Christi Himmelfahrt (09. Mai 2013)

Autorin / Autor: Pfarrer PD Dr. Thomas Knöppler, Heroldstatt [Thomas.Knoeppler@elkw.de]

Johannes 17, 20-26

Liebe Gemeinde,
vor einigen Jahren gehörte der Religionsunterricht an einer Grundschule zu meinen Aufgaben. Viele der Schülerinnen und Schüler waren Migrantenkinder. An einem Dienstag vor dem Himmelfahrtsfest fragte ich die 25 Kinder der ersten Klasse: "Welchen Feiertag haben wir in dieser Woche?" Fast alle antworteten: "Am Donnerstag ist Vatertag."
Eigentlich ist das ja einsichtig: Neben den Müttern, die jeweils am zweiten Sonntag im Mai ihren Feiertag haben, sollen auch die Väter zu ihrem Recht kommen. Bei ihnen freilich spielen Blumen und kleinere Geschenke im Familienkreis keine bevorzugte Rolle. Sie freuen sich eher an der Natur und nicht selten dann auch an einem gehörigen Rausch.
Als Christen werden wir den Himmelfahrtstag nicht gegen den Vatertag eintauschen. Gleichwohl sollten wir überlegen, ob der Vatertag nicht auch etwas für uns Christen wäre. Und tatsächlich: Die Christenheit hat einen Vatertag. Am Weihnachtsfest wird der himmlische Vater gefeiert, der seinen Sohn aus Liebe in die heillose Welt sendet. Als Vatertag begehen wir dieses Fest in der Regel freilich nicht. Uns steht da vielmehr ein "Holder Knabe im lockigen Haar" (EG 46,1) vor Augen.
Am Himmelfahrtstag gedenkt die Christenheit in erster Linie des Ortswechsels Christi: Er verlässt die irdische Jüngergemeinschaft und setzt sich zur Rechten Gottes. Man kann hier durchaus fragen, ob es bei diesem Ortswechsel nicht auch in besonderer Weise um den himmlischen Vater geht. Das für heute vorgegebene Predigtwort aus Johannes 17,20-26 gibt uns Hinweise dazu. Es ist ein Auszug aus dem als Testament formulierten Gebet Jesu für die Seinen:

Ich bitte aber nicht allein für sie, sondern auch für die, die durch ihr Wort an mich glauben werden, damit sie alle eins seien. Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir, so sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaube, dass du mich gesandt hast.
Und ich habe ihnen die Herrlichkeit gegeben, die du mir gegeben hast, damit sie eins seien, wie wir eins sind, ich in ihnen und du in mir, damit sie vollkommen eins seien und die Welt erkenne, dass du mich gesandt hast und sie liebst, wie du mich liebst.
Vater, ich will, dass, wo ich bin, auch die bei mir seien, die du mir gegeben hast, damit sie meine Herrlichkeit sehen, die du mir gegeben hast; denn du hast mich geliebt, ehe der Grund der Welt gelegt war.
Gerechter Vater, die Welt kennt dich nicht; ich aber kenne dich und diese haben erkannt, dass du mich gesandt hast.
Und ich habe ihnen deinen Namen kundgetan und werde ihn kundtun, damit die Liebe, mit der du mich liebst, in ihnen sei und ich in ihnen.

Jesus lässt uns den Vater erkennen

Dies sind die letzten Worte Jesu unmittelbar vor Beginn seiner Passion. Sie klingen in unseren Ohren vermutlich wie ein "monotones Glockengeläut, wo in beliebiger Folge die Elemente desselben Akkordes auf- und abwogen" (Julius Wellhausen). Aber vielleicht haben Sie bemerkt, dass Jesus in diesen Gebetsworten dreimal seinen Vater anredet: „... damit sie alle eins seien. Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir ..., Vater, ich will, dass, wo ich bin, auch die bei mir seien, die du mir gegeben hast ... und ... Gerechter Vater, die Welt kennt dich nicht ...“ Nehmen wir die Perspektive Jesu ein, die in unserem Predigtwort ihren Niederschlag gefunden hat, so ist heute Vatertag: Der himmlische Vater ist angesprochen; Jesus bittet ihn, zugunsten derer zu handeln, die zu ihm gehören.
Die Aussagen, die mit der dreimaligen Anrede des Vaters verbunden sind, lassen uns Wesentliches über den Vater erkennen. Der Vater im Himmel ist ganz Ohr für die Anliegen des auf der Erde weilenden Sohnes. Er identifiziert sich mit ihm, ist ganz eins mit ihm. Des Weiteren hat der Vater dem Sohn die göttliche Herrlichkeit gegeben. Er liebt den Sohn schon von Ewigkeit her. Und schließlich ist der himmlische Vater gerecht. Trotz der Ablehnung des Sohnes durch die Welt hält er zu seinem Sohn. Weil er nicht ohne den Sohn sein will, nimmt der Vater ihn auf in die himmlische Herrlichkeit. Durch Christi Himmelfahrt kommt die enge Gemeinschaft von Vater und Sohn an ihr Ziel.

Die Bitte Christi um die Einheit der Kirche und ihre Verwirklichung

Diese Aussagen klingen zunächst sehr theoretisch und weit entfernt von unserer Erfahrungswelt. Gleichwohl haben sie einen deutlichen Bezug zu unserem Leben als Christen. Das ist in den Bitten begründet, die der Sohn dem Vater vorträgt. Christus bittet darum, dass die, die an ihn glauben, „alle eins seien“. Er bittet um die Einheit seiner Kirche.
Auch dies freilich klingt sehr theoretisch: ein schöner Gedanke zwar, aber trotz aller ökumenischen Bemühungen in dieser Welt offenbar nicht zu realisieren. Es sieht im Rückblick auf die Geschichte der Kirche eher so aus, dass die Einheit mehr und mehr schwindet. Im Jahr 1054 vollzog sich die Spaltung der römisch-katholischen Kirche und der orthodoxen Kirchen, in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts die Trennung der römisch-katholischen Kirche und der evangelischen Kirchen. In der Folge kam es zu vielen weiteren Aufspaltungen. Neben die Kirche traten Freikirchen. Dazu kamen Sekten. Und manch einer, der in den vorhandenen Gemeinden keine Beheimatung fand, gründete eine eigene Gemeinde. Daneben gibt es einzelne Missionsgesellschaften, die ihre christliche Überzeugung ohne Rücksicht auf die im Missionsland vorhandenen Kirchen dorthin exportieren. Angesichts der kirchlichen Wirklichkeit erscheint das Ziel der Einheit der Kirche als ein frommer Wunschtraum.
Die Frage nach der Verwirklichung der Einheit der Kirche dürfen wir freilich nicht nur pessimistisch beantworten. Immerhin wurden Mitte des letzten Jahrhunderts die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen und der Ökumenische Rat der Kirchen gegründet. Vor vierzig Jahren wurde die Kanzel- und Abendmahlsgemeinschaft zwischen den lutherischen und den reformierten Kirchen erreicht. Und vor sechs Jahren unterzeichneten elf deutsche Kirchen eine Erklärung zur wechselseitigen Anerkennung der Taufe. Daneben gibt es auf der Ebene von Kirchengemeinden, Pfarrern und Dekanen einen regen ökumenischen Austausch. Auch wenn man sich des Eindrucks nicht erwehren kann, dass der ökumenische Prozess ins Stocken geraten ist, konnte in den vergangenen Jahrzehnten doch viel erreicht werden.

Die Person Jesu Christi ist Ansatzpunkt für den Weg zur Einheit

Von ganz unterschiedlichen Perspektiven her wird versucht, die Einheit der Kirche zu befördern. Zumeist verständigt man sich auf gemeinsame ethische Positionen. Unser Predigtwort hingegen verweist auf einen anderen theologischen Ort. Die Mitteilung der vom Vater stammenden Herrlichkeit des Sohnes an die Seinen hat ein Ziel: „damit sie eins seien, wie wir eins sind, ich in ihnen und du in mir“. Die Einheit der Glaubenden soll also die Einheit von Vater und Sohn widerspiegeln. Ihren Ansatzpunkt findet die Einheit der Glaubenden im Sohn, der unter ihnen gegenwärtig ist. Die Bedeutung dieses Ansatzpunktes sollten wir nicht unterschätzen.
Von hier aus ist im Rückblick auf das Pontifikat von Papst Benedikt XVI. dankbar zu vermerken, dass er die Frage nach dem Sohn Gottes wieder in den Mittelpunkt gerückt hat. Drei Bände hat er über Jesus von Nazareth veröffentlicht. Sie sollten kein Akt lehramtlicher Verlautbarung sein, sondern eine Einladung, die "innere Freundschaft mit Jesus" zu leben. Zwar sind manche Aussagen in seinen Jesusbüchern aus wissenschaftlicher Sicht und aus evangelischer Perspektive kritisch zu sehen. Aber er hat doch den richtigen Ansatzpunkt gewählt: Für eine Verständigung der Kirchen untereinander ist es angemessen, mit dem gemeinsamen Nachdenken bei der Person Jesu Christi anzusetzen. Kann hier in den wesentlichen Fragen eine Einigung erzielt werden, dann werden lehramtliche Festlegungen überdacht und die ökumenische Praxis vertieft. Orientieren wir uns gemeinsam am Sohn Gottes, ist wahre Einheit möglich: Aus der Wahrheit des Evangeliums folgt die Einheit der Kirche.

Die Einheit der Glaubenden hat missionarische Folgen

Es ist geradezu erstaunlich, dass die Einheit der Kirche ihrerseits missionarische Folgen hat: Die Welt, die in der Ablehnung des Sohnes Gottes verharrt, soll zum Glauben kommen. Sie soll glauben, dass der Vater den Sohn gesandt hat. Und sie soll erkennen, dass der Vater die Seinen wie den Sohn liebt. Sind wir uns dessen bewusst, was hier behauptet wird? Die vollkommene Einheit der Christen führt zu Erkenntnis und Glaube der Welt. Dabei lässt die Welt ihre Feindschaft gegen Gott fahren. Sie wird gewahr, wem die Liebe Gottes gilt. Und sie erkennt Jesus als den von Gott Gesandten an.
Der Sohn Gottes will die Einheit der Kirche. Wir sollten daher in unseren ökumenischen Bemühungen, auch gerade in unseren Gemeinden vor Ort, nicht nachlassen. Die Welt soll schließlich nicht irritiert werden durch konfessionelles Gezänk. Alle Bemühungen um die Einheit der Kirche haben sich am Herrn der Kirche zu orientieren. Ohne die Wahrheit des Christus wird es keine Einheit der Kirche geben.

Um des Sohnes willen ist heute Vatertag

Denn der zum Vater gegangene Sohn ist die Hoffnung seiner Kirche. Der diese Welt erlitten hat, der hat sie nun in Händen. Der Sohn ist unser Fürsprecher beim Vater. Er tritt allezeit für uns ein. Darum ist heute Vatertag: weil der himmlische Vater ganz Ohr ist für seinen Sohn und um seinetwillen für alle, die an ihn glauben.
Ein Letztes noch: Der Vatertag, den wir heute feiern, ist dadurch bestimmt, dass der himmlische Vater seine Macht ausübt. Der Vater im Himmel übt seine Macht auf die Weise aus, dass er sie an den Sohn übergibt. Der Sohn hat die göttliche Herrlichkeit des Vaters erhalten. Und auch wir, die wir an den Sohn glauben, erhalten Gottes Herrlichkeit. Dem Vater sei Dank!
Amen.

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