Estomihi (10. Februar 2013)

Autorin / Autor: Schuldekan Ulrich Ruck, Reutlingen

Lukas 18, 31 -43

Liebe Gemeinde,
das sind nun tatsächlich zwei Geschichten, die unterschiedlicher nicht sein könnten.
Dem einen geht ein Licht auf, den anderen nicht einmal ein blasser Schimmer. Wir sind gehalten, beides zusammenzuhalten. Dennoch will auch jede Geschichte für sich betrachtet sein.
Immerhin begegnen uns in jeder Erzählung unterschiedliche Grundsituationen von Menschen vor Gott und der Welt, die auch unsere sein könnten. Ihnen erneut zu begegnen, vielleicht mit ein wenig Abstand, dazu lädt uns der Predigttext ein.
Noch eins erscheint mir wichtig: die Geschichten wollen zusammen gehört und wahrgenommen, nicht aber gegeneinander ausgespielt werden. Ich glaube nicht, dass die Blindenheilung durch das Unverständnis der Jünger besonders hervorgehoben werden soll.
Man mag das so sehen, gewiss. Ich möchte aber fragen, inwiefern man tatsächlich die Erzählung vom Jüngerunverständnis bräuchte, wenn doch mit der Heilung des Blinden das Entscheidende gesagt ist? Auch entspräche eine solche Haltung - den einen auf Kosten der anderen hervorzuheben – nicht der Grundhaltung Jesu gegenüber seinen Jüngern. Immerhin erzählt Lukas von deren Aussendung, das Evangelium zu den Menschen zu bringen, im Namen Jesu sogar zu heilen.
Ich glaube, Lukas will mit dem Kontrastprogramm der beiden Geschichten anderes verdeutlichen.

Begriffsstutzigkeit-Unvermögen-Unverständnis: Grunderfahrungen der Menschen

Wenden wir uns zunächst der ersten Geschichte zu. Die Jünger verstehen nicht, was Jesus über seine Sendung, seinen Weg sagt. Daran lässt Lukas keinen Zweifel; gleich dreifach bringt er zum Ausdruck:
„Sie aber begriffen nichts davon, und der Sinn der Rede war ihnen verborgen, und sie verstanden nicht, was damit gesagt war.“
Dreifach - vielleicht auch ein vorsichtiger Hinweis auf die Tage, die zwischen Karfreitag und Ostern alles grundlegend verändern werden und auffangen, was an Begriffsstutzigkeit, Unvermögen und Unverständnis vor Gott in der Welt ist.
Dabei ist uns die Reaktion der Jünger nicht fremd: Dass Menschen auf die Äußerung von bedrohlichen Ahnungen - den Jüngern gleich - mit Abwehr reagieren, hat schon manchen, der mit seinem nahen Ende oder einer dahin gehenden Diagnose umgehen musste, noch stummer gemacht. Genommen sind damit Möglichkeiten, zur Sprache zu bringen, zu teilen, welch unsagbare Schwere auf einem und einer lastet.
Andererseits ist dieses Unverständnis auch ein Schrei nach Leben, danach, dass Frau und Mann sich das Leben ohne den anderen nicht vorstellen können. Was bin ich denn ohne mein Gegenüber, ohne die Mutter, den Vater, den Partner, das Kind?
Die Jünger sind uns nicht fremd. Ihr Unverständnis, ihre Begriffsstutzigkeit und ihr Unvermögen sind menschlich, gründen wohl zu allererst in der Haltung, das Leben – wie es jetzt ist - zu lieben, es für so unverrückbar zu halten, dass anderes nicht gedacht werden kann. Ich verstehe die Jünger nur allzu gut, entdecke mich in ihnen wieder, auch wenn ich weiß, dass Gott es vielleicht anders sieht.
Auch ihre Ohnmacht kenne ich, weil sie an dem, was Jesus kommen sieht, nichts ändern zu können. Sie hatten wohl einen Messias erträumt, der sich nicht ausliefert, sondern die heidnischen Römer vertreibt, die das Land besetzten und knechteten. Wie muss es auf sie gewirkt haben, wenn Jesus von Auslieferung redet, von Preisgabe, Schändung und Tod? Unverständnis wird verständlich, das in vielen Gesichtern von Frauen und Männern abzulesen ist, die von Machthabern oder Kräften unterdrückt, geschunden und geknechtet werden und nur eines ersehnen: Leben können in Freiheit und Frieden.
Begriffsstutzigkeit ist vielleicht ihr letzter Schutz, wenn sie täglich erfahren: Da ist nichts zu machen!

Die Frage nach dem Warum?

Unverständnis, Unvermögen und Begriffsstutzigkeit, ja, wer kann denn schon das Muss verstehen, weshalb Jesu Weg am Ende in den Tod in Jerusalem führt?
Unsere christliche Tradition bekennt: Wäre der Kelch an Jesus vorübergegangen, hätte der Vater den Sohn ohne Leiden entrückt, dann wären die Leidenden, also auch die Unverständigen, Begriffsstutzigen und Unvermögenden, mit denen Jesus sich solidarisiert hat, ja, auch die Sünder, auf der Strecke geblieben - und würden es heute noch bleiben. Diese Solidarität wäre abgebrochen, und damit aufgegeben worden. Stattdessen hält Jesus bei ihnen aus - auch bei den Jüngern, die er nicht wegschickt oder zurechtweist. Bis hin zur letzten Konsequenz ist er solidarisch, sogar mit denen, deren Leben unumkehrbar zu Ende ist.
Ob das reicht, wenn wir dem Unvermögen, Unverständnis und der Begriffsstutzigkeit auch bei uns selbst begegnen? Ob die Worte der Mütter und Väter im Glauben für unsere Zeitgenossen, für Sie und mich, immer Fels und feste Burg sein können?
Die Erfahrung der Verborgenheit der Macht Gottes bleibt, sie lässt letztlich nur die Flucht zum Evangelium hin übrig.

Erfahrungen im Lichte des lockenden Gottes

Und da sind wir ganz nah bei der zweiten Geschichte dieses Sonntags Estomihi:
Den Blinden, von dem erzählt wird, bewegt der Mut, seinem bisherigen Leiden entgegenzuwirken. Ihn beflügelt das Vertrauen, sich über alle Gepflogenheiten hinwegsetzen zu können. Der vorüberziehende Herr wird ihm Zuwendung schenken, ihn beachten, ihm die Kraft zum Sehen schenken. Er lässt sich dabei nicht beirren von jenen, die ihn zurückhalten wollen, seinem Heil zu begegnen. Sei sehend, dein Glaube hat dir geholfen! Der Evangelist hegt keinen Zweifel daran, dass diese Kraft nicht aus dem Blinden selbst kommt. Der hört zunächst. Der Vorüberziehende hat ihn zum Forschen und Rufen nach dem Heil befähigt. Solcher Glaube ist Gottes - nicht der Menschen Wirklichkeit.
Auch das kennen wir: dass eine Wirklichkeit so stark ist, uns gegen alle Widrigkeit und Gewohnheit auf den Weg bringt, keine Vertröstung - auch nicht eine im politischen Sinn - keine noch so vernünftig daherkommende Argumentation uns hindern kann, loszuwerden, was uns bewegt: Herr, erbarme dich meiner!
Ob wir das auch hören und wahrnehmen, wenn andere das sagen und mögen sie uns noch so blind erscheinen? Herr, erbarme dich meiner! Wenn sie hör- und spürbar darauf vertrauen: Dein Glaube hat dir geholfen!

Vor Gott gehört beides zusammen

Estomihi heißt dieser Sonntag und in der Verbundenheit beider Geschichten begegnet uns Gott als Fels und feste Burg: Den zweifelnden, um Verständnis ringenden, schweigenden, klagenden, ja, sogar begriffsstutzigen Männern und Frauen gibt er Raum - immer wieder geht er solidarisch mit ihnen hinauf nach Jerusalem und noch einen wesentlichen Schritt darüber hinaus.
Auch für jene unter uns gilt das, die dem ehemals Blinden gleich, alles daran setzen, Leid und Elend, ihr bisheriges geknechtetes Leben hinter sich zu lassen, um Neuland zu betreten - immer wieder aufs Neue, jeden Tag gelockt und ermutigt von der Kraft des Evangeliums.
Die Jünger und der vom Evangelium gelockte Blinde müssen einander begegnet sein. Sie haben sich gegenseitig bereichert - vielleicht ohne es zu wissen - mit ihren ganz und gar unterschiedlichen Lebenserfahrungen, weil der Herr sie mit auf seinen Weg genommen hat.
So auch ihr - bereichert euch mit euren Erfahrungen - begegnet einander - ihr seid es allemal wert, von der Liebe des Herrn erfüllte Geschöpfe zu heißen und als solche zu leben.
Lasst uns deshalb auch ganz unterschiedlich einander wohl tun, Fels und Burg auch über diesen Sonntag hinaus als Grund unter unseren Füßen spüren, damit die Welt es hört und glaubt: Dein Glaube hat dir geholfen. Amen.

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