Ostermontag (01. April 2013)

Autor/in: Pfarrer Dr. Martin Weeber, Gerlingen [martin.weeber@elkw.de ]

Jesaja 25, 6 -9

Liebe Gemeinde,

ein Festmahl, ein Gelage, ein fettes, ein leckeres Mahl, und dazu der beste Wein,
den der Keller hergibt!
Gott lädt uns ein – und er lässt sich nicht lumpen.
Einen riesigen Tisch sehe ich vor mir.
Einen Tisch, an dem alle Völker, alle Menschen Platz finden.
Und Gott serviert.
Er selber trägt auf.
Er selber schenkt uns den Becher ein, und er schenkt ihn uns voll, voll bis obenan.
Welch ein Anblick, welch ein Duft!
Ah, ich kann es riechen…
Ich höre das Klappern der Teller…
Ich sehe die Menschen am Tisch sich unterhalten…
Eine lange Tafel ist gedeckt,
und alle sind da.
Keiner fehlt.
Riesig ist der Tisch, doch Gott ist überall zugleich, allen wendet er sich zu,
keiner wird vergessen.
Ein wundermilder Wirt.
Er weiß, was uns schmeckt.
Und er freut sich, dass es uns schmeckt.
Er schaut uns zu und freut sich, wenn wir es uns gut gehen lassen.
Und er wird am Ende keine Rechnung schreiben.
Alle lädt er ein.
Er bereitet vor uns einen Tisch und schenkt uns voll ein.
„Lasst es euch schmecken!“
So spricht er zu uns.
Und wir schmecken und sehen, wie freundlich er ist.

Gott serviert ein üppiges Mahl.
Und der Prophet Jesaja beschreibt dieses Mahl mit offensichtlicher Lust.
Es macht ihm Freude, zu schildern, wie verschwenderisch Gott allen Menschen auftischt.
So stellt sich Jesaja das Ende der Zeit vor:
Am Ende, am Ende wird gegessen.
Und am Ende, am Ende wird getröstet.
Nicht einfach nur mit guten Worten, nein: Gott wischt die Tränen ab, sanft und behutsam. Vorsichtig geht er vor, um ja niemandem wehzutun.
Mit zarter Hand.

Der Prophet beschreibt auf anrührende Weise, wie er sich das vorstellt.
Und so, wie er es beschreibt, so hat es sich ihm gezeigt.
Gott selber hat ihm einen Blick gewährt auf jene Szene, in der der Weltenfilm sein Ende findet.
Kein Showdown wie im Western, keine Schlussabrechnung wie bei James Bond,
mit Explosionen und scharfen Schüssen.
Nein, eine friedliche Szene: Genießende Menschen, funkelnder Wein, alle sind heiter,
doch niemand betrunken. Keiner nimmt dem anderen etwas weg, es ist genug für alle da.
Keine Eile, keine Hast.
Die Zeit steht still.
Ein großes Fest.

Das Festmahl: das Zeichen auf Ostern hin

So redet Jesaja von Ostern.
So beschreibt er das neue Leben.
So macht er uns Appetit auf das, was kommen wird.

Klar: Wir können jetzt sagen: Jesaja weiß doch noch gar nichts von Ostern.
Er hat doch lange vor Jesus gelebt, der an Ostern aus dem Tod auferstanden ist.
Und dennoch denke ich:
Jesaja hat ganz viel von Ostern verstanden.
Mir fallen die Gastmähler ein, die Jesus angestiftet hat:
Da saß er auch mit allen zusammen.
Eben auch mit denen, die nicht so angesehen waren bei den Leuten.
Zu allen hat er gesagt: „Kommt her, setzt euch. Setzt euch zu mir…“
Sie haben ihm das ja zum Vorwurf gemacht:
„Er isst mit den Zöllnern und Sündern.“
Ihm hat es aber nichts ausgemacht, dass die auch mit am Tisch saßen.
Ja, es scheint ihm geradezu unerlässlich gewesen zu sein, dass die auch dazugehören.

„Ein fettes Mahl allen Völkern“ – und das heißt ja wohl: allen Menschen.

„Brauchst Du noch etwas? Noch einen Schluck? Noch einen guten Bissen?
Komm, es ist genügend da, iss, trink…“
Nehmet hin und esset. Nehmet hin und trinket.

Bei den Worten des Propheten fallen mir die Tischgemeinschaften ein, die Jesus gestiftet hat.
Als hätte er es genau vorausgeahnt!
Oder war’s umgekehrt?
Hat Jesus, wenn er die Leute zu Tisch geladen hat, an das gedacht, was einst der Prophet gesagt hat, was der Prophet einst so verlockend beschrieben hat?
Könnte auch sein.

Das Abendmahl Jesu: Österlicher Hinweis auf das Festmahl am Ende der Zeiten

Das Abendmahl fällt mir auch ein.
Freilich: Wir feiern da sehr abstrakt und zurückhaltend.
Gewiss kein fettes Mahl, und von dem Schlückchen Wein oder Traubensaft geht keine berauschende Wirkung aus.
Und dennoch: Es steckt da etwas drin von jenem himmlischen Gelage am Ende der Zeiten.
Sehr, sehr kultiviert und zurückgenommen zwar, aber doch so, dass manches deutlich wird:
Alle gehören zusammen, alle bekommen und brauchen das gleiche, alle gehören zu dem,
der zu diesem Mahl einlädt.
Auch das Abendmahl ist ein erlesener Genuss.

Vielleicht finden Sie den Gedanken ein wenig kompliziert – mich beschäftigt er:
Ich finde es eigentlich passend, dass das Abendmahl uns nicht wirklich leiblich satt macht.
Ich denke dann: Ah, ja, ein Zeichen, diese Hostie und der kleine Schluck!
Ein Zeichen, das hinweist auf die Fülle des Lebens; die Fülle des Lebens, die in keiner einzelnen Lebensgestalt oder Lebenssituation einfach aufgeht.
Ein Zeichen, das hinweist auf Genüsse, die zugleich schlicht und vollkommen sind, ohne Makel, ohne Mangel: Unmittelbare Gegenwart des ganzen, ungeteilten Daseins. Nichts fehlt dann mehr. Nichts und niemanden mehr gibt es zu beweinen. Alle Tränen sind dann nur noch Tränen des Glücks und der Rührung.
Die Tränen der Trauer hat Gott sanft abgewischt.

Das Bild vom himmlischen Festmahl am Ende der Zeiten redet von der Erfüllung unserer Sehnsucht. Es zeichnet uns einen Zustand vor Augen, in dem wir nicht mehr leiden an dem, was uns fehlt: Ein herrliches Gastmahl, zusammen mit allen Menschen, zusammen mit Gott – was will man mehr?
Gott lebt seine Menschenfreundlichkeit aus.
Er sieht uns so, wie er uns sehen will: Glücklich, selig, glückselig.
Versammelt an seinem Tisch.

So einfach kann es sein, von Ostern zu reden:
Rede von wohlschmeckenden Speisen, preise den köstlich klaren Wein, erzähle genussvoll von Gottes Menschengesellungslust, lass die Augen schweifen über die große, reichgedeckte Tafel, schau ihm zu, dem himmlischen Wirt!

Gewiss: Das Reich Gottes ist mehr als Essen und Trinken.
Aber weniger ist es doch auch nicht.
Gewiss: Der Prophet Jesaja ist ein Anfänger im Erzählen von Ostergeschichten.
Aber ein sehr talentierter Anfänger ist er durchaus.
Ich lerne gerne von ihm.
Ich lerne von ihm die Kunst, in jedem schlichten irdischen Glück etwas zu erblicken und
zu erahnen von der ewigen, himmlischen Seligkeit.
Ich lerne von ihm die Kunst, in jedem Bruchstück die Vollendung zu erahnen und zu erblicken.

Christus – die vollendete Wirklichkeit von Gottes Verheißung

Der vollendete Erzähler von Ostergeschichten ist ein anderer.
Der vollendete Erzähler von Ostergeschichten ist der, von dem die Ostergeschichten
selber erzählen: Christus.
In ihm wird das, wovon er selber redet, zur Wirklichkeit.
Zu einer Wirklichkeit freilich, die wir in unserem Erdenleben,
nur momentweise zu ergreifen vermögen.
Genauer: Zu einer Wirklichkeit, die uns in seltenen und kostbaren Momenten ergreift.
Zu einer Wirklichkeit, in die Christus uns hineinzieht.

„Zu der Zeit wird man sagen: 'Siehe, das ist unser Gott, auf den wir hofften, dass er uns helfe. Das ist der HERR, auf den wir hofften; lasst uns jubeln und fröhlich sein über sein Heil.'“
Immer dann, wenn das Leben uns so richtig schmeckt, dann ist sie für einen Moment schon da, diese Zeit: kostbare, flüchtige, unvergessliche Ostermomente. Gott gibt uns dann mitten in der Endlichkeit einen Vorgeschmack des himmlischen Freudenmahls: „Lasst es Euch schmecken, das Leben!“
Amen.

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