Jubilate (21. April 2013)

Autorin / Autor: Pfarrerin Ursula Pelkner, Göppingen [Ursula.Pelkner@elkw.de]

1. Mose 1, 26-31

Liebe Gemeinde,
dies ist der Tag, um sich wunderbar zu finden! Dies ist der Tag, um das Wunder Mensch zu bestaunen! Denn „Gott sah an alles, was er gemacht hatte“ – also auch die Menschen – „und siehe, es war seht gut!“ Der erste Schöpfungsbericht und daraus der Abschnitt vom sechsten Tag ist unser Predigttext.

Das Wunder Mensch

Gott hat uns geschaffen, uns gesegnet und uns zusammen mit der ganzen Schöpfung für gut befunden. Wollen wir ihm widersprechen? Oder lassen wir uns lieber von Psalm 8 anstecken, der Gott für das Wunder der Erschaffung der Menschen lobt und preist: „Wenn ich sehe den Himmel, deiner Finger Werk, den Mond und die Sterne, die du bereitet hast: Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?“
Was kann angesichts der unfassbaren Größe und Großartigkeit des Weltalls der Mensch überhaupt für eine Bedeutung haben?

Was ist der Mensch?

An dieser Frage bleibe ich zunächst hängen. Man könnte eine biologische Antwort versuchen und die Gattung Mensch wie in einem Naturführer beschreiben: Unterart der Säugetiere, Hautfarbe, Behaarung, Größe, Ausbreitung, Fortbewegung, Ernährung, Sozialverhalten, Paarungsverhalten, Aufzucht der Jungen usw., usw.
Die biologische Beschreibung würde im Naturführer wohl mehrere Seiten umfassen, sie wäre interessant und amüsant; und dennoch wären wir mit der Antwort wohl nicht ganz zufrieden.
Was ist der Mensch? Darüber haben sich auch die Philosophen den Kopf zerbrochen. Immanuel Kant hat die großen Fragen der Menschheit einmal in drei Fragen unterteilt: „Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen?“ Die Antworten der verschiedenen Philosophen fallen naturgemäß stark unterschiedlich aus. Ich möchte den Bibeltext befragen: Was erfahren wir in der ersten Schöpfungsgeschichte über den Menschen? Vier Dinge habe ich gefunden und schildere sie in der Reihenfolge, wie sie im Text vorkommen:

1. Der Mensch zwischen Tier und Gott:
Der Mensch ist nicht die Krone der Schöpfung! Den krönenden Abschluss der Schöpfung bildet der siebte Tag, der Sabbat. Die Menschen werden am gleichen Tag wie die Tiere erschaffen. Wie den Tieren, so werden auch den Menschen die Pflanzen als Nahrung gegeben – eine vegane Lebensweise könnte man sagen. Aber es gibt auch Unterschiede. Während die Tiere von der Erde hervorgebracht werden, schafft Gott die Menschen voraussetzungslos nur durch sein Wort. Einerseits sind die Menschen also eng mit der übrigen Schöpfung verbunden und an sie gewiesen, andererseits heben sie sich von ihr ab. Besonders deutlich wird das durch die Aussage von der Gottebenbildlichkeit der Menschen:

2. „Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn.“
Wie das nun genau gemeint ist, darüber streiten sich die Ausleger. Ich denke, die Gottebenbildlichkeit der Menschen ist von dem Auftrag her zu verstehen, den Gott den neu geschaffenen Menschen mit auf den Weg gibt: „Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet ...“ Die Menschen sollen die Erde bevölkern und gestalten, Verantwortung für sie übernehmen, so möchte ich Herrschaft im guten Sinne verstehen. Die Menschen sind die einzige Art, die nicht nur ihren Instinkten verpflichtet ist und ein immer gleiches Leben führt. Sie sind in der Lage, sich weiter zu entwickeln, kreativ zu sein, Neues zu erschaffen und zu erfinden, gesellschaftliche Systeme zu bilden und wieder zu verändern usw.

3. Dass die Menschen damit auch sehr viel Schaden angerichtet haben, dass sie ihren Herrschaftsauftrag missbraucht haben, das weiß die Bibel zwar auch, aber davon ist in dieser Geschichte vom Anfang nicht die Rede. Am Anfang war es gut und es war ein guter Plan.

4. „und schuf sie als Mann und Frau“
Oder eher „als männlich und weiblich“? – Die Zweigeschlechtlichkeit der Menschen wird in engem Zusammenhang mit der Gottebenbildlichkeit gestellt, sie gehört zu Gottes guter Schöpfung. „Männlich und weiblich“ wird dabei in einem Atemzug genannt, sie stehen gleich berechtigt nebeneinander. Beide Geschlechter sollen über die Schöpfung herrschen, eine Herrschaft von Menschen über Menschen ist nicht beabsichtigt.

Die Geschichte vom Anfang führt zum Staunen und Loben

Was will uns das sagen? Gilt das noch, was da steht, oder hat sich das nach dem Sündenfall erledigt? Ich denke nicht, dass die Bibel die Geschichte vom Anfang erzählt, um dann zu sagen: „Vergesst das alles, jetzt gelten andere Regeln.“ Ich denke, die Geschichte vom Anfang will uns daran erinnern, dass die Welt, so wie sie ist, und dass wir Menschen, so wie wir sind, nach Gottes gutem Plan entstanden sind. Die Geschichte vom Anfang will uns die Augen öffnen für das Schöne und Gute, und uns dazu bringen, die Schöpfung zu loben und zu preisen, und zwar nicht nur die Natur – das ist ja leicht jetzt im Frühling, wo die Obstbäume blühen und die Wiesen sich nach und nach in zartes Grün kleiden. Nein, nicht nur die Natur, auch das Wunder Mensch sollen wir loben und preisen.

Worüber wundern Sie sich und was be-wundern Sie?
Ich wundere mich darüber, wie kreativ die Menschen sind: Immer wieder gibt es neue Lieder, noch nie gehörte Melodien und Rhythmen, die einen tief berühren oder mitreißen.
Ich wundere mich darüber, dass es angesichts von Millionen Büchern, die es auf dem Weltmarkt gibt, immer noch neue Geschichten gibt, dass es immer wieder Schriftstellerinnen und Schriftstellern gelingt, einen völlig neuen Stil zu finden. Ich bewundere es, wenn Menschen Ereignisse so beschreiben können, dass man sich mittendrin befindet, oder wenn Menschen Dinge so auf den Punkt bringen können, dass man sagen muss: Genau so geht es mir auch, aber ich hätte es nie so in Worte fassen können.
Ich bewundere Sportler und Sportlerinnen: die Sprungkraft einer Hochspringerin, die Ballbeherrschung eines Fußballers, die Körperbeherrschung einer Tänzerin.
Ja, das sind großartige Leistungen, die von vielen wahrgenommen werden und allgemeine Bewunderung hervorrufen.

Das Lob des Menschen

Aber ich sagte ja zu Anfang: „Dies ist der Tag, sich selbst wunderbar zu finden! Alle Menschen sind von Gott wunderbar geschaffen und mit großartigen Fähigkeiten ausgestattet. Wofür bewundern Sie sich selbst? Das ist ja nun eine unangenehme Frage, die man nicht so gerne beantworten möchte. Schließlich haben wir alle seit frühester Kindheit gelernt: „Eigenlob stinkt!“ Und dann auch noch die schwäbische Devise „Nix g‘sagt, isch g‘nug g‘lobt.“ Wer damit aufgewachsen ist, der tut sich schwer mit dem Loben. Aber dass man uns das Loben so ganz austreiben wollte, das halte ich nun doch für grundverkehrt. Und das nicht nur aus pädagogischen Gründen, sondern auch von der Bibel her: „Siehe, es war sehr gut.“ Gott lobt ohne Wenn und Aber. Wir sind als Gottes Ebenbilder erschaffen, warum sollten wir also nicht auch loben, andere und uns selbst, denn unser Lob fällt auf den Schöpfer zurück. Wenn ich mich lobe, lobe ich auch Gott dafür, dass er mich so gut gemacht hat und mit so großartigen Fähigkeiten ausgestattet hat.
Also noch einmal die ernstgemeinte Frage: Wofür bewundern Sie sich? Wahrscheinlich sollte ich jetzt einmal vorangehen und mit der Sprache rausrücken: Wofür bewundere ich mich?
Ich bewundere mich dafür, dass ich drei Kinder geboren habe und es ausgehalten habe, sie nachts herumzutragen, bis sie wieder in den Schlaf gefunden haben.
Ich bewundere mich dafür, dass ich meinen Berufswunsch Pfarrerin verfolgt und dafür eine lange Ausbildung absolviert habe.
Ich lobe mich manchmal insgeheim, wenn ich meinen inneren Schweinehund überwunden habe und eine Runde walken gegangen bin.
Ich habe mich über mich selbst gewundert, dass ich es fertig gebracht habe, in einer schwierigen Gruppensituation, in der die einen nur hinter dem Rücken der anderen über diese redeten, alle zusammenzutrommeln und das Problem offen anzusprechen.
Manchmal klopfe ich mir auf die Schulter, wenn ich es abends um 22 Uhr noch geschafft habe, eine Maschine Wäsche aufzuhängen.
Und gelegentlich bin ich stolz, wenn es mir gelungen ist, einen Workshop so vorzubereiten, dass er gut läuft und am Ende alle mit dem Ergebnis zufrieden sind.

Und nachdem ich nun darüber nachgedacht habe, wie toll ich eigentlich bin, fällt mir natürlich auch all das ein, was ich nicht oder nicht gut kann und wofür ich andere umso mehr bewundere:
Ich bewundere die Bäckereiverkäuferin in der Filiale bei uns am Marktplatz, die in aller Frühe den verschlafenen Kunden mit gleich bleibender Freundlichkeit ihre Brötchen verkauft.
Ich bewundere die Frau mit Multipler Sklerose, die trotz ihrer massiven Einschränkungen ihre Lebensfreude und ihr Interesse an der Umwelt bewahrt.
Ich bewundere die befreundete Hausfrau, die ihren Haushalt immer picobello in Ordnung hält.
Und ich bewundere meinen Automechaniker, der sofort erkannte, dass die Bremse hinten links kaputt ist, während ich geschworen hätte, dass das Geräusch von vorne rechts kommt.

Das alles ist nichts, was in der Zeitung steht, und doch ist es so viel! Und ich hoffe, dass Ihnen inzwischen ganz viel eingefallen ist, wofür Sie sich selbst bewundern könnten.
Der Schriftsteller Arno Geiger hält in seinem Buch „Der alte König in seinem Exil“ bewundernswerte Aussprüche seines an Alzheimer erkranken Vaters fest:
„Der Vater nahm einen Schluck vom Kaffee, stellte die Tasse neben die Untertasse, schaute die beiden an und fragte: ,Sind das Verwandte?‘ ,Ja, die gehören zusammen‘, gab ich zur Antwort. ,Ich hab‘s mir gedacht wegen der Farben‘, sagte er.“
Mein 7-jähriger Sohn sitzt vor dem Klavier und verschränkt die Arme vor dem Körper. Angesichts des ungeliebten Stückes, das er nun schon zum dritten Mal als Hausaufgabe bekommen hat, sagt er bockig: „Mit dem bin ich nicht verwandt!“
Ist das nicht wunderbar?

Zum Schluss Matthias Claudius:

„Ich danke Gott und freue mich
wie‘s Kind zur Weihnachtsgabe,
dass ich bin, bin! und dass ich dich,
schön menschlich Antlitz habe.“

Amen.

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