Invocavit / 1. Sonntag der Passionszeit (17. Februar 2013)

Autor/in: Pfarrer Dr. Martin Hauff, Langenau [Martin.hauff@kirche-langenau.de]

Lukas 22, 31 -34

Liebe Gemeinde,
„Herr, ich bin bereit, mit dir bis in den Tod zu gehen“ – aus voller Überzeugung legt Petrus dieses Treuebekenntnis zu Jesus ab. Petrus, der immer wieder vorangeht, während die anderen noch abwarten. Stürmisch ist er in seiner Anhänglichkeit an Jesus, feurig ist sein Temperament. Eine Persönlichkeit mit unverwechselbaren Stärken.
Herr, ich bin bereit. Ein Zeichen von Stärke. Es gibt gerade auch in der evangelischen Frömmigkeit eine Fixierung nur auf die Schwächen, auf die schuldhaften Momente im Leben, und die guten Gaben Gottes, die Stärken werden dabei gar nicht genügend gewürdigt. In einem Gottesdienst schwedischer Frauen hat Lena Malmgren in einem „umgekehrten Schuldbekenntnis“ diese Missachtung eigener Stärken einmal so ausgesprochen:
„Christus, ich bekenne vor dir, dass ich keinen Glauben an meine eigenen Möglichkeiten gehabt habe. Dass ich in Gedanken, Worten und Taten Verachtung für mich und mein Können gezeigt habe… Ich bekenne, dass ich mich nicht im Maße meiner vollen Fähigkeiten entwickelt habe, dass ich zu feige gewesen bin, in einer gerechten Sache Streit zu wagen … Jesus, richte mich auf; gib mir… Liebe zu mir selbst.“
Petrus hingegen ist alles andere als in sich zurückgezogen. Er ist bereit, sich mit all seinen Stärken für Jesus einzusetzen: „Herr, ich bin bereit, mit dir ins Gefängnis und in den Tod zu gehen.“ Petrus macht seinem Beinamen, den Jesus ihm gab, alle Ehre: ein Fels in der Brandung, all den Wellen trotzend, die jetzt heranrollen.

Bedrohte Stärke

Jesus schätzt seinen Jünger Simon Petrus – mit seiner Begeisterung, mit seinem feurigen Temperament. Gerade deshalb wendet er sich ihm ganz persönlich zu. Jesus legt ihm ans Herz, sich auf zweierlei einzustellen: Stell dich darauf ein – es wird gesiebt, vom Satan; aber auch: Stell dich darauf ein – es wird gebetet, von Jesus.
Zunächst also: Stell dich darauf ein – es wird gesiebt. Die, die Jesus auf seinem Weg begleiten, werden erfahren, dass Kräfte und Mächte auf den Plan treten, die stärker sind als der eigene noch so starke Wille. In der Nacht, die Jesus ins Leiden führt, wird der Glaube seiner Jünger auf die Probe gestellt werden. „Simon, Simon, siehe, der Satan hat begehrt, euch zu sieben wie den Weizen.“ Wir sehen ein eindrückliches Bild vor uns: Da wird eine Schaufel voller Getreide auf ein Sieb geschüttet. Dann wird dieses Sieb immer schneller hin und her bewegt, so dass die Spreu durch die Löcher durchfällt und im Sieb nur noch die echten Weizenkörner übrig bleiben.

Der bedrohte Glaube: Satan und das Böse

Wer aber schüttelt das Sieb? Der Satan, sagt Jesus und erinnert damit an den Beginn des Hiobbuchs, wo der Satan als Ankläger Hiobs vor Gott auftritt. Also: Der Satan erbittet sich die Jünger, um sie zu sieben wie den Weizen. Das Sieben zielt darauf, dass bei jedem einzelnen Jünger sein Versagen ans Licht kommt und der Satan ihn dann anklagen kann. Mit dem Judentum teilt Jesus den Glauben, dass dem Satan sein Handwerk gelegt wird und ihm die Möglichkeit der Anklage vor Gott genommen wird, indem er aus dem Himmel gestürzt wird. Das Judentum erwartet den Sturz Satans am Ende der Zeit. Jesus hingegen wurde auf dem Weg nach Jerusalem eine ihn zutiefst bewegende Vision zuteil: „Ich sah den Satan vom Himmel fallen wie einen Blitz“ (Lk 10, 18). Jesus ist also von der Zuversicht getragen: Im Himmel ist Satan bereits entmachtet. Auf Erden freilich ist er noch nicht machtlos. Auf Erden kann er seine Macht noch ausspielen. Die Moderne meinte eine Zeit lang, den Satan komplett über Bord werfen zu können, bis so einschneidende Erlebnisse wie das Geschehen des 11. September 2001 wieder neu das Bewusstsein schärften: Es gibt eben doch das überindividuelle Böse. Es gibt Mächte, die die Glaubenden von Christus lostrennen wollen. Es gibt Kräfte, die durcheinander wirbeln und schütteln. „Satan“ steht für all die Kräfte, die der Liebe Gottes widersprechen und die die Glaubenden zu Fall bringen wollen. Sie bedrohen, sie fechten den Glauben an.

Der „starke“ Petrus verleugnet

Unser Glaube ist nie unangefochtener Besitz. Unser Glaube wird zeitlebens begleitet vom Schatten der Anfechtung. Zeiten eines lebendigen, starken Glaubens wechseln in unserem Leben mit Zeiten des erlahmenden, schwindenden Glaubens. Das Feuer der Begeisterung und das Erlöschen der Glut sind oft merkwürdig dicht beieinander. Noch am Abend hatte Petrus gesagt: „Herr, ich bin bereit, mit dir in den Tod zu gehen!“ In derselben Nacht war es eine Magd mit einer einfachen Frage, die ihn zu Fall brachte. Da, so heißt es bei Lukas, wandte sich Jesus im Haus des Hohenpriesters um und sah Petrus draußen im Hof an, und der erinnerte sich an des Herrn Wort: „Ehe der Hahn heute kräht, wirst du mich dreimal verleugnet haben.“ Und Petrus ging hinaus und weinte bitterlich.
Das Feuer der Begeisterung und das Erlöschen der Glut sind oft merkwürdig dicht beieinander. Bei manchen ist es nur das Grinsen des Kollegen, wenn sie die Hände zum Tischgebet falten. Bei vielen sind es die großen Krisen, die das Vertrauen in die Güte Gottes zum Einsturz bringen. Der Tod der Eltern, des geliebten Kindes oder des Partners. Der Verlust des Arbeitsplatzes, die betrogene Liebe, das enttäuschte Vertrauen, die Krankheit, die in einem wohnt. Wer wollte es jemandem verdenken, wenn der Glaube hier schwindet, wenn scheinbar feste Gewissheiten durcheinander gewirbelt werden und scheinbar fest gefügte Lebensentwürfe zerbrechen?

Jesu Gebet für den „schwachen“ Petrus

Aber dann hatte Jesus dem Petrus etwas Zweites ans Herz gelegt: Stell dich darauf ein – es wird gebetet. Nicht „ich bete“, sondern: „Es wird für mich gebetet“, z.B. von meiner irdischen Mutter, noch längst ehe ich selbst reden konnte. So betet Jesus für Petrus und für uns. Der Anklage Satans tritt die Fürbitte Jesu entgegen, wie es eindrucksvoll in der Liedstrophe heißt:

„Wenn der Kläger mich verklagt,
Christus hat mich schon vertreten;
wenn er mich zu sichten wagt,
Christus hat für mich gebeten.
Dass mein Bürge für mich spricht,
das ist meine Zuversicht.“
(EG 617, 3)

Jesus legt vor dem himmlischen Vater sein Wort für uns ein, das den Anspruch Satans in Grenzen weist, ja geradezu abblitzen lässt. „Ich habe für dich gebeten, dass dein Glaube nicht aufhöre“, sagt Jesus zu Petrus und uns Heutigen. Wohlgemerkt, Jesus sagt nicht, ich bete für dich, dass du keine Schwierigkeiten mehr hast, dass du ohne Leid durchs Leben kommst, dass deine Lebensstraße frei von allen Hindernissen ist. Aber ich bete für dich, dass dein Vertrauen in Gott nicht aufhört, sondern dass es dich trägt – gerade auch in der Grenzsituation.
In der Grenzsituation, in der Niederlage hat Petrus die schmerzliche Erfahrung gemacht, dass sein hehres Selbstbild zerbrochen ist: „Herr, ich bin bereit, mit dir zu gehen…“ – das hatte er in seiner Angst selbst entwertet mit der Leugnung: „Ich kenne ihn nicht!“ In dieser Grenzsituation, in seiner Niederlage hat Petrus aber zugleich die tröstliche Erfahrung gemacht, dass Jesus sich zu ihm umgewandt und ihn im Scheitern angesehen hat. D.h. Jesus hat dennoch seine Beziehung zu Petrus durchgehalten. So kann Petrus aus seiner Niederlage Stärke gewinnen, mit der er seine Schwestern und Brüder stärken kann. Denn Petrus wird zum Vorbild für einen Glauben, der mit sich selbst und anderen barmherziger wird, weil er seine eigenen Grenzen akzeptiert und Brüche nicht tabuisiert.

Jesus lieb haben

Ja, es ist die Gestalt des Petrus, die mich heute stärkt angesichts des Kampfes so vieler Mächte um das Herz des Menschen. Nicht, weil Petrus so stark wäre, so felsenfest, sondern gerade, weil auch die Schwäche zu ihm gehört. „Wenn du dereinst dich bekehrst, so stärke deine Brüder und Schwestern“, sagt Jesus zu ihm. Die Bibel erzählt uns die Geschichte seiner Bekehrung als Geschichte einer Begegnung mit dem auferstandenen Jesus – in der Morgenfrühe am Ufer des Sees Tiberias. Als Jesus ihn dreimal nacheinander fragte: „Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieb?“, da geschah seine Umkehr. Eine Umkehr von jenem heldenhaften: „Herr, ich bin bereit!“ hin zu einer ganz einfachen und bescheidenen Antwort: „Herr, du weißt alle Dinge, du weißt, dass ich dich lieb habe.“
Jesus lieb haben – einfacher und schöner kann man Glaube nicht in Worte fassen. Damit aber die Glut der Liebe nicht erlischt, muss sie sorgsam gepflegt werden. Der heutige Sonntag Invokavit gibt zwei Pflege-Hinweise für die Glut des Glaubens. Einmal: Invokavit markiert den Beginn der Passionszeit, die auch in unserer evangelischen Kirche längst wieder als Fastenzeit praktiziert wird – mit der Erfahrung: Verzicht schafft Freiräume. Wie wäre es, in den kleinen Freiräumen der kommenden Wochen Jesu Zusage zu meditieren: „Ich habe für dich gebeten, dass dein Glaube nicht aufhöre“? Und: Invokavit als „Landesbußtag“ ist Abendmahls-Sonntag. Petrus hat damals in jener Morgenfrühe am See Tiberias die Nähe Jesu erfahren. Auch uns heute kommt Jesus im Mahl ganz nahe und gibt uns zu verstehen: Ich trete für deinen Glauben ein und stärke dich. Und mit Petrus entdecken wir den Jesus, der uns gerade in unserer Schwäche ansieht und uns neu Stärke gibt, ins Leben zu gehen. Amen.

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