Palmarum / Palmsonntag (24. März 2013)

Autorin / Autor: Pfarrer Markus Lautenschlager, Nürtingen [MarkusLautenschlager@gmx.de]

Johannes 17, 1 -8

Liebe Gemeinde,

Jesus hat regelmäßig gebetet, frühmorgens, oft alleine, manchmal zusammen mit seinen engsten Weggefährten. Und gerne auf einem Berg. Mit den Worten der Tradition, dem jüdischen Gebetbuch des Psalters, und mit eigenen. In Zeiten des Glücks wie in der Stunde seines Todes. Als Beter wusste er um den Missbrauch des Gebets zur frommen Selbstdarstellung: „Wenn ihr betet, sollt ihr nicht sein wie die Heuchler, … die beten, damit sie von den Leuten gesehen werden.“ Und er kannte die Gefährdung des Betens, aus Gott einen Pascha zu machen, dem man schmeicheln, oder einen Politiker, den man mit Lobbyarbeit unter Druck setzen muss, um seinen eigenen Willen durchzusetzen: „Wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden; denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen.“ Das Gebet, das er seinen Jüngern gab, ist ein Muster an Gottvertrauen, Zucht und Kürze. Zuerst dreimal Gott: sein Name, sein Reich, sein Wille. Und erst dann – dann aber auch wirklich – dreimal unsere Bedürfnisse, unser tägliches Brot, die Vergebung unserer Schuld, unsere Erlösung von dem Bösen. „Erst kommt das Fressen und dann die Moral“, hat der Materialist und Bibelleser Bert Brecht diese Reihenfolge von Brot und Vergebung pointiert erfasst. Und alles umfangen vom Vertrauen der Kinder zu ihrem Vater im Himmel und der Solidarität der Geschöpfe untereinander. Nicht nur mein, sondern unser Brot, und nicht nur meine, sondern die Erlösung aller vom Bösen erbitten wir im Vaterunser, dem Gebet, das Jesu kostbares Geschenk für die Menschheit ist.

Jesus wird Gebet

Jesus betet – auch im Johannesevangelium. Alles was Jesus in den drei Kapiteln 14 bis 16 den Seinen zu sagen hat, mündet hier ein in das große Gebet von Kapitel 17. Man könnte sagen: Nun ist das ganze Leben des Beters Jesus und sogar sein Sterben am Kreuz Gebet geworden. Betend empfängt sich Jesus aus der Hand seines Vaters im Himmel. Seinen Auftrag, seine Sendung, erfüllt er in ständiger Zwiesprache mit Gott. Betend gibt er schließlich sein Leben Gott zurück. Ein Leben, das so ganz Gebet geworden ist, nennt Jesus: Verherrlichung. „Vater, ich habe dich verherrlicht.“ Und ein Sterben, das so ganz Gebet wird, ist nicht länger Auslöschung, Vernichtung, sondern auch Verherrlichung. „Und nun verherrliche du mich.“

„Es ist herrlich.“ Nicht wahr, das würden wir gerne über unser Leben sagen. „Es ist herrlich.“ Wer das sogar im Tod glauben kann, der kann selig sterben. Jesus schenkt uns diese Herrlichkeit, indem er für uns stirbt, indem er für uns betet, indem er uns mitnimmt in die Verwandlung: Leben und Tod wird Gebet, wird Zwiesprache mit Gott, wird Antwort auf Gottes Liebe. „Dies ist das Ende – für mich der Beginn des Lebens“ – so hat sich Dietrich Bonhoeffer von seinen Mitgefangenen verabschiedet, als er am 9. April 1945 im Konzentrationslager Flossenbürg zur Hinrichtung geführt wurde.

Das hohepriesterliche Gebet an Jom Kippur

Wir nennen Johannes 17 (seit dem lutherischen Theologen David Chytraeus, gestorben 1600) das hohepriesterliche Gebet. Und das mir Recht. Diese Bezeichnung führt uns mitten ins Alte Testament, genauer: zu dem Fest, um dessentwillen das Amt des Hohenpriesters von Gott gestiftet wurde. Zu dem Fest, dessen Liturgie den Hintergrund des hohepriesterlichen Gebetes Jesu bildet. Wir sind beim Jom Kippur, dem Versöhnungsfest, dem höchsten jüdischen Feiertag (http://en.wikipedia.org/wiki/Yom_Kippur). An diesem Tag hat der Hohepriester durch die entsprechenden Opfer Sühne zu erwirken, zunächst für sich selbst, dann für „sein Haus“, das heißt für die Priesterschaft Israels überhaupt, und schließlich für die ganze Gemeinde Israels, für das gesamte Gottesvolk. Ziel des Versöhnungstages ist es, Israel nach den Verfehlungen eines Jahres seine Qualität als heiliges Volk wiederzugeben, es neu in seine Bestimmung zurückzuführen, Gottes Volk inmitten der Welt zu sein.

Anders als menschliche Priester bringt Christus nicht Fremdes zum Opfer, sondern sich selbst. Er gibt sein eigenes Leben dahin, um uns zu erlösen von Gottesmisstrauen und Todesfurcht. Das Geheimnis des Lebens ist Hingabe in Freiheit.

Beim Versöhnungsfest geschieht etwas Einzigartiges. Nur hier, nur dieses eine Mal im Jahr, geht der Hohepriester hinter den Vorhang ins Allerheiligste des Tempels, in die Gegenwart Gottes. Nur dieses eine Mal im Jahr spricht er den sonst unaussprechlichen Gottesnamen aus.
Jenen Namen, den Gott am brennenden Dornbusch offenbart hatte, seine Israel zugewandte, rettende Seite. Jenen Namen, der Ausdruck seines Wesens ist. „Auf die Frage wird Einer helfen? Wird er retten? lautet die gewisse Antwort dieses Namens: Er wird!“ (Benno Jacob). Jenen heiligen Namen, durch den Gott für Israel berührbar geworden war. Jenen Namen, den Israel anrufen darf. Mit der Anrufung des Namens Gottes tut der Hohepriester das Einfachste und Gewaltigste zugleich: Er betet. Worauf zielen der Kult und das Opfer? Wozu bedarf es der Versöhnung? Dass wir wahrhaft im Namen Gottes beten können.

Hohepriesterliches Gebet: Jesu Leben und Sterben wandelt sich für uns ins Gebet und in Versöhnung

„Ich habe deinen Namen den Menschen offenbart“ (Vers 6). Das Hohepriesterliche Gebet Jesu ist Vollzug des Versöhnungstages. „Das Ritual des Festes mit seinem reichen theologischen Inhalt wird im Beten Jesu realisiert im wörtlichen Sinn: (…) Was dort in Riten dargestellt war, geschieht nun real, und es geschieht endgültig.“ (Josef Ratzinger, Jesus von Nazareth, Band 2). Den unaussprechlichen Namen spricht der Hohepriester aus. Den verborgenen Gott offenbart Jesus. Das Unmögliche macht er möglich: Wir dürfen beten in der Gegenwart, in der Erkenntnis des lebendigen Gottes. Unser Leben und unser Sterben darf sich wandeln ins Gebet. Und darf so ewiges Leben werden.

Ewiges Leben nicht so sehr im Sinn der Dauer, sondern der Qualität: Erfülltes, wirkliches, eigentliches Leben in der Erkenntnis Gottes. „Das ist aber das ewige Leben, dass sie dich, der du allein wahrer Gott bist, und den du gesandt hast, Jesus Christus, erkennen“ (Vers 3). Erkennen ist hier im biblischen Sinn gemeint: Erkennen schafft Gemeinschaft, ist Einssein mit dem Erkannten, ist Beziehung. Durch die Beziehung zu Gott, der selbst das Leben ist, werden auch wir Lebende.

Das Amt des wahren Hohepriesters Jesus ist also ein Doppeltes: Er bringt durch sein Opfer die Versöhnung mit Gott zustande. Und er tritt im Gebet für die ihm Anvertrauten vor Gott ein. Er wird ganz Gebet: Er hört nicht auf, vor Gott für uns einzutreten. Es möge doch uns all das zugute kommen, was er durch sein Leiden und Sterben erworben hat. Wir mögen doch erkennen, wie sehr er uns liebt. Wir mögen doch eintreten in den Raum des ewigen Lebens, in die Zwiesprache mit Gott. Auch unser Leben und Sterben möge Gebet werden. Geborgen, getragen und ermächtigt von seinem Beten.
Amen.

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