Reminiscere / 2. Sonntag der Passionszeit (24. Februar 2013)

Autor/in: Pfarrer Dr. Jörg Bauer, Esslingen [jo.bauer@klinikum-stuttgart.de]

Johannes 8, 21 -30

Liebe Gemeinde,
beim Wort „Euthanasie“ zucken wir in Deutschland aus gutem Grund erschrocken zusammen. Bezeichnete es doch bei den Nazis die Tötung von so genanntem „lebensunwerten Leben“. Grafeneck. Behinderte Menschen wurden tausendfach ermordet mit dem zynischen Hinweis, man tue ihnen, wenn man ihnen das Leben nehme, eigentlich Gutes. Denn ihr Leben sei kein lebenswertes Leben. Nur Schmerz und Qual.
„Euthanasie“, der Begriff kommt ursprünglich aus dem alten Griechenland, und meint jedoch etwas ganz anderes. Wörtlich bedeutet er: „der gute Tod“.
Damit der Tod „gut“ wird, muss man sich, so die Vorstellung, auf ihn vorbereiten. Dieser Gedanke ist heute, wenn ich es recht sehe, so aktuell, wie damals bei den alten Griechen. Doch wie bereitet man sich „gut“ auf den Tod vor?

Sterben in Sünden

Jesus sagt: „Wenn ihr nicht glaubt, dass ich es bin, werdet ihr sterben in euren Sünden.“ Das scheint mir der entscheidende Hinweis zu sein: „…nicht in unseren Sünden sterben“ – das ist für ihn offenbar maßgeblich bei der Vorbereitung auf den Tod, den guten Tod.
Das aber ist leichter gesagt, als getan, wenn ich an mein Leben denke, an die Strecke, die ich bisher zurückgelegt habe. Ich merke, da ist so vieles nicht so, wie es sein soll, so sehr ich mich auch bemüht habe: die Liebe zu den Mitmenschen – so oft mangelhaft, erloschen, kalt.
Und dann auch: Die Liebe zu Gott. Vertrauen zu ihm? Glaube? Müsste der nicht mein Leben prägen? Oft, bei mir, Fehlanzeige.
Sind das nicht alles „Sünden“, die mich vom guten Tod trennen?
So sehr ich mich auch anstrenge – ich bin nicht so, wie ich sein sollte.
Wie kann ich da „gut“ sterben, nicht: in Sünden? Mit Gott, mit mir und den Mitmenschen im Reinen, wie sich das wohl jeder Mensch wünscht?
Stirbt man dann in Sünden, den bösen Tod?

Wieder ist es Jesus, der im Streitgespräch mit seinen Landsleuten die Richtung weist, uns Hilfe anbietet: „Wenn ihr nicht glaubt, dass ich es bin, dann werdet ihr in euren Sünden sterben.“
Das klingt zunächst wie ein Rätselspruch, dunkel und schwer. Wir fragen spontan, so wie die Menschen damals: Ja, Jesus wer bist du denn? Was sollen wir denn glauben? Das sagt er nicht. Müssen wir dieses Rätsels Lösung dann irgendwie erraten, um nicht in Sünden zu sterben? Kann das sein? Wenn der Tod im Raum steht, wollen wir keine Spiele, auch keine Rätselspiele spielen. Zu ernst ist das Thema, todernst.

Jesus von oben her stirbt den Tod von unten her

Nun, Weihnachten liegt ja noch gar nicht so lange zurück – und Ostern ist nicht mehr fern. Dazwischen sind wir jetzt. Passionszeit. Da sehen wir Jesus, wie er einen Weg geht, der ihn hinauf nach Jerusalem führt und noch weiter, noch höher hinaus, ans Kreuz. Dort wird er – bald schon – hängen und sterben.
Die Menschen werden das sehen. Wir werden es sehen. Jesus, der von seinem Vater, dem himmlischen, gute Nachrichten überbrachte, davon redete, dass es bei Gott keine hoffnungslosen Fälle gibt, auch davon, dass Gott niemanden aufgibt, weil seine Liebe für alle reicht – hängt auf einmal am Kreuz, hilfslos, ohn-mächtig. Dem Hass und der Wut seiner Feinde ausgesetzt. Warum nur?
Warum muss er, der Gott so radikal vertraute, so sterben?
Das war offensichtlich kein Zufall, kein bedauerlicher Irrtum der Weltgeschichte, das war nur eines: Gottes unverbesserliche Welt-Liebe, Gottes Menschen-Liebe. Sie hat ihn, der von oben stammt, vom Himmel, direkt aus dem Herzen Gottes, ans Kreuz gebracht.
Sie kostet ihn das Leben. Dort, am Kreuz, da oben, tritt er ein, gibt sich auf für alles, was Mensch heißt. Ist auf einmal ganz menschenverlassen, gottverlassen, auf dass wir niemals mehr von Gott verlassen sind. Das ist er, das tut er:
„Wenn ihr den Menschensohn erhöhen werdet, dann werdet ihr erkennen, dass ich es bin…“, dass der Sohn des Vaters hier am Kreuz für uns eintritt.
Er setzt sein Leben aufs Spiel für Juden, Heiden und Christen, auf dass keiner von ihnen, sie nicht, wir nicht, niemand mehr in Sünden stirbt.

Jesus stirbt unseren Tod

„Nicht in Sünden sterben“ heißt seither nur eins: Schaut dahin, schaut auf diesen Jesus am Kreuz, erhöht am Kreuz. Dort, da – unsere Lieblosigkeit Gott und den Menschen gegenüber, unser Versagen, unsere Fehler, unsere ganze Gottverlassenheit, da gut aufgehoben, von uns weggenommen, aus der Welt genommen, durch den Sohn des Vaters. Jesus.
Kaum zu glauben, nur zu glauben: Jesus von oben für uns, damit wir von unten mit Gott im Reinen leben und sterben können.
Darauf kannst du dich verlassen. In deinem Leben mit seinem Glück und mit seinem Leid – und ganz bestimmt auch, wenn der Tod kommt.
Kann ich das glauben? Können wir das? Man muss ja: wenn ihr nicht glaubt…
Aber – wie könnten wir? Wir können sozusagen von Natur aus nicht.
Kein Mensch kann das. Es ist ja eigentlich auch bar jeglicher Vernunft, was da behauptet wird, was Jesus von sich sagt. Dass da einer für uns eintritt, völlig, ganz, zu unseren Gunsten handelt und übernimmt, was wir schulden, Gott und der Welt.
Wir kennen doch nur eine Regel, wir „von unten“, wir Kinder dieser Welt.
Sie lautet: Jeder ist sich selbst der Nächste. Hilf dir selbst, dann erst hilft dir Gott. Wo gibt es denn das, dass da einer den Mut hat und diese eiserne Regel durchbricht und sich ganz für die anderen, für die, die das, bei näherem Hinsehen, gar nicht verdient haben, einsetzt, sein Leben drangibt, auf dass sie gut leben, mit sich und Gott wieder im Reinen, und dann auch - gut sterben können? Das gibt es eigentlich nicht, nicht in dieser Welt. Das kann nicht sein.
Aber der Himmel vermag es. Der vom Himmel kam, Jesus Christus, der Menschen- und Gottessohn hat so gehandelt, aus Liebe, aus Erbarmen. Verstehen können wir das nicht. Kein kluges Gedankenspiel kann uns das erschließen, auch wenn wir uns noch so sehr anstrengen. Das ist nicht von dieser Welt. Und doch heißt es am Ende: „Als er das sagte, glaubten viele an ihn.“
Das ist tröstlich. Sie glauben, weil Jesus ihnen die Ohren und dann auch die Herzen öffnet dafür, dass er von oben, von Gott kommt, herabgestiegen ist vom Himmel – und hinaufgeht, erhöht wird ans Kreuz für sie.
Da glaubten viele an ihn, weil er ihr Innerstes anrührt, so dass sie glauben und verstehen können: Das geht uns an, das geht mich an. Da, bei ihm, ist mein Leben und ist ganz bestimmt auch mein Tod gut aufgehoben.
So ist es bis heute, wo immer er uns anspricht, von sich selbst redet, dass er es ist, davon, dass er am Kreuz alles gut gemacht hat.
Gott sei Dank, liebe Gemeinde, hängt dieser Glaube nicht an uns, sondern an ihm, der in uns Glauben weckt. Vom allerersten Anfang an. Wider alle Vernunft. Amen.

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