Kantate (28. April 2013)

Autorin / Autor: Pfarrer Jochen Maier, Kirchheim/Teck [Jochen.Maier@elkw.de]

Jesaja 12, 1 -6

Liebe Gemeinde,
wir feiern den Sonntag „Kantate“. „Singt!“ bedeutet das lateinische Wort ins Deutsche übersetzt.
Es soll also an diesem Sonntag unser besonderes Augenmerk auf eine Lebensäußerung des christlichen Glaubens gerichtet sein, die nicht wegzudenken ist aus der Geschichte der Christenheit und aus der Feier des Gottesdienstes – eben das Singen zum Lob Gottes.
Dass unser Glaube in dieser Weise im Gotteslob Gestalt gewinnt, das ist nicht nur einfach eine Gewohnheit, die nun eben seit langem so im Gottesdienst üblich ist. Es ist keine Gewohnheit, die womöglich auch weggelassen werden könnte. Denn durch die ganze Bibel zieht sich dieser enge Zusammenhang von Glaube und Loblied – so wie auch im Predigttext Jesaja, 12, 1 – 6.

Kantate – Einstimmen in die Heilsverheißungen Gottes

Jesaja redet als Prophet, als Sprachrohr Gottes. Und er ist als Prophet derjenige, der bewegt von Gott, im Namen Gottes über den Horizont hinausschaut. Damals war die Gegenwart Israels bedroht: bedroht im Innern durch die Gottvergessenheit der Reichen und der Machthaber; bedroht von außen durch das sich zusammenbrauende Unheil einer Eroberung durch die Assyrer. Aber der Prophet Jesaja schaut über den Horizont dieser Bedrohungen hinaus. Denn Gottes Geschichte mit seinem Volk ist eine Heilsgeschichte. Diese Heilsgeschichte wird nicht steckenbleiben im Ausgeliefertsein an die Feinde. Diese Heilsgeschichte wird nicht steckenbleiben in der Enttäuschung Gottes über den Ungehorsam seiner Menschen, sondern sie hat als Ziel immer Leben und Heil hinter allen Krisen und Kämpfen.
Jesaja formuliert diese Heilsverheißung im schönen Bild des Wasserschöpfens: „Ihr werdet mit Freuden Wasser schöpfen aus den Heilsbrunnen!“ Diese Verheißung des gestillten Durstes ist eigentlich die Grundmelodie allen Lobens. Das Vertrauen auf die kommende Erlösung und Befreiung durch IHN – durch Gott selbst – durchzieht alle biblischen Glaubensverheißungen. Diese Verheißung von Erlösung und Befreiung findet ihren Höhepunkt dann in der österlichen Verheißung, in der uns in Jesus Christus das Abgewischt-Werden aller Tränen und das Ende der Macht des Todes verheißen wird.
All diese Lebensverheißungen Gottes in Zeit und Ewigkeit werden im Singen in Erinnerung gerufen, festgehalten und vergewissert. Das Loblied ist im Glauben deshalb im Grunde immer das vertrauende Einstimmen in die Heilsverheißungen Gottes.

Glaubenslieder – Lieder des Vertrauens

Erinnern Sie sich an die Gute-Nacht-Lieder, die Ihnen in der Kindheit vielleicht Ihre Mutter oder Großmutter gesungen hat, oder die sie vielleicht schon selbst am Bett ihres Kindes oder ihres Enkelkindes gesungen haben? Eins der Lieder, das mir, als ich klein war, gesungen wurde war: „Breit aus die Flügel beide, o Jesu meine Freude, und nimm dein Küchlein ein. Will Satan mich verschlingen, so lass die Englein singen: ‚Dies Kind soll unverletzet sein!‘“ Verstanden hab ich eigentlich von diesen Worten gar nichts. Was haben Flügel mit Jesus zu tun und was soll das für ein Kuchen sein, den er da nimmt? Dass es da um das Bild der Glucke geht, deren Küken unter ihren Flügeln Schutz finden, habe ich dann erst viel später verstanden. Das Nichtverstehen der Worte hat aber für mich damals keine große Rolle gespielt. Entscheidend war dieses Gefühl des Aufgehobenseins und der Geborgenheit, das durch das gemeinsame Singen dieses Liedes entstand. Es war das Vertrauen in diesem Singen mit meiner Mutter oder meiner Oma, das mir für das unsichere und bedrohliche Gelände der Nacht eine andere Kraft als meine eigene, mickrige Kraft zur Seite gestellt hat: Gottes Engel, Gottes Beistand. Gott selber, der auf mich Acht hat! Das war die tröstliche Gewissheit, die im Singen und durch das Singen gewachsen ist. Und so waren diese ersten Glaubenslieder so etwas wie vertrauensbildende Maßnahmen: vertrauensbildende Maßnahmen, die meine Ängste in Schach hielten und lösten und in mir das Vertrauen wachsen ließen, dass Gott mir, wie auch immer, zur Seite steht.
Ich meine, darum geht es immer noch in unserem Singen von Glaubensliedern, in unserem Gotteslob: um Vertrauensbildung.
Wenn ich singend einstimme in das Lob Gottes, dann schließe ich mich im Singen auf für die große Verheißung unseres Glaubens, dass diese geschüttelte Welt trotz aller Rätsel auf ihre Vollendung zugeht. Gottes Lob singend schließen wir uns zusammen auf für die große Verheißung, dass sich einmal, – wie es im Lobgebet der Messe heißt –„unsere Stimmen vereinen werden mit allen Kräften des Himmels zu einhelligem Jubel“. Im Singen von Glaubensliedern, im Lob Gottes lasse ich mich – so könnte man sagen – von Gottes Heiligem Geist hineinziehen in die Kraft des Vertrauens und der Hoffnung, die die Christenheit schon durch all die vielen Jahrhunderte trägt. Ich lasse mich hineinziehen in die Gelassenheit der Verheißung, von der Jesaja singt: „Gott ist mein Heil, ich bin sicher und fürchte mich nicht; denn Gott der HERR ist meine Stärke und mein Psalm und ist mein Heil.“

Gott ist das Ziel der Sehnsucht nach Vertrauen

Das ist eine überraschende Formulierung bei Jesaja: Der Herr ist mein „Psalm“. Aus dem Hebräischen müsste man eigentlich genauer übersetzen: „Der Herr ist mein Lied“. Was könnte damit gemeint sein?
Ich glaube, wenn wir noch ein Stück genauer bedenken, was sich im Singen ereignet, eröffnet sich noch ein weiterer Aspekt des Gotteslobs. Was geschieht im Singen?
Mir ist das einmal eindrücklich deutlich geworden, als ich, damals als junger Pfarrvikar, eine Predigt zu halten hatte zum 100-jährigen Jubiläum des örtlichen dörflichen Gesangvereins.
Im Festprogramm der Liedvorträge war unter anderem auch das Lied: „Wenn in Capri die Sonne im Meer versinkt…“. Darüber habe ich dann gepredigt. Da ist die Rede von der roten Sonne, die bei Capri im Meer versinkt, von den blütenschweren Düften Neapels , von roten Rosen, vom blauen Meer, von der Macht der Liebe und der ewigen Harmonie der Freundschaft. Warum singen gestandene, nüchterne Handwerker, Büroangestellte und Beamtinnen solche Lieder - manchmal mit einem Schauer auf dem Rücken? Warum sind die Schlager mit ihren immer gleichen Themen von Liebe, Herzschmerz und heiler Welt nach wie vor die am meisten gehörte Musikrichtung in unserer Bevölkerung?
Weil im Singen, weil im Lied unsere Sehnsucht aufklingt! Und wenn jemand von Herzen singt, dann erklingt in Tönen und Worten ein Stück Herzenssehnsucht des Singenden.
Geschieht nicht eben das auch im Singen der Kirche, im Glaubensgesang, im Loblied? Nur dass unsere Sehnsucht sich nicht im Ungewissen verliert, sondern dass unsere Sehnsucht Vertrauen fasst!
Im Glaubensgesang haben die Herzenssehnsüchte von uns, die wir so oft an den Rissen und Rätseln dieser unfertigen Welt leiden, einen ganz bestimmten Kristallisationspunkt.
Jesaja singt diesen Kristallisationspunkt in seinem Lobgesang so: „Siehe, Gott ist mein Heil, ich bin sicher und fürchte mich nicht.“
Ja, Gott selbst ist das Ziel meiner Sehnsucht nach Heil, nach Beistand, nach Freude, nach Leben. Und wenn im Lobgesang unsere Sehnsucht an ihm Vertrauen fasst, dann kann in uns im Lob Gottes je und dann die jubelnde Glaubensfröhlichkeit aufbrechen, die schon ein Präludium des himmlischen Jubels ist.


Kantate – Einstimmen ins Vertrauen auf Gott

Liebe Gemeinde, es geht im Glauben nicht um irgendeine Art kluger, religiöser Welterklärung, sondern um Lebenshilfe, um Gottes Seelsorge an uns. Worin besteht diese Seelsorge Gottes? Darin, dass er mir hilft, mein Leben erleichtert zu leben, weil er es mitträgt. Und Singen – Singen und Loben sind aus der Sicht des Glaubens betrachtet eigentlich so etwas wie die Seufzer der Erleichterung, in denen uns leicht wird und wir uns selbst und die gewichtigen Anforderungen der Welt leichter nehmen können.
Dass man, wenn man aus vollem Herzen singt, sich tatsächlich ganz selber vergessen kann und ganz über sich selber hinauswächst; dass man sich im Hören von Musik manchmal ganz loslösen kann von dieser Welt – das ist ein Hinweis darauf, worum es im Lob Gottes wirklich geht: dass uns leichter wird. Dass wir nicht bei uns selbst steckenbleiben, sondern uns öffnen für Gott und uns erwartungsvoll aufmachen in die Welt.
Einstimmen ins Vertrauen auf Gott – das ist der lebendig machende Sinn auch unseres heutigen gottesdienstlichen Singens und Lobens. Ich stimme mit ein in den Gesang der welt- und zeitenübergreifenden Gemeinde Jesu Christi, damit ich immer wieder neu Gottes Wort und Gottes Willen zustimmen kann.
Ich stimme mit ein in das Lob Gottes, damit mein Herz in der Gemeinschaft mit anderen glaubenden Stimmen sich umstimmen lässt, wenn es von Sorgen und Zweifeln verstopft oder verhärtet ist.
Mein Mitsingen in der Gemeinde und im Gottesdienst ist die vertrauensbildende Maßnahme, der Seufzer der Erleichterung, der mich hineinzieht in die große Verheißung Jesajas: „Siehe, Gott ist mein Heil, ich bin sicher und fürchte mich nicht; denn Gott der HERR ist meine Stärke und mein Lied und ist mein Heil.“
Amen.

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