1. Sonntag nach Epiphanias (13. Januar 2013)

Autorin / Autor: Dekan i.R. Ulrich Poguntke, Kressbronn [e.u.poguntke@googlemail.com]

Johannes 1, 29 -34

Liebe Gemeinde,

erst vor wenigen Tagen wurden in vielen Häusern und Kirchen die Christbäume wieder entfernt.In manchen Häusern bleiben Christbaum und Krippe noch bis Mariä Lichtmess am 2.Februar.
Wir kommen also von Weihnachten her und haben das Kind in der Krippe noch vor Augen: die Botschaft, die Lieder. Und wir haben den Duft des Christfestes noch in der Nase.
Und nun wird die eben noch weihnachtlich gestimmte Gemeinde heute hinausgeführt in die Wüste, an den Jordan. Dort tritt ein Mann auf: Johannes der Täufer. Eine asketische Gestalt. Seltsam gekleidet. Er will selber gar nichts sein. Nur ein Prediger, der die Menschen auf Jesus hinweisen möchte.
Auf dem Isenheimer Altar von Matthias Grünewald erkennt man diesen Prediger Johannes: In der Mitte des Altares sieht man den gekreuzigten Christus. Rechts von ihm steht Johannes. Er zeigt mit dem rechten Zeigefinger auf den Gekreuzigten. Grünewald hat diesen Zeigefinger überlang gemalt. Als ob er so das Selbstverständnis von Johannes darstellen wollte: Als Bußprediger will Johannes selber nichts anderes sein als ein Hinweis auf den Mann am Kreuz, dessen Geburt wir eben noch feierten. Ihn will er predigen.

Christus: Gott noch einmal ganz anders

Und von ihm sagt er: „Siehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt!“
Den Mann, dessen Geburt wir eben noch mit Glanz und Festlichkeit feierten, den nennt Johannes also „Gottes Lamm“. In ihm haben wir es also nicht nur mit dem Zimmermanns-Sohn aus Nazareth zu tun. In ihm haben wir es zuerst mit Gott zu tun – als Gottes Lamm, als die Mensch gewordene Hingabe Gottes. Wer bisher von Gott nur von oben her dachte, der soll in diesem Mann aus Nazareth Gott noch einmal ganz anders entdecken. Wer bisher Gott denken wollte als anonyme Schicksalsmacht, nach dem man im eigenen bisweilen unbegriffenen Leben vergeblich sucht, hier in dem Kind von Bethlehem, in dem Mann aus Nazareth, begegnet den Menschen Gottes Wille in der Gestalt eines Opferlamms, als die Menschenliebe, die sich diese Liebe alles kosten lässt.
Kein Wunder, dass der Bußprediger seine Gemeinde zur Umkehr einlädt. Denn wenn wir es in Jesus mit Gott zu tun haben, dann müssen wir wohl in der Tat umkehren von so manchen Vorstellungen, die man von Gott haben kann. In Jesus begegnet uns der menschgewordene Wille Gottes: Nicht wer Gott an und für sich ist. Sondern wer Gott für seine Menschen sein will. Johannes fehlen als Prediger fast die Worte. Es ist, als ob er mit diesen Worten vom Lamm Gottes ein alttestamentliches Lied des Propheten Jesaja zitiert. Viele kennen es auswendig. Im Gesangbuch steht es als biblisches Lied vom Gottesknecht (EG 759), das so beginnt:

"Fürwahr, er trug unsre Krankheit
und lud auf sich unsre Schmerzen.
Wir aber hielten ihn für den, der geplagt
und von Gott geschlagen und gemartert wäre.
Aber er ist um unserer Missetat willen verwundet
und um unsrer Sünde willen zerschlagen.
Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten,
und durch seine Wunden sind wir geheilt."

Was gegen mich spricht

So predigt also Johannes: Der soll uns in Jesus Christus begegnen - dieser Knecht Gottes, in dem Gottes Erbarmen Gestalt gewinnt. In Christus sollen die Menschen erkennen, dass Gott nicht als zeitloses Schicksal über den Menschen thront, sondern dass Gott es mit den Schwachheiten der Menschen zu tun haben möchte, auch mit der größten Schwachheit: nämlich unserer Schuld.
Manchmal ahnt man, was „Sünde“ meint: nämlich das, was wir anderen schuldig bleiben oder Gott – und auch uns selbst. Manchmal ahnt man oder weiß, dass nicht alles für uns spricht, sondern dass manches sehr konkret gegen uns spricht. Diese Ahnung kann einen zum schärfsten Richter gegen uns selbst werden lassen.
Wie geht man um mit dem, was wir als „Sünde“ erkennen? In einer Denkschrift der EKD aus dem Jahr 2000 zur politischen Situation der Bundesrepublik Deutschland liest man (GPM 55, S. 90) von Versuchungen, denen wie alle Menschen so auch die Politiker ausgesetzt sind. Es wird darin aufgefordert, dass Schuld aufgedeckt und zur Sprache gebracht wird. Dies mündet dann ein in den Satz: „Es geht darum, diesen Skandal hinter sich zu lassen.“
Aber ist das nicht eben das ganze Gewicht der Schuld, dass man sie eben nicht so einfach hinter sich lassen kann? Dass sie einem anhängen kann wie der eigene Schatten? Dass sie den Schlaf und die Seele unruhig machen kann? Dass unser schärfster Richter, nämlich das eigene Gewissen, eben nicht so einfach zu beruhigen ist und man das auch nicht darf? Und dass man unter Schuld fast zerbrechen kann?
Und da predigt Johannes in der Wüste von Jesus, dass ER der Mensch gewordene Wille Gottes ist. Dass in Jesus Gottes Wahrheit über die Menschen erscheint. Dass Gott nicht drüber steht über menschlicher Schuld als unnahbarer Richter, sondern dass Gott sich hineinbegibt. Dass er es damit zu tun haben will. Und zwar so, dass Christus „das Lamm Gottes ist, das der Welt Sünde trägt“. Das deutsche Wort „tragen“ ist fast zu schwach für das, was gemeint ist. Man könnte auch sagen, dass Christus die Sünde der Welt wegträgt, unwirksam macht, dass sie nicht mehr gegen einen sprechen darf.

Christus, das Lamm Gottes

Jesus hat das wahr gemacht. Die Bibel erzählt von Jesus und wie er mit Schuld umgeht.
Ich denke an Zachäus, diesen kleinen Mann, der durch Korruption und Betrug ganz groß rauskommen wollte. Der viel Geld gewann, aber dabei das Leben selbst verlor. Und wie Jesus gerade über ihn nicht einfach hinwegsieht, sondern ihn anschaut. Wie Jesus ihn aus der selbstverschuldeten Einsamkeit herausholt in die Gemeinsamkeit mit ihm. Und wie Zachäus in der Gemeinschaft mit Jesus frei wird, Schuld zu bekennen, los zu lassen und wieder gut zu machen, was er verbrochen hat.
Oder die Ehebrecherin, deren Schuld offensichtlich war. Die dann aber gleich auch Menschen gefunden hat, die sich zu ihrem Richter berufen wussten. Diese Frau bewahrt Jesus vor dem Straf-Tod und stellt die bloß, die sich zu ihren Richtern aufspielen wollten.
Dabei sind es ja nicht einfach ein paar Lebenssituationen dieses guten Menschen aus Nazareth, die von seinem befreienden Umgang mit der Sünde berichten. Sondern sein ganzes Leben ist diese Botschaft von Gott. In Christus begegnet uns Gott mit einer Liebe, mit der er für schuldige Menschen einsteht bis zur letzten Konsequenz am Kreuz. In gut vier Wochen beginnt die Passionszeit. Da werden wir nicht liturgisch routiniert, sondern ergriffen bedenken, was das heißt, dass Christus „das Lamm Gottes ist, das der Welt Sünde trägt“. Dass er es sich alles kosten lässt, dass Gott für uns ist trotz allem, was gegen uns spricht.
Wir werden stumm oder ergriffen oder dankbar erkennen, dass er sich all das anhängen lässt, was uns anzuhängen ist. Dass er bezahlt, was andere verschuldet haben. Und dass uns in ihm die große Freiheit begegnet: Dass Christus die Verzweiflung überwindet, die Schwermut löst und ein verfehltes Leben lohnen macht, wie es in einem Bekenntnis unserer Tage (nach Martin Ohly) heißt.

"…das der Welt Sünde trägt"

Ist das eine exklusive Botschaft nur für die, die sie hören? Nur für uns einzelne? Oder nur für die einen, und die anderen sollen sehen, wo sie bleiben?
Ja, jede und jeder darf diese Botschaft für sich selbst hören. Dieser Freispruch, dieser Zuspruch gilt allen. Und wo einer meint, so tief im Loch einer unbewältigten Lebenssache zu sitzen, dass einem nichts und niemand da wirklich helfen kann, dann gilt dieser Zuspruch der Befreiung gerade ihm oder ihr.
Aber Jesus ist nicht nur das individualistische Heil für einzelne oder für meine fromme Seele. Johannes nennt Jesus nicht ohne Grund „das Lamm, das meine oder deine Sünde trägt“, was er sagt, das ist Programm, Evangelium, befreiende Botschaft: „Siehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt.“ Die Befreiung gilt der Welt, allen. Wer den Prediger am Jordan hört – damals und heute – der wird seine Predigt nicht nur für sich hören. Der oder die wird auch nach rechts und nach links schauen und alle die anderen sehen, die ebenfalls ein menschliches Antlitz tragen und die genauso gemeint sind wie man selber.


Das Abendmahl

Die Gemeinde feiert diese befreiende Botschaft von Christus als die menschgewordene Versöhnung Gottes sichtbar im Abendmahl. Da bekennt die Gemeinde die Schuld und hört das Wort der Vergebung und Befreiung. Und dann steht die Gemeinde in Gruppen am Altar. Sie hört und feiert mit dem Kelch „das Blut des neuen Bundes“, nicht nur jeder für sich, sondern alle gemeinsam. Was das konkret heißen kann, hat eine Gemeinde einmal so erfahren: Bei einer Abendmahlsfeier sollten sich alle nach der Kommunion an der Hand fassen zum Segen. Die Gemeinde sah dabei, dass da vorne zwei Männer nebeneinander standen, die wegen einer Grundstückssache schon seit langem nicht mehr miteinander sprachen. Sie warteten gespannt, was die beiden wohl machen würden.Und was geschah? Sie haben sich wie die anderen bei der Hand genommen.
Ich weiß nicht, was in den beiden vor sich ging. Aber genau das würde zum Abendmahl passen, zu der Feier des Christus, der „die Sünde der Welt trägt“, dass man aus dem Kelch eben nicht allein trinkt, sondern dass der neben mir dazu gehört.

Der Blick auf Christus öffnet den Blick für die Mitmenschen

Ja, die Gemeinde kommt vom Weihnachtsfest her. Eben noch wurde die Geburt des Kindes von Bethlehem gefeiert, das Johannes das Lamm nennt, das der Welt Sünde trägt. Diese Botschaft kann man doch nur so hören, dass man mit Freude und Hoffnung vernimmt, dass diese Botschaft nicht nur mir, sondern wirklich „der Welt“ gilt. Und dass man sich deshalb selbst dem befreienden und versöhnenden Gott zur Verfügung stellt – vielleicht wie die beiden Männer vor dem Altar. Oder wie jener Mann, von dem mir erzählt wurde: Er war unterwegs in der Stadt mit einem Kuchen in der Hand, den er von seiner Schwester geschenkt bekam. In der abendlichen Stadt kamen ihm zwei Frauen entgegen, offensichtlich ohne Obdach. Sie bettelte und wollten von seinem Kuchen. Ihm fiel es schwer, diesen Kuchen mit den beiden zu teilen, denen man nicht nur ansah, wie sie lebten. Schlussendlich gab er ihnen den ganzen Kuchen. Der Mann erzählte, dass die Frauen ihn angeschaut hätten, mit einem Blick... Und er sagte: Das sei wie in Tolstois Erzählung vom Schuster Martin gewesen, als ob Christus selbst ihn angeschaut habe. Und dass er seitdem in der Suppenküche seiner Stadt für Obdachlose mitmacht.
Christus, das Lamm Gottes, das menschgewordene Erbarmen Gottes, nimmt Menschen in seinen Dienst der Befreiung.
Amen.

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