Rogate (05. Mai 2013)

Autor/in: Pfarrer i.R. Günter Knoll, Herrenberg [pfarrer-knoll@t-online.de ]

Matthäus 6, 5 -13

Liebe Gemeinde, Schwestern und Brüder!

Beten Sie selten? Beten Sie oft? Beten Sie regelmäßig? Beten Sie allein? Beten Sie in Gemeinschaft? Beten Sie eher laut oder eher in der Stille? Ist Ihnen das Beten eine Selbstverständlichkeit, sozusagen ein tägliches Bedürfnis oder bricht es eher aus Ihnen heraus, wenn Sie in einer besonderen Not oder Angstsituation sind oder auch in Augenblicken des Glücks? Genieren Sie sich, wenn Sie beten? Kommen Sie sich dabei kindlich und unerwachsen vor?
Vom Beten auch nur zu reden, ist eine heikle Sache, es zu praktizieren, ist noch heikler. Ob ich bete, geht das überhaupt jemanden etwas an außer mir selber und – Gott? Ich will es am liebsten für mich behalten und eigentlich mit niemandem darüber reden. Aber nun ist es dran, heute am Sonntag "Rogate" ist es dran, dass wir darüber reden und sogar mehr noch, dass wir uns zum Beten auffordern und ermutigen lassen. Von wem? Von Jesus selber.
Ich bin froh, dass Jesus in der Bergpredigt das heikle Thema Beten angesprochen hat und damit uns, seine Gemeinde zum Nachdenken und zum Austausch über das Beten anregt, vielleicht sogar nötigt. Beten ist nämlich aus meiner Sicht etwas Fundamentales. Ich sage es gleich zugespitzt und ohne Umschweife: Beten ist das Fundamentale im menschlichen Leben. Beten lässt uns in Verbindung treten mit Gott, unserem Schöpfer und damit mit dem Urgrund und Ziel unseres Daseins. Wer betet, vergewissert sich seines Daseins und lässt sich auf den ein, der ihm das Leben geschenkt hat, der ihn leben lässt und der ihm das Leben auch wieder nehmen wird. Beten lässt uns den Platz einnehmen, an den wir gehören und der uns gebührt: im Gegenüber Gottes. Beten macht so gesehen in besonderer Weise die menschliche Würde aus. Im Beten finden wir zu unserer Menschenwürde, die darin besteht, dass wir zum Ebenbild Gottes geschaffen sind, dass wir seine Stimme hören, dass wir ihm antworten und mit ihm reden dürfen.

Wie sollen wir beten?

Diese Frage nimmt Jesus in der Bergpredigt auf: Wie sollen wir beten, mit anderen Worten: Was ist rechtes Beten und was ist verkehrtes Beten? Bevor Jesus mit dem Vaterunser ein Beispiel rechten Betens gibt, setzt er sich in unserem Predigttext mit Gefahren beim Beten auseinander, mit Formen verkehrten Betens also:
Zuerst mit dem Heucheln. Was meint Heucheln im Zusammenhang mit dem Beten? Wenn ich Jesus recht verstehe, geht es da um die Ausrichtung bzw. um die Zielrichtung beim Beten. Beten kann man in rechter Weise nur, wenn man ganz und gar auf Gott ausgerichtet ist und dabei sozusagen sich selbst und die anderen Menschen vergisst. Wer andere und anderes im Blick hat als Gott allein, der ist so etwas wie ein Schauspieler, der von anderen gesehen und bewundert werden möchte. Beten darf aber nie zu einer Form der Selbstdarstellung werden. Beim Beten geht es um Gott und um mich und sonst niemand. Nur was ich ihm sagen möchte gilt, alles andere ist Heuchelei. Kann ich etwas dagegen tun, dass mir das Beten zur Heuchelei gerät? Ja, sagt Jesus, geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu. Lass dich nicht beobachten beim Beten! Sei diskret! Vermeide auch nur den Anschein, dass du nur betest, weil du – als Beterin oder Beter – gesehen werden willst. Du verlierst dabei deine Würde.
Die zweite Gefahr beim Beten, die Jesus anspricht, ist das Plappern. Plappern meint: viele Worte machen, Gott sozusagen durch schiere Wortfülle, kunstvolle Sätze, endlose Beschwörungen beeindrucken wollen. Darum geht es aber gar nicht. Gott will nicht beeindruckt werden - er weiß ja, wie Jesus an anderer Stelle einmal sagt, was wir Menschen brauchen ehe wir ihn bitten - Gott will nicht beeindruckt werden, sondern er möchte schlicht und einfach wahrgenommen und gebeten werden, als der, der er ist: als Vater im Himmel.

Das Vaterunser

Und damit sind wir beim Vaterunser angelangt. Es steht zweifellos in der Mitte unseres Predigttextes und in gewisser Weise auch in der Mitte der Bergpredigt Jesu. In diesem Gebet gipfelt Jesu Botschaft, in ihm steht das ganze Evangelium. Eigentlich steckt es bereits in den ersten zwei Wörtern: "Vater unser". Ist damit nicht alles ausgedrückt, was Jesus von Gott sagen möchte und was er in immer neuen Anläufen zum Ausdruck bringt? Ihr Menschen, Gott ist doch euer Vater! Habt doch Vertrauen! Glaubt an Gott und glaubt an mich, der ich euch diese Botschaft bringe. Gott ist nicht fern, sondern ganz nah. Er ist so nah, dass ihr ihn im Gebet jederzeit erreichen könnt. Gott ist in Rufweite und er ist euch gut. Ja, das steckt in der Anrede "Vater unser" ganz besonders mit drin. Jesus lehrt nicht die Anrede: Großer Gott oder Heiliger Gott oder Allmächtiger Gott, obwohl das lauter zutreffende Gottesbezeichnungen wären, die zu gebrauchen sich niemand scheuen muss, aber wo Jesus exemplarisch das rechte Beten lehrt, da verwendet er die Anrede: "Vater". Hier darf uns vor Augen stehen, was den Vater im Gleichnis Jesu vom Verlorenen Sohn auszeichnet: sein Erbarmen, das sich nicht an dem festmacht, was dieser Sohn alles verkehrt gemacht hat, sondern einzig und allein daran, dass dieser Verlorene sein Sohn ist. Gottes ganze Güte steckt in dem Wort Vater, aramäisch "Abba", seine Sehnsucht nach dem Sohn, seine Liebe zu ihm, sein unbedingter Wille, ihn bei sich zu haben.

„Vater unser“

Bezeichnenderweise lehrt Jesus nicht zu beten: Mein Vater, er lehrt vielmehr zu beten: Unser Vater. Damit schließt er alle betenden Menschen zu einer Gemeinschaft zusammen. So sehr jeder als Einzelner beten soll und beten darf, so sehr gehört er als Betender bzw. gehört sie als Betende zur Familie Gottes. Als Betende gehören wir zur Gemeinschaft der Kinder Gottes. Indem uns Jesus das Vaterunser schenkt, nimmt er uns hinein in diese Gemeinschaft und bricht so unser Alleinsein auf.
Nicht zu einem irdischen Vater sollen wir nach Jesu Willen beten, also auch zu keinem, der sich als Vater aufspielt in der Gestalt eines "Führers" oder eines "Großen Vorsitzenden" oder eines sonstigen Über-Vaters. Dem "Vater im Himmel" allein gilt unser Gebet und damit dem Schöpfer und Herrn der Welt. Hier klingt das erste Gebot an: "Ich bin der Herr, dein Gott, du sollst keine anderen Götter neben mir haben." Die Anrede Gottes als unseres Vaters im Himmel ist also zugleich eine Warnung: Hütet euch vor falschen Göttern, betet sie nicht an, sondern haltet euch zu dem Gott, den euch Jesus als den Vater im Himmel verkündet hat.

„Dein Name werde geheiligt, dein Reich komme, dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden“

Was Jesus dann im Fortgang des Vaterunsers mit schlichten und einfachen Worten als rechtes Beten lehrt, das entfaltet im Grunde genommen die Vertrauensbasis, die er mit der Anrede gelegt hat. "Dein Name werde geheiligt, dein Reich komme, dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden." Wenn Gott der barmherzige Vater im Himmel ist, dann kann es nur darum gehen, dass sein Name in Ehren gehalten werde, dass dem Kommen seines Reiches Bahn bereitet werde und dass sein Wille sich erfülle. Dann kann sich Segen ausbreiten, dann wird Friede sein. Dann ereignet sich, was die Engel bei Jesu Geburt in Bethlehem gesungen haben. Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.

Freilich, es bleiben Bedrohungen; das Reich Gottes, auch wo es anbricht in dieser Welt, ist gefährdet; vollkommen wird es erst im Himmel sein. Da ist die Not, dass viele nicht wissen, ob sie morgen noch das Brot haben, das sie zum Überleben brauchen. Da ist die Schuld, in die wir alle immer neu hineingeraten und die wir nicht loswerden ohne Gottes Wort, das uns befreit und das uns selber zur Vergebungsbereitschaft ermahnt. Und da ist schließlich das Böse, dem wir nicht gewachsen sind und das uns immer wieder in seinen Bann schlägt. Erlöse uns von dem Bösen, können wir da nur rufen. Aber wir können es tatsächlich und Gott hört uns, wenn wir nur beten.
Amen.

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