Septuagesimae (27. Januar 2013)

Autor/in: Prälatin Gabriele Wulz, Ulm [praelatur.ulm@elk-wue.de]

Matthäus 9, 9 -13

Liebe Gemeinde,

wer ist mein Nächster? „Es wurde gesagt, dass man seinen Nächsten lieben soll. Und dann wurde gefragt: ‚Aber wer ist unser Nächster, liebe Gemeinde? Wer ist der Nächste? Nun – das ist der Ausgegrenzte, der Bettler, der Aussätzige, die Prostituierte ...‘ Ich hatte noch nie im Leben eine Prostituierte gesehen, Bettler schon, und Aussatz, ich kannte wirklich niemanden, der das hatte. Der Nächste war immer sehr weit weg. Das mag praktisch sein für die, die dran gewöhnt sind, dass Gott eh nichts mit ihrem Alltag zu tun hat. Für mich war es das als Teenager nicht.“ (Esther Maria Magnis, Gott braucht dich nicht – eine Bekehrung, Hamburg, 2012)
Und, liebe Gemeinde, ich könnte zu der zornigen Aufzählung dieser jungen Frau noch den Zöllner hinzufügen. Denn der gehört eigentlich auch in diese Reihe von ausgegrenzten Nächsten, die wir zu lieben hätten. Aber dazu müssten wir ihnen erst einmal begegnen...
Für das Neue Testament war offensichtlich das, was für uns ganz weit weg ist, ganz nah dran: ganz nah an der Erfahrung, an der Lebenswirklichkeit und damit geeignet, Menschen herauszufordern und ihr Herz zu erreichen.
Die Provokation war, dass Aussätzige, Ausgestoßene, Verachtete, Frauen und Männer, die mehr als schief angesehen wurden, in einer besonders intensiven Beziehung zu Jesus standen und er zu ihnen.Und gerade die, die die Mehrheit der Menschen mit Ekel verabscheuten oder zu denen sie innerlich und äußerlich auf Distanz gingen, wurden für Jesus zum Zeichen der anbrechenden Gottesherrschaft.
Für Jesus war klar: Wenn die gewonnen werden, wenn die in die Gemeinschaft zurückfinden, dann ist das nicht mehr und nicht weniger als ein Hinweis auf die Auferstehung der Toten, auf die Heilung des Risses, auf die Versöhnung in einer unversöhnten, bitteren und harten Welt.

Wie Frieden Gottes wird und wie sich Gott in der Welt Raum und Gehör verschafft, davon erzählen die Evangelien, davon erzählt das Matthäusevangelium.
So berichtet der Predigttext für den Sonntag Septuagesimä von der Berufung eines Zöllners und von der sich daran anschließenden Debatte.
Der Zöllner Levi heißt hier Matthäus.
Warum das so ist, wissen wir nicht.
Wir können nur zur Kenntnis nehmen, dass der Evangelist Matthäus die bekannte Berufung eines Zöllners an dieser Stelle verändert hat. Der Zöllner trägt den Namen Matthäus – so wie der Evangelist selbst.

Matthäus – wer ist er?

Matthäus heißt so viel wie Gottes Geschenk.
Dass aber dieser Matthäus seinem Namen nicht unbedingt Ehre macht, ist eine Pointe dieser Geschichte.Denn Matthäus gehört zu den Absahnern und Abzockern. Zu denen, die sich auf Kosten anderer bereichern und die dafür natürlich einen Preis zu zahlen haben.
Einen Preis, der in einer Gesellschaft, die ganz stark auf Gemeinschaft hin angelegt und angewiesen gewesen ist, wesentlich höher zu veranschlagen ist als in unserer, in der die Ellenbogentypen doch auch Respekt und Bewunderung und öffentliche Aufmerksamkeit genießen.
Wer Steuern und Abgaben erhebt – und davon lebt, wird nicht geliebt. Nirgends. Und wer sich darüber hinaus mit der fremden Besatzungsmacht einlässt und auf diese Weise zum Kollaborateur wird, erst recht nicht.
Wer im Verdacht steht, seine Seele zu verkaufen und sich korrumpieren zu lassen, wird geschnitten. Jedenfalls von vielen.
Das kann man sehenden Auges und ganz bewusst in Kauf nehmen. Wir kennen das „kalte Herz“, das sich scheinbar von nichts und niemand rühren und bewegen lässt.
Manchmal aber geschieht das auch ganz schleichend, kaum bemerkt und kaum wahrgenommen. Und irgendwann ist alles fest gefahren, fest gezurrt, fest verknotet. Im wahrsten Sinne des Wortes: abgeschnitten von allem Lebendigen.
Wir wissen nicht, wie es bei Matthäus war. Nur so viel: Matthäus – das Gottesgeschenk – hat sich eingerichtet, war etabliert - und hat gelernt, dass nichts im Leben umsonst ist und man deshalb auch nichts geschenkt bekommt.
Irgendwo in ihm muss es aber doch einen Rest gegeben haben, einen Traum, der noch nicht ganz aufgegeben, eine Hoffnung, die noch nicht ganz verschüttet gewesen ist.

Der Traum des Matthäus und die Gemeinschaft mit Jesus

Irgendetwas muss da gewesen sein.Sonst könnte man es nicht glauben, was der Evangelist Matthäus von seinem Matthäus erzählt.
Dass der nämlich aufgestanden ist und alles zurückgelassen hat. Und das alles nur, weil Jesus zu ihm gesagt hat: Folge mir nach.
Und das Beispiel von Matthäus macht Schule:Zum Gastmahl kommen viele Zöllner und Sünder und sitzen zusammen und essen und trinken und erfahren Gemeinschaft und erleben Gottes Reich. In ihrer Mitte.
Ein seltener, ein kostbarer Augenblick von einem Frieden, der unsere Vernunft übersteigt, der nicht herstellbar, nicht machbar ist, der sich einfindet, wenn etwas wieder in Ordnung kommt, etwas heil wird und solche zusammenfinden, die lange voneinander getrennt waren.
Und alle verstehen das, und man muss gar nichts mehr weiter sagen …. Eigentlich.

Die Fragen der Pharisäer

Aber dann gibt es noch die Pharisäer.Und die nehmen Anstoß.In gewisser Weise sind sie ja auch außen vor. Sind abgeschnitten von dieser Gemeinschaft. An den Rand gedrängt, fragen sie die Jünger Jesu: Warum isst euer Meister mit Zöllnern und mit Sündern?
Eine gute, eine berechtigte Frage.
Ich jedenfalls kann sie gut nachvollziehen.
Und bevor wir zu schnell über Pharisäer und ihre Selbstgerechtigkeit herziehen, ist es nicht verkehrt sich zu überlegen, wo unsere Ekelgrenzen verlaufen. Und wo wir uns nicht vorstellen können, dass unser Herr und Meister keine Berührungsängste zeigen würde.
In der Tat: Zöllner und Sünder elektrisieren uns nicht und regen uns auch nicht auf. Im Laufe einer langen Wirkungsgeschichte der neutestamentlichen Texte haben wir uns an sie gewöhnt und finden an ihrer Tischgemeinschaft nichts Aufregendes mehr.
Aber es gibt andere Konstellationen. Die könnten auch uns unter Umständen auf die Palme bringen. Weil mit solchen kein Friede zu machen ist. Und auf keinen Fall vorbehaltlos Friede zu machen ist.

Die Antwort Jesu: Den Nächsten erkennen ist Barmherzigkeit statt Opfer

Jesus – als er davon hört – zitiert den Propheten Hosea und bringt uns damit auf eine Spur des Verstehens, die nachdenklich machen kann.
„Ich habe Wohlgefallen an Barmherzigkeit und nicht am Opfer.“
Oder anders übersetzt: Ich habe mehr Wohlgefallen an Barmherzigkeit als an Opfern.
Warum?
Weil Gott bedingungslos gibt. Weil Gott sich bedingungslos hingibt und deshalb an unseren Tauschhändeln nicht wirklich interessiert ist.
Barmherzigkeit braucht keine Vorleistung. Barmherzigkeit wird gewährt. Wird geschenkt. Aber nicht ausgetauscht – und auch nicht gegeneinander aufgerechnet.
Barmherzigkeit steht im Gegensatz zum Opfer. Opfer heißt: Ich gebe etwas, damit du gibst...Ich gebe etwas sehr Wertvolles: ein Schaf, ein Rind, einen Stier, mein Leben, damit du mir vergiltst nach dem, wie ich dir gegeben habe.
Das Opfer gehört zu jeder Religion.
Und jeder, jede von uns kennt Gebete, die genau so funktionieren: Ich verspreche dir ab sofort, das und das nicht mehr zu tun --- oder das und das dir zu geben. Ich strenge mich auch ganz ehrlich an, wenn du mir dafür das erfüllst, worum ich dich bitte.
Die Barmherzigkeit aber gehorcht einem anderen Gesetz. Nicht dem Gesetz des Tauschs, sondern dem der Gnade.
Und das ist`s, was das Gottesgeschenk Matthäus lernt und erfährt.
Genau in dem Augenblick, als Jesus zu ihm kommt und sagt: Folge mir nach.
Das ist kein Tauschgeschäft. Das ist – wenn man es bilanzieren würde – eine reine Katastrophe.
Alles, was sich ein Mensch in seinem Leben aufgebaut hat, was er erreicht hat an finanziellen und materiellen Möglichkeiten, das gibt er in einem Augenblick dahin.
Nicht, um dafür etwas ersetzt zu bekommen, sondern weil er in diesem Ruf und mit diesem ein Geschenk erhält. Größer als alles, was er sich vorstellen kann.
Ein Geschenk – unverdient und umsonst.
Das Geschenk, das ihm sagt: Du bist ein Gottesgeschenk und du gehörst zu mir – deshalb komm.
Komm heim – und verlier dich nicht weiter in der Fremde.

Matthäus, liebe Gemeinde, erfährt im Ruf Jesu die Liebe Gottes.
Die Liebe, die stärker ist als der Tod und die ihn zurückbringt zu sich selbst.
Darum geht es im ganzen Neuen Testament.
Das ist die gute Nachricht. Das ist die einladende Botschaft, die ausgebreitet wird.
Es geht nicht um ein Wohlverhalten oder um eine abstrakte Forderung, Menschen zu lieben.Vorzugsweise solche, zu denen man keinerlei Kontakt oder Beziehung hat.
Es geht nicht um Moral. Es geht nicht um Überforderung.
Es geht um das Geschenk Gottes, das einen Matthäus wieder an das erinnert, was er von Gott empfangen hat: sein Leben.

Jesu Gemeinschaft – Predigt von Gottes Barmherzigkeit und Liebe

Liebe Gemeinde,kurz und bündig erzählt uns das das Matthäusevangelium. In wenigen Versen wird berichtet, wie Menschen in der Begegnung mit Jesus der Liebe Gottes ansichtig und heil werden. An Leib und Seele heil werden – und so ihr Leben zurückgewinnen.
Die Pharisäer haben diese Erfahrung noch vor sich.
Aber auch sie sollen hören und erfahren:
Gottes Barmherzigkeit und seine Liebe sucht uns, die wir verloren sind und schenkt uns das ewige Leben.
Amen.

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