Kraft nicht dazu.
Aber mit diesem Kind in der Krippe zeigt uns Gott: Ich teile eure Sehnsüchte. Ich bin dabei, wenn ihr auf Frieden hofft, in der Welt und in eurem kleinen Leben. Ich bin dabei, wenn ihr die Not der Armen seht und helfen wollt. Ich bin dabei, wenn ihr euch danach sehnt, dass Menschen menschlich miteinander umgehen, und nicht wie die wilden Tiere.
Das Kind von Bethlehem stillt nicht unsere Sehnsüchte, sondern lässt sie neu aufflammen. Denn es zeigt uns, dass Gott seinen Verheißungen treu bleibt. Gott selbst ist voll Sehnsucht nach Frieden bei seinen Menschen.
Amen.


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