Lätare / 4. Sonntag der Passionszeit (10. März 2013)

Autorin / Autor: Pfarrer Prof. Dr. Hans-Ulrich Gehring, Bad Boll [Hans-Ulrich.Gehring@elkw.de]

Johannes 6, 47 -51

Liebe Gemeinde,
wahrlich keine leichte Kost, was uns hier vorgesetzt wird! Drei Sätze möchte ich Ihnen dazu reichen, als Beilage sozusagen, zur geistigen und – so Gott will – auch zur geistlichen Verdauung.

Geschmackssache!

Der erste Satz lautet: „Glaube ist Geschmackssache.“
Vermutlich wird das manch einem nicht schmecken. Wenn es heißt: „Geschmackssache“, dann hat einer meist auch gleich ein Achselzucken dazu. Will heißen: „Das kann man so und so sehen. Die Geschmäcker sind halt verschieden!“ Aber der Glaube ist ja nun eben gerade kein So-oder-So. Glaube ist das, wovon ich lebe und zehre, was mir Kraft gibt und Trost und Zuversicht – trotz allem. Nichts also, was mit einem Achselzucken abzutun wäre.
Aber vielleicht leidet ja, wer Geschmackssachen so leichthin abtut, selbst an Geschmacksverlust! Wenn einem alles „so oder so“ ist, dann ist alles am Ende auch mehr oder weniger gleichgültig. Und dann schmeckt am Ende auch alles gleich, nämlich im Grunde gar nicht mehr.
Von unseren fünf Sinnen ist der Geschmackssinn der innerlichste, der intimste sozusagen. Was ich schmecke, nehme ich nicht wahr von außen oder ferne. Ich habe es in mich aufgenommen, es wirkt von innen auf mich ein, entfaltet sich in mir. Es liegt mir auf der Zunge, verbündet sich mit dem Geruchssinn, entfaltet sein Aroma, fängt an, sich aufzulösen und ein Teil von mir zu werden, eine Zufuhr an Energie, an Wärmeeinheiten.
Mit intensiven Geschmackserlebnissen verbinden sich oft Erinnerungen an ganz bestimmte Orte und Zeiten, Kindheitserfahrungen oder anderes Unvergessliches. Nicht zufällig. Denn auch das Erinnern ist ein Vorgang, bei dem im Wortsinn etwas zu meinem eignen Inneren wird. Ein Teil von mir, ein Aromastoff meines Lebens. Geschmack und Gedächtnis – zwei insgeheime Geschwister!
So ist das wohl zu verstehen mit diesem „Brot des Lebens“. Glaube kommt aus dem Hören. Aber hört einer recht, bekommt er, bekommt sie auch zu schmecken und zu sehen, wie freundlich der Herr ist. Dann entfaltet dieses Wort sein Aroma, wird innerlich, er-innerlich, ein Teil von mir, Quelle von Kraft und Lebenswärme, ein Aroma meines Lebens.

Vom Vor- und Nachgeschmack des Glaubens

„Glaube ist Geschmackssache.“ Aber was schmeckt der Glaube? Unsere Verse hinterlassen erst einmal einen herben Nachgeschmack.
„Dieses Brot ist mein Fleisch“, heißt es da, „das ich geben werde für das Leben der Welt.“ Daran haben wir wahrlich lange und gründlich zu kauen. Das schmeckt nach einer bitteren Wahrheit. Wir erinnern sie in diesen Wochen: Jesu Leidensweg und Sterben. Das ist das Bitterkraut in diesem Brot des Lebens. Schmecken und Erinnern: Jesu Tod, das ist der herbe Nachgeschmack, der zum Glauben gehört, der ihn ganz unverwechselbar macht unter all dem anderen, was uns täglich vorgesetzt wird. Da stößt uns die bittere Einsicht auf, dass wir so gar nicht nach dem Geschmack des Himmels waren, seit uns einst der Apfel in den falschen Hals gekommen ist. Die Einsicht, dass Gott es sich nichts weniger hat kosten lassen als sein Eigenstes, damit wir wieder auf den Geschmack des ewigen Lebens kämen.
Aber das ist nun auch das andere Aroma, der köstliche Vorgeschmack in unserem Text. Gleich eingangs heißt es: „Wer glaubt, hat das ewige Leben.“ Auch davon geben diese Worte uns zu kosten. Von dem, was niemand sonst uns geben, das aber auch niemand uns nehmen kann: Brot des Lebens. Gemeinschaft mit dem Ewigen und Höchsten. Hoffnung und Halt, was immer dir auch zustoßen mag.
Der herbe Nachgeschmack von Jesu Leiden und Sterben und der köstliche Vorgeschmack des ewigen Lebens: Das sind sozusagen die beiden Geschmacksrichtungen des Glaubens. Der heutige Sonntag Lätare lässt uns mitten in den Wochen der Passion von beidem kosten!

Geschmacksrichtungen

Aber wo ich "Geschmacksrichtungen" sage, kommt doch wieder der Gedanke auf von vorhin – von den Geschmäckern, die halt verschieden sind. Gerade weil der Glaube etwas ist, das mich im Innersten betrifft, in Leid und Freud, im Jauchzen und im Klagen, schmeckt’s und trägt’s eben doch ein jeder wieder etwas anders auf der Zunge. Deshalb die zweite Beilage, mein zweiter Satz: „Über Geschmack lässt sich streiten!“
Streiten, damit tun sich viele Christen schwer. Ist das nicht unchristlich, zu streiten? Darf man das denn? Ich fürchte, die Antwort lautet: Ihr müsst! Denn wenn uns das, woran wir da Geschmack gefunden haben, mehr wert ist als ein Achselzucken, dann wird hier und da auch Streit nicht zu vermeiden sein.
Schon Eigenart und Lebenswandel unseres Namensgebers sprechen ja für sich. Was uns berichtet wird, ist deutlich: Die Evangelien sind voll von Streitgesprächen. Auch die Worte unseres Textes sind provozierend und lösen Auseinandersetzung aus unter den Zuhörenden. Wer ihnen gründlich nachschmeckt, wird selbst von Auseinandersetzungen nicht verschont bleiben. Da wird es Streit geben mit jenen, die den Glauben, den christlichen, also an den Gekreuzigten, zumal, für eine abgeschmackte Sache halten. Ihnen aus dem Weg zu gehen, ist mit Sicherheit keine Lösung.
Streit kann es aber auch, wer könnte es leugnen, unter Christen geben. Unter denen, die vom gleichen Brot zehren. Gemeinsam bauen wir durch die Zeiten am Haus der Kirche. Und da hängt auch so manches an Geschmacksfragen. Wer sich eine Wohnung einrichtet oder gar ein Haus bezieht, weiß in der Regel, wie schnell da verschiedene Geschmäcker für heftigen Streit sorgen können.
Streit ist auch in Glaubensfragen unvermeidlich. Und je umstrittener der Glaube, desto wichtiger ist, das Streiten zu lernen. Entscheidend ist nämlich, wie man streitet. Schlimm wird’s dann, wenn Auseinandersetzungen geschmacklos werden. In der Kirche wird es schlimm, wenn der Geschmack am gemeinsamen Lebensbrot verloren geht. Das sollte allemal die Basis sein, die nicht verloren gehen darf. Ein Jammer deshalb, nein: ein dauernder Skandal, dass Christen noch immer nicht gemeinsam schmecken und sehen dürfen, wie freundlich der Herr ist!

Streiten – aber wie?

Wie man streiten kann, auch das ist von Jesus zu lernen. Drei Dinge fallen mir auf:

Erstens: Jesus streitet mit Wohlwollen. Er achtet sein Gegenüber, auch wenn er ihm (meist ist er männlich) gelegentlich scharf widerspricht. Es geht ihm um die Sache und den Menschen. Er will den Andern nicht vernichten, er will ihn für sich gewinnen.

Zweitens: Jesus streitet mit Phantasie. Er spricht in Bildern und Gleichnissen, um das, was er sagen will, einsichtig zu machen. Um seinen Zuhörern den Mund wässrig zu machen auf das Himmelreich. Ein Streit um Begriffe und Parolen ist seine Sache nicht. So ein Streit endet auch meist in bloßer Rechthaberei. Die Würze der Phantasie erst macht den Streit geschmackvoll.

Drittens schließlich: Jesus streitet mit Humor. Eine gewagte These vielleicht. Aber ist da nicht auch so ein leises Augenzwinkern im Spiel, wenn Jesus immer wieder mit gewagten Vergleichen und anstößigen Reden und Taten seine Zuhörer aus der Reserve lockt? Leben nicht gerade im Johannesevangelium viele Gespräche, viele Auseinandersetzungen von Jesu Sinn für eine gelungene Pointe? Etwa im Streit um die Ehebrecherin, oder in seinem nächtlichen Gespräch mit Nikodemus?
Glaube ohne Humor ist geschmacklos. Wahrheit ohne ein Lachen ist keine Wahrheit. Das gilt ganz besonders für die Wahrheit, die den Geschmack des Ewigen auf der Zunge trägt! Glaube ohne Humor wird fanatisch und lässt am Ende Bücher oder schlimmer: Menschen brennen.
Wohlwollen, Phantasie und Humor – mit den Dreien im Bunde gilt der zweite Satz: „Über Geschmack lässt sich streiten!“

Nicht vom Brot allein!

Und noch der dritte Satz. Er lautet: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein!“ Das ist nicht nur gut biblisch, sondern längst auch sprichwörtlich geworden. Und reimt sich manchem auf Sprüche wie diesen hier: „Man gönnt sich ja sonst nichts!“ Auch das gehört zu den Dingen, über die der Glaube streiten muss: Ob eine Gesellschaft, in der viele (vor allem die, die es sich leisten können!) scheinbar alles auf guten Geschmack und vollen Genuss setzen, nicht den Sinn für Wesentliches verliert. Ob, wenn die einen den Hals nicht voll genug und die anderen nicht einmal das Nötigste bekommen – ob eine solche Entwicklung im Sinne Jesu nicht (gelinde gesagt) geschmacklos ist. Egal, ob man nun unser eignes Land oder die weite Welt betrachtet.

Wein und Würze

Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Wir täten uns schwer, vom Geschmack des Glaubens zu sprechen, müssten wir Christen uns mit Brot – oder Wasser und Brot – begnügen. Zwei weitere Geschmacksträger mindestens gehören auch noch dazu, zum Glauben:
Brot und Wein, zum einen. Grundnahrung das eine, Festgetränk das andere. Notwendiges und Überflüssiges, christliches Leben braucht und bekommt beides. Genuss darf sein und ist ein Vorgeschmack aufs ewige Leben. Nur eben: Gemeinsam und geteilt soll es genossen sein. Und nicht so, dass die einen leiden am Überfluss der anderen.
Und damit sind wir schon beim anderen: Brot und Salz. Beides gehört zum Glauben. Und mit dem Salz, da sind dann wir gemeint, die Geschmacksträger Gottes. „Ihr seid das Salz der Erde!“ – auch eins von diesen gut gewürzten Worten Jesu. Und gleich von ihm die heikle Frage hinterher: „Wenn nun das Salz nicht mehr salzt, womit soll man salzen?“
Es liegt schon auch an uns Christen, ob unsere Zeitgenossen auf den Geschmack kommen. Wie wäre es, wenn wir ihnen öfter mal entgegenkommen, mit Brot und Salz? Sie willkommen heißen im Namen Gottes: Mit den Worten, die uns am Herzen liegen und die sich finden, uns in den Mund gelegt werden zur rechten Zeit. Übrigens nicht nur den Pfarrerinnen und Pfarrern – allen Christinnen und Christen.
Wie wäre das, solche Geschmacksträger zu sein, mit dem Salz unseres Tuns, mit all den Aromen unseres Verhaltens!?
Von Salz wird niemand satt. Mit lebendigem Brot versorgen, uns das ewige Leben kosten lassen und uns damit stärken, das bringt nur Gott alleine fertig. Aber was wir sagen, was wir tun, womit wir diese Welt würzen, das zählt und bringt doch den einen oder die andere auf den rechten Geschmack.
Wir wollen allen wünschen, dass sie früher oder später auf diesen Geschmack kommen. Denn schließlich gilt: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein!“
Amen.

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