Osternacht (30. März 2013)

Autorin / Autor: Pfarrer und Studienleiter Johannes Gruner, Bad Urach [Johannes.Gruner@elkw.de]

Johannes 5, 19 -21

Liebe Gemeinde!

Osternacht. Ostermorgen. Ostern. Aus der Finsternis zum Licht. Eben war es noch ganz dunkel. Tastend und mehr ahnend als sehend haben Sie Ihren Platz hier in der Kirche gefunden. Die einzige Kerze flackerte unruhig. Dann wurde es langsam hell. Die Dunkelheit weicht dem Morgen. Immer mehr Kerzen werden entzündet. Das Licht breitet sich aus. Jetzt erkennen wir unseren Nachbarn. Wir sehen seine Gesichtszüge. Jetzt können wir uns vergewissern, was um uns herum geschieht. Es ist Tag geworden.

Der Morgen nach einer unruhigen Nacht

Es ist Tag geworden. Jetzt ist der Tritt sicherer. Ganz anders als gestern Abend. Er hatte sich verspätet und es nicht geschafft, bei Tag die Schutz¬hütte zu erreichen. Die Nacht war schrecklich. Der modrige Geruch des Erdlochs hätte ihm ja wenig ausgemacht. Aber die Geräusche. Immer wieder ist er aufgewacht. Furchtsam hat er in die Dunkelheit hinein gelauscht. Er hörte die Tiere vorbeihuschen. Er hörte den Flügelschlag der Nachtvögel. Und seinen Atem. Wie sehnte er sich den Morgen herbei. Die Nacht war furchtbar. Es ist furchtbar, wenn alles dunkel oder schemenhaft ist. Doch schließlich dämmerte es. Wie neugeboren war er. Obwohl er wenig geschlafen hat in dieser Nacht, ist er jetzt frisch. Er reckt sich, rollt seinen Schlafsack zusammen, verstaut ihn im Rucksack. Es ist Tag geworden. Der Weg liegt vor ihm. Er schreitet aus mit sicherem Tritt.

Das leere Grab

Der Morgen tagt. Ostern. „Der Herr ist auferstanden!” So verkündeten es die Frauen. So bekennen wir es heute Morgen. Denn auch wir sehen, was die Frauen geschaut haben. Das leere Grab zeigt uns, was damals geschehen ist. Wer genau hinschaut, so sagt Jesus, erkennt den Vater. Wer auf Jesus schaut, versteht, was Gottes Wille ist. Sein Wille ist, dass wir leben. Dass wir ohne Angst den Alltag bestehen. Dass wir fröhlich feiern. Der Tod hat schon zu lange regiert. Er ist nicht mehr die alles beherrschende Macht, denn Jesus hat den Tod besiegt. Aber auch das kann ein Zeichen von Tod sein: die Angst, etwas zu verpassen. Die Angst vor einem leeren Tag . Und es gibt Stunden, in denen wir verzweifelt sind, verzweifelt darüber, dass andere uns bestimmen. Die eigene Zukunft bestimmen andere. Selbst hat man nichts mehr zu sagen. Und wenn wir mutlos sind oder an unserem Können zweifeln, dann versucht der Tod Macht über uns zu gewinnen. Die Botschaft des Todes ist: Du bist nichts! Du musst etwas aus dir machen! Der Tod sagt: Du kannst dich gleich ins Grab legen, zu mehr bist du nicht nütze.

Der Engel im Grab

Nun aber ist Jesus auferstanden von den Toten. Er hat den Tod besiegt. Seither gilt: Wer ins Grab gelegt wird, bleibt nicht dort. Denn mit Jesus werden auch wir lebendig. Jetzt schon lebendig. Wir leben und atmen. Wir heben den Blick und sehen das Licht. Wir lauschen in die Stille und hören das Leben um uns: Lachen und Weinen, Singen und Reden. Kinder, die mit ihren Eltern spielen. Wir spüren den Wind, die Sonne. Spüren die Hand, die uns so lange hält, bis wir wieder allein gehen und loslassen können.

Das Leben mitten in der todverfallenen Welt

Jesus führt auch uns durch den Tod ins Leben. Ich sehe die Kollegin vor mir. Krank. Schwer krank. Wir haben Angst um sie. Und dann dieses Strahlen. Diese Augen und diese Stimme. Ja, sie hat auch große Schmer¬zen. Aber, so erzählt sie, sie genieße es, jeden Tag die Kinder zu erleben. Es sei schön, einfach für sie da zu sein. Auch Zeit für andere zu haben. Es sei schön für sie, Besuch zu empfangen. Zuzuhören und mit anderen reden. Ja, die Krankheit ist da. Aber, so sagt sie, es sei gut, dass Menschen um sie sind, die sie begleiten. Sie spürt: Sie ist nicht allein. Gott ist bei ihr.

Da sitzt er am Straßenrand. Die Hand ausgestreckt. Es fällt ihm schwer, zu betteln. Er hat die Arbeit verloren. Die Wohnung. Nie hätte er gedacht, dass er jemals auf der Straße landen würde. Jetzt kennt er die Orte, die vor Wind und Wetter schützen. Er glaubt nicht mehr daran, dass sich noch etwas ändert in seinem Leben. Sein Blick geht ins Leere. Allmählich sieht er einen Zeitungsverkäufer auf ihn zukommen. Der setzt sich neben ihn.
Das hat er noch nie erlebt, seit er bettelt. Er hört den Zeitungsverkäufer sagen: „Du schaffst es. Das sehe ich dir an. Auch du kannst da wieder ’rauskommen. Versuchs. Komm einfach mit. Ich zeig dir, was du machen musst.” Langsam steht er auf. Er blickt um sich. Der Tag sieht anders aus. Die Sonne scheint. Ein neuer Tag ist angebrochen.

Jesus ist auferstanden. Er macht lebendig. Macht uns lebendig. Haucht uns Leben ein. Leben für diesen einen Tag und für den nächsten und dann wieder den nächsten. Der Tod ist besiegt. Lasst uns in den Tag gehen. Jesus lebt und er geht mit uns den Weg ins Leben. – Amen.


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