Exaudi (12. Mai 2013)

Autorin / Autor: Pfarrer Ulrich Wildermuth, Crailsheim-Altenmünster [ulrich.wildermuth@elkw.de]

Johannes 14, 15 -19

Liebe Gemeinde,

Abschiede gehören zu unserem Leben von der Geburt bis zum Tod.
Vertrautes und Liebgewonnenes loslassen müssen, Trennung erfahren und Verlust – das wird jeder und jedem von uns zugemutet, immer wieder neu. Schmerz und Trauer sind damit verbunden, und das ist schwer. Aber Abschiede sind die Kehrseite davon, dass wir in und durch Beziehungen leben. Sie sind die dunkle Seite der Liebe, nicht aber ihre Widerlegung.
Schon im Augenblick seiner Geburt muss ein Mensch Abschied nehmen. Er verlässt den wärmenden, bergenden Bereich des Mutterleibs und erfährt den Schock, hinausgeworfen zu werden in die Welt.
Abschiede gehören dann auch zum Selbständig- und Erwachsenwerden. „Hänschen klein ging allein in die weite Welt hinein.“ Davon weiß schon das Kinderlied.
Und zur Liebe gehört es, dass ein Mensch es schafft, Vater und Mutter zu verlassen.
Abschiede gehören im Leben zu jeder Art von Neuland und Neuanfang. Darum wohnt ihnen auch ein Zauber inne, wie der Dichter Hermann Hesse es sagt.
Der letzte Abschied schließlich ist der Tod.

Von den Schmerzen, die mit einem Abschied verbunden sind, redet Erich Fried in einem Gedicht mit der Überschrift „Trennung“:

Der erste Tag war leicht
der zweite Tag war schwerer
der dritte Tag war schwerer als der zweite

Von Tag zu Tag schwerer:
Der siebente Tag war so schwer
daß es schien er sei nicht zu ertragen

Nach diesem siebenten Tag
sehne ich mich
schon zurück

Auch die Bibel erzählt von Abschieden: Da segnet der sterbende Jakob seine Söhne. Da hält Mose eine Abschiedsrede an die Israeliten, bevor diese das Gelobte Land erreichen. Da müssen die Freunde David und Jonathan sich trennen.
Und da ist der weite Raum, den die Abschiedsreden Jesu an seine Jünger vor seinem Leiden und Sterben im Johannesevangelium einnehmen.

Die Abschiedsreden Jesu

Aus diesen Abschiedsreden stammt unser Predigtwort.
Es ist eine Art Vermächtnis. Und im Loslassen kündigt sich etwas Neues an:

Liebt ihr mich, so werdet ihr meine Gebote halten.
Und ich will den Vater bitten und er wird euch einen andern Tröster geben, dass er bei euch sei in Ewigkeit: den Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann, denn sie sieht ihn nicht und kennt ihn nicht. Ihr kennt ihn, denn er bleibt bei euch und wird in euch sein.
Ich will euch nicht als Waisen zurücklassen; ich komme zu euch.
Es ist noch eine kleine Zeit, dann wird mich die Welt nicht mehr sehen. Ihr aber sollt mich sehen, denn ich lebe und ihr sollt auch leben.
(Johannes 14,15-19)

Mit diesen Worten bereitet Jesus seine Jünger darauf vor, dass sie ihn loslassen müssen und dass er sterben wird.
Das ist eine Zumutung. Aber Jesus macht ihnen Mut, diese zu bestehen. Die Trennung, welche kommen wird, ist kein Verhängnis.
Sie soll in einem anderen Licht erscheinen.
Die Trennung ist kein Ende, sondern eine Wende.
Der Abschied ist zugleich ein Neuanfang.

Abschied – aber Jesus bleibt

Das ist das Erste: Es wird nach wie vor eine Beziehung geben. Aber eine Beziehung von anderer Art.
Jesus löst nicht das Band zu seinen Jüngern, sondern er knüpft es fester. Darum verpflichtet er sie dazu, seine Gebote zu halten und in seiner Liebe zu bleiben.
Und er verpflichtet sich selbst, bei ihnen zu bleiben – dies aber in anderer Gestalt: nicht mehr als der irdische Jesus von Nazareth, sondern als der Tröster, der Beistand, der Fürsprecher, als der alles belebende Atem, als die Menschen bewegende Kraft und als das Feuer der Liebe.
Jesus verpflichtet sich selbst, bei seinen Jüngern zu bleiben – als ein anderer und doch als derselbe: als der Heilige Geist. Und dieser ist zugleich der Geist dessen, der Jesus Christus von den Toten auferwecken wird.
Kennzeichen dieses Geistes ist, dass er tröstet – also geängstigtes und niedergedrücktes Leben aufrichtet, stärkt und belebt.
Kennzeichen dieses Geistes ist, dass er in der Liebe bleibt und in die Wahrheit führt – eines nicht ohne das andere.
Kennzeichen dieses Geistes ist, dass er Bestand hat und bleibt – und nicht flatterhaft und vergänglich ist wie Menschenwerk.
Kennzeichen dieses Geistes ist, dass er „für uns“ spricht – mag auch alles andere und alle Welt „gegen uns“ sprechen.
Der Beistand, der Tröster, der Heilige Geist – alle diese Worte umschreiben das eine Geheimnis, dass Jesus Christus selbst in uns gegenwärtig sein will.

Luft, die alles füllet, / drin wir immer schweben, / aller Dinge Grund und Leben, / Meer ohn Grund und Ende, / Wunder aller Wunder: / ich senk mich in dich hinunter. / Ich in dir, / du in mir, / lass mich ganz verschwinden, / dich nur sehn und finden.
So hat es Gerhard Teerstegen in seinem Lied beschrieben. Diese Worte sind unverbraucht und heute so aktuell wie im 18. Jahrhundert.
Das also wird die Beziehung zu Jesus sein. Eine Beziehung von andrer Art. Kein losgelöstes Band, sondern ein festeres Band. Ja, eine Verschmelzung. Ein Einswerden in Liebe. Diese neue Nähe – das ist das Versprechen Jesu.

Der Geist, „den die Welt nicht empfangen kann“

Nun aber kommt eine Einschränkung, eine Abgrenzung – und das ist das Zweite: Diesen Geist kann die Welt nicht empfangen, „denn sie sieht ihn nicht und kennt ihn nicht.“ – Die Welt hat „keine Antenne“ für den Geist Jesu.
Hier müssen wir innehalten: Was meint der Evangelist Johannes, wenn er von der „Welt“ spricht? Ist er gar weltfremd oder weltfeindlich?
Keineswegs. Der Kernsatz seines Evangeliums lautet: „Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab…“
Gott liebt die Welt. Die Welt aber trägt in sich die Gefahr, bei sich selbst zu bleiben und ohne Gott sein zu wollen. Darum ist ihr Wesen Finsternis und Lüge. Sie gerät in die Knechtschaft der Sünde und ist dem Tod verfallen. Welt – das ist Ichbezogenheit, Rennen nach Besitz und Geld, und das ist Gier in jeder nur erdenklichen Form.
Wo aber der Tanz um das Goldene Kalb aufgeführt wird – wie in den Börsen von Frankfurt, Tokio und New York, - da ist der Geist Jesu ein Fremdkörper, da ist Verstockung und da fehlt die Antenne.
Denn der Geist Jesu besteht in der Hingabe. Und das ist der Gegensatz zu allem Raffen und An-sich-Reißen. Darum die Einschränkung und Abgrenzung, wenn Jesus seinen Jüngern verspricht, bei ihnen zu bleiben.
Es gibt also ein Hindernis für den Geist Jesu, einen Widerstand, eine Gegenkraft – und für diese Gegenkraft gebraucht Johannes das Wort „Welt“.

Der Geist Jesu: „Ich lebe, und ihr sollt auch leben“

Dass es aber bei diesem Widerstand nicht bleibt, sondern einen Impuls gibt, der darüber hinausführt – das ist das Dritte. Jesus verspricht seinen Freunden: Ihr bleibt nicht ärmlich und verlassen zurück wie verwaiste Kinder, die Angst um das Allernotwendigste und ihren Lebensunterhalt haben müssen.
Nein: „Ich lebe, und ihr sollt auch leben!“
Woran denken wir beim Wort „Leben“? An einen pulsierenden Organismus? An einem Leib mit vielen Gliedern? An den Weinstock mit seinen Reben?
Leben – das ist wie Einatmen und Ausatmen.
Leben – das ist Anteil geben und Anteil nehmen.
Jesus sagt: „Ich lebe, und ihr sollt auch leben!“
In Jesus Christus erschließt sich für uns das wahre Leben.
Was sind die Kennzeichen dieses Lebens Jesu?
Dietrich Bonhoeffer hat einmal gesagt, Jesus sei der „Mensch für andere“ gewesen.
Er hat nicht gelebt auf Kosten anderer.
Sondern er hat sich für die Menschen hingegeben, damit sie das Leben haben sollen.
Sein Leben war niemals Privatbesitz.
Sondern sein Leben war immer zugleich auch Mitteilung an andere.
Sein Leben gipfelte im Opfertod am Kreuz.
Jesus hat sein Leben für andere verschwendet.
Er hat sein Blut am Kreuz für uns vergossen.
Darum feiern Christen das Heilige Abendmahl. In Brot und Wein feiern sie den Tod ihres Herrn und empfangen von ihm das Leben.
Diese Hingabe, dieses Austeilen begegnet uns auch in der Geschichte von der Fußwaschung. Jesus tut einen Sklavendienst an seinen Jüngern. Er erniedrigt sich, um ihnen wohlzutun. Jesus will alle mit hineinnehmen in das Leben bei Gott.

Darum lautet der Wochenspruch: Christus spricht: „Wenn ich erhöht werde von der Erde, so will ich alle zu mir ziehen“ (Johannes 12,32).

„Ich lebe …“ – das Fresko in der Chora-Kirche in Istanbul

Es gibt eine berühmte Darstellung der Auferstehung Jesu auf einem Fresko aus dem 14. Jahrhundert in der Chora-Kirche in Istanbul.
(Das Fresko ist im Internet zu finden z. B. http://www.gemeinde-seelsorgedienst-wittlich.de/O-AuferstehungChora.html)) Die Pforten des Todes sind geöffnet.
Christus ist auferstanden, als Erstling erweckt von den Toten
durch Gott, der das Nichtseiende ruft, dass es sei.
Christus, der Sieger, bleibt nicht allein.
Die ganze Menschheit zieht er hinein ins Leben.
Auch die Väter und Mütter alter Zeiten
holt er heraus aus ihren Gefängnissen.
Ein Bild voll Kraft und Bewegung.
Mit einem Sog ins Licht.
Mit einer Festigkeit über allen Abgründen.
Christus, der Sieger, bleibt nicht allein.
Er, der Lebendige, erwartet und befreit auch uns.
Diese Bewegung – diesen Sog ins Leben – bewirkt Jesu Geist.
Ihn erwarten wir. Ihn erbitten wir. Er ist uns zugesichert.
Das Band zu Jesus ist nicht gelöst. Es ist fester geknüpft. Amen.

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