Sexagesimae (03. Februar 2013)

Autorin / Autor: Prälat i.R. Hans-Dieter Wille, Tübingen [Hd.wille@gmx.de]

Jesaja 55, 6 -12

Liebe Gemeinde,
„suchet den Herrn, solange er zu finden ist. Ruft ihn an, solange er nahe ist…“
Das ist zu Menschen gesagt, die offenbar Gott verloren haben. Sie haben ihn gesucht, sie hatten seinen Namen gerufen, sie haben nach ihm geschrien – aber jetzt ist für sie die Suche und das Warten auf Antwort beendet.

Mit Gott am Ende sein

Es gibt diesen Punkt, liebe Gemeinde, wo Menschen mit ihrem Gott und damit mit ihrem Glauben am Ende sind. Sie haben große Hoffnungen auf Gott gesetzt. Aber sie haben vergeblich gehofft, sie haben vergeblich gebetet.
Auch die frömmsten Menschen können an diesen Punkt kommen, wo sie an ihrem Gott verzweifeln.
Das gibt es, dass mir der Glaube an einen Gott, „der alles so herrlich regieret“ – eine vertraute Erfahrung von Kind auf – auf Grund solcher enttäuschender Erfahrungen regelrecht abhanden kommt, ja dass mir Gott so fremd und dann so gleichgültig werden kann, dass ich am Ende sagen muss: Dieser Gott ist für mich gestorben.
An diesen Punkt schien das Volk Israel im babylonischen Exil gekommen zu sein. Die Rückkehr in die Heimat, auf die sie lange Zeit gehofft hatten – für die meisten war es nur noch ein Traum, ein Traum, zu schön, um wahr zu sein.
Und die Heimat war weit: Über 5000 Kilometer liegen zwischen Babylon und Jerusalem.
In diese Situation hinein spricht der Prophet Jesaja, zu seinen jüdischen Glaubensgenossen spricht er, die ihn – so können wir annehmen – ohne Begeisterung zugehört haben.
Denn Jesaja spricht zu Menschen, in deren Gefühlslage die anfängliche Verzweiflung, das empörte Hadern mit Gott schon längst einer achselzuckenden Resignation gewichen war.
In dieser Resignation hatten sie sich eingerichtet, so gut es ging, so wir nicht selten resignieren, wenn wir spüren: die Beziehung zu diesem Menschen kommt nicht mehr in Ordnung, das enttäuschte Vertrauen ist nicht mehr wiederherzustellen.

Die alltägliche Gottlosigkeit

Gottlosigkeit aus Resignation - sie war bei den Menschen im babylonischen Exil schon längst Alltag geworden, zu einem Alltag, in dem sie ihren Geschäften nachgingen, ohne von ihrem Gott noch Besonderes zu erwarten.
„Der Gottlose lasse von seinem Weg…und bekehre sich zum Herrn.“
Das ruft der Prophet ihnen zu.
Es wäre das, liebe Gemeinde, der Anfang einer solchen Bekehrung bei uns, wenn auch wir uns diese Form der Gottlosigkeit eingestehen würden.
Sie ist uns manchmal kaum bewusst, aber durchaus geläufig, weil schon längst zur Gewohnheit geworden.
Diese Gottlosigkeit, von der der Prophet spricht, ergreift einen gewissermaßen schleichend und sie findet überall dort statt, wo wir unser Leben leben, als ob es Gott nicht gäbe. Als würde mein gegenwärtiges Leben und alles, was mich gerade bewegt oder aufregt, ohne ihn stattfinden, ohne den, den ich doch im Gottesdienst als meinen „Vater“, als den „Schöpfer des Himmels und der Erden“, also auch meines Lebens bekenne.

Im Gewohnten von Gott unterbrochen werden

Unter uns treten keine Propheten auf – wie damals in den jüdischen Siedlungen in der großen Stadt Babylon.
Aber auch wir kennen Stimmen, Ereignisse, die zu uns sprechen und uns in unserem gewohnten, alltäglichen „Atheismus“ unterbrechen, Stimmen und Ereignisse, die uns dazu bringen, dass wir innehalten und unser Leben neu sehen lernen.
Die Geburt eines Menschen kann zu einer solchen Stimme, zu einem unseren Alltag unterbrechenden Wort werden. Wir ahnen etwas von der Besonderheit des Lebens. Wir spüren: Auch wenn wir um die biologischen Vorgänge wissen: diesen Menschen haben wir nicht gemacht. Ja -es ist gerade das Wunderbare an einer Geburt, dass dieser Mensch eben nicht das Produkt unserer Planungen und Wünsche ist.
Nicht zuletzt wird uns das am Grabe eines Menschen deutlich, vor allem am Grabe eines uns liebgewordenen Menschen, den wir unter Tränen verabschieden: Dort, wo es in unserem Leben darauf ankommt, wo es ernst wird, ist es nicht steuerbar. Unser eigenes Leben nicht und das unserer Nächsten auch nicht.
In Nachrufen klingt es manchmal so, als wäre ein Lebenslauf eine von vornherein absehbare und planbare Abfolge nacheinander stattfindender Begebenheiten und Karrieren, die dann ein Leben sind.

Leben ist nicht planbar

Wir alle wissen und haben es erfahren: Leben, auch mein Leben läuft so nicht ab, ist all die Jahre so nicht abgelaufen.
Wir, liebe Gemeinde, können selber die Probe aufs Exempel machen und in Gedanken die Stationen unsres Lebens einmal nachgehen: Wo sind die für uns und unsere Beziehungen wirklich entscheidenden Ereignisse nach Plan verlaufen?!
Hat nicht vielmehr das, was wir etwas allgemein und unbestimmt „Schicksal“ oder „Zufall“ nennen, die entscheidende Rolle gespielt, es mag erfreulich oder erschreckend gewesen sein?!
Ich denke, es ist auch niemand unter uns, der von sich selber behaupten würde: Mein Leben – das war das Ergebnis meiner Leistung, meines Leistungsvermögens. Wenn dem so wäre, dann hätten wir über ein Leben, das nach dem äußeren Anschein als nicht erfolgreich erscheint, das wir als misslungenes oder nur noch als behindertes Leben sehen, schon längst den Stab gebrochen.
„Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken und meine Wege sind nicht eure Wege.“
Das ist doch die entscheidende Frage, liebe Gemeinde: Ist alles, was Menschen zustößt, was so nicht in ihrem Terminkalender stand, nur einem anonymen Schicksal, einem willkürlichen Zufall zuzuschreiben?
Oder vertrauen wir darauf, dass was immer geschieht: Dieser Gott ist – komme was da wolle – der Lenker meines Lebens. Er ist es, weil dieser menschgewordene Gott – so haben wir es an Weihnachten gehört – „Wohlgefallen“ an mir hat. Wie tief wir auch stürzen mögen, wir fallen nicht in ein dunkles Loch, sondern in seine Arme.
Sein Wort, das wir oft bei der Taufe hören, behält seine Gültigkeit: „Fürchte dich nicht. Ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein“(Jes 43,1).
Nur wenn ich das weiß, nur wenn ich mich zu dieser Gewissheit meines Glaubens immer wieder neu durchringen kann, kann ich diesem Wort des Jesaja trauen, einem Wort, das die meisten seiner Zuhörer aufs Erste wohl als eine nur schwer erträgliche Zumutung empfunden haben: „Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken. Und eure Wege sind nicht meine Wege.“
Das kann nur einer von sich sagen, der dieses Vertrauen verdient hat – allen gegenteiligen Erfahrungen zum Trotz.
Ein solches Wort kann Gott den Seinen nur dann zumuten, wenn sie von ihm trotz ihrer unerfüllten Hoffnungen, trotz ihrer erlebten Gottesferne, ja trotz einer mitunter ganz schrecklich erfahrenen Gottesfinsternis und dem dann folgenden überall spürbaren schleichenden Abschieds von Gott letztlich doch Gutes erwarten.

Spuren des Gottvertrauens

„Suchet den Herrn" – so beginnt unser Predigttext.
Gottvertrauen entsteht dort, wo wir in unserem eigenen Leben auf Spurensuche gehen und dann auch deutliche, manchmal sehr verborgene Spuren von Gottes Gegenwart bei uns entdecken.
Denn wie Regen und Schnee die Erde feucht hält und sie auf diese Weise fruchtbar macht, so dass Weizen wachsen und daraus gutes Brot gemacht werden kann, so ist Gottes Wort in der Person Jesu Christi wie ein solches Weizenkorn in diese Welt gekommen und aus ihr nicht mehr wegzudenken. Und dieses göttliche Wort, das an Weihnachten Mensch und unser Bruder geworden ist, wird nicht zurückkehren, bevor es nicht unter den Menschen Frucht gebracht hat, bevor nicht in ihrem Leben durch dieses Wort Heilsames geschehen ist.
Dieses eine Wort ist dann auch eingegangen in die Worte, die wir an den Übergängen oder den einschneidenden Ereignissen unsres Lebens hören und die uns wichtig, lebenswichtig sind, die wir dort brauchen, wo das sogenannte „normale Leben“ unterbrochen wird: dort, wo wir ein Kind zur Taufe bringen; dort, wo zwei Menschen eine gemeinsamen Lebensweg beginnen; aber auch dort, wo wir selber sprachlos sind und uns andere tröstende, ermutigende Worte zusprechen müssen.
Überall dort, wo unser Leben anders wird, als es vorher gewesen ist, wo Ungewohntes auf uns zukommt und nicht alles so weiterläuft wie bisher, bedeuten uns Worte viel: Worte, die mir deutlich machen: „Ich bleibe an deiner Seite. Du kannst dich auf mich verlassen.“
Gerade in den schwierigen Übergängen und Abschieden unseres Lebens, wo wir oft nicht wissen, wie es nun weitergehen soll, sind wir geradezu begierig nach Worten, die uns weiterhelfen.
In diesen Worten sollen wir Gott suchen und dann auch finden – und wäre er noch so verborgen.
In den Worten von Menschen, die uns beistehen oder ihre Anteilnahme
zeigen, kommt uns Gott ganz nahe, näher als uns immer bewusst sein kann.
Er kommt uns nahe - um unsretwillen!

Seine ganz anderen Gedanken und Wege – für uns!

Denn dass Gottes Gedanken und seine Wege oft nicht die unsrigen sind, oft nicht die unsrigen gewesen sind, wie wir das an unserem eigenen Lebenslauf studieren können, geschieht ja letztlich – und das müssen wir unbedingt mithören, liebe Gemeinde, uns zugut!
Meist können wir das erst im Rückblick erkennen, wie gut diese von uns unverstandenen Wege für uns letztlich gewesen sind.
Uns zugut!
Dass Gott die Liebe ist, wie es im 1. Johannesbrief heißt, ja, wie Luther es in seiner Sprache formuliert: „ein feuriger Backofen voller Liebe“, das soll ja durch solche Worte aus dem Munde des Propheten nicht in Frage gestellt oder gar aufgekündigt, sondern dadurch gerade bestätigt und bestärkt werden.

Um Gottvertrauen bitten

Freilich: Zwischen dem „Abschied von Gott“ und diesem Gott alles zutrauenden Vertrauen ist ein schmaler Grad. So wie in unseren Beziehungen zwischen grenzenlosem Vertrauen und einem urplötzlich aufkommenden Misstrauen ein sehr schmaler Grad liegen kann.
Denn Vertrauen, auch Gottvertrauen können wir nicht einfach deponieren, wie ein Guthaben – und dann sind wir auf der sicheren Seite. Vertrauen, auch Gottvertrauen ist sehr verletzlich. Aber es bewährt sich gerade dort, wo es auf der einen Seite genügend Gründe gibt, misstrauisch zu werden, wo wir aber noch mehr Gründe, gute Gründe finden, dieses anfängliche und durchaus verständliche Misstrauen zurückzustellen.
Um dieses Vertrauen wirbt der Prophet bei seinem Volk, um dieses Gottvertrauen, das für ihn eine größere Kraft hat als alle naheliegenden und nachvollziehbaren Einwände und Widersprüche. Er wirbt darum. Denn Gottvertrauen lässt sich nicht – mit erhobenem Zeigefinger etwa – erzwingen.
Um Gottvertrauen können wir nur bitten.
Wie einem Hiob, wie einem Paulus, wie einem Luther, die an ihrem Gott fast verzweifelt wären, geschieht ein solches Gebet nicht selten mit Furcht und Zittern.
Ich denke, dass es auch heute unter uns Menschen gibt, die in kritischen und krisenhaften Situationen ihres Lebens wie diese Beter oder die Beter der Psalmen so mit ihrem Gott regelrecht ringen und gerungen haben. Auch wenn sie dann nicht verstehen, was dieser Weg, den Gott ihnen da zumutet, wirklich für sie bedeuten soll.
Sie sollen dennoch dessen gewiss sein: Gott bleibt an ihrer Seite.
„Ich glaube“, schreibt Bonhoeffer 1945 aus der Haft, „dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten Gutes entstehen lassen kann...Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage so viel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen...In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein.“
Zu einem solchen Glauben, den wir nicht machen und den wir auch nicht konservieren können, laden uns die Worte unseres Predigttextes ein. In einem solchen Glauben werden wir – wie es am Schluss heißt – „in Freuden ausziehen und im Frieden geleitet werden“.
Gut, liebe Gemeinde, dass es solche Worte gibt.
Amen.

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