Pfingstsonntag (19. Mai 2013)

Autorin / Autor: Kirchenrat i.R. Dr. Werner Schmückle, Stuttgart-Birkach [Werner.Schmueckle@arcor.de]

Ezechiel 36, 22 -28

Liebe Gemeinde,

noch einmal ganz neu anfangen, auf das Alte, auf das Vergangene nicht mehr festgelegt werden, begangene Fehler nicht büßen zu müssen, das wünscht sich mancher und manche. Selbst unsere volkstümlichen Schlager reden von dieser Sehnsucht: „Wenn ich noch einmal zwanzig wär und so verliebt wie damals…“
Im Tiefsten geht es dabei um die Sehnsucht nach einem neuen Menschen.
„Neue Menschen brauchen wir!“ hat der Philosoph Ludwig Feuerbach im Jahr 1843 geschrieben.
Die Suche nach dem neuen Menschen zieht sich wie ein roter Faden durch die großen Denkbewegungen der letzten Jahrhunderte hindurch.
Der Idealismus meinte, der neue Mensch würde durch Erziehung geschaffen. Man müsse den Menschen nur richtig anleiten, dann würde er von sich aus das Gute tun.
Auch der Kommunismus war auf der Suche nach dem neuen Menschen:
Seine Lösung lautete: Wenn wir die Produktionsverhältnisse verändern, dann ändert sich auch der Mensch.
Heute will man durch Manipulation an den Genen den neuen Menschen schaffen.
All diese Versuche haben sich und werden sich als Täuschung erweisen.
Das Gute lässt sich nicht anerziehen und es steckt auch nicht in den menschlichen Genen.
Der Mensch kann sich nicht am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen wie in der Geschichte von Münchhausen.
In einem Buch des Russen Alexander Solschenizyn unterhalten sich zwei alte Kommunisten. Der eine bringt die Sache auf den Punkt:
„Liegt es also am Sozialismus? Wir haben uns eifrig umgestellt und dachten, es genügt, die Produktionsweise zu ändern, und dann ändern sich die Menschen. Aber kein bisschen haben sie sich geändert.Die Selbstsucht ist geblieben, sie ist die Schlange in unseren Herzen.“
Wir Menschen schaffen den neuen Menschen nicht.
Es ist wie bei einem runderneuerten Reifen: Das Material bleibt das alte, und irgendwann kommt der alte Schlappen wieder durch.

Das Alte: Israel in der Verbannung und die Frage nach Gott

Das Alte – das ist in unserem Text die Situation des Volkes Israel in der Gefangenschaft in Babylon. Es war die Schuld des Volkes, das es in diese Lage gebracht hat.
Sie hatten Gottes Gebot nicht gehorcht, sie hatten sich abgewandt von ihrem Gott.
„Ich zerstreute sie und versprengte sie in andere Länder, ich habe das Gericht an ihnen vollzogen entsprechend ihrem Verhalten und Tun“, sagt Gott dem Propheten Hesekiel (V.19). „Und auch dort, unter den Heiden, haben sie meinen heiligen Namen entweiht, weil die Völker, zu denen sie gekommen sind, ja jetzt spöttisch fragen: Was ist das für ein Gott, der es zulässt, dass sein Volk in die Verbannung gerät? Da sind doch unsere Götter viel größer und stärker!“
Und viele Menschen im Volk Israel haben es wohl genauso empfunden:
„Wo ist denn unser Gott, warum hilft er uns denn nicht?“
Und dann lagen die Resignation und die Hoffnungslosigkeit ganz nahe.
Vielleicht gibt es solche Dinge auch bei Ihnen: alte Fragen, alte Lasten, die Sie mit sich herumschleppen und die ihnen ihre Lebenszuversicht nehmen wollen.
„Noch will das alte unsre Herzen quälen,
noch drückt uns böser Tage schwere Last,
Ach Herr, gib unsern aufgeschreckten Seelen
das Heil, für das Du uns geschaffen hast“ – so heißt es in einem Lied von Dietrich Bonhoeffer.

Gott will es nicht beim Alten belassen

Damals nicht, weil er nicht wollte, dass sein heiliger Name und seine Ehre bei den Heiden in den Schmutz gezogen wurde, und heute nicht, weil er in Christus alles für uns getan hat und alles daran setzt, dass seine Menschen nicht verloren gehen.
Martin Luther hat es einmal so ausgedrückt:
„Wenn du Gott erkennen willst, dann musst du Christus anschauen, da siehst du Gott mitten ins Herz und erkennst, dass es ein glühender Backofen voller Liebe ist.“
Darum will Gott nicht alles beim Alten lassen.
Darum schafft er den neuen Menschen.
Wie das geschieht, wie Gott das Neue schafft, das zeigt er uns durch den Propheten Hesekiel.
Drei Hinweise gibt uns der Prophet:

Gott reinigt

„Ich will reines Wasser über euch sprengen, dass ihr rein werdet“ – lässt Gott durch Hesekiel ausrichten.
Das Volk hat diese Reinigung nötig. Alles, was Gott seinem Volk vorwirft, schreit nach Reinigung und Vergebung. Sie haben Gottes Wege verlassen. Sie haben sich mit fremden Göttern eingelassen. Sie haben ihrem Gott nicht die Ehre gegeben, sondern ihn zum Gespött vor den anderen Völkern gemacht.
Und dabei sollte Israel doch das Volk sein, an dem die anderen Völker es lernen sollten:
Gott ist ein lebendiger Gott. Er hat das Schicksal seines Volkes und der Welt in seinen Händen.
All das war Schuld, von der Gott sein Volk reinigen wollte.
Sie sollten wieder lernen, so zu bitten, wie es David im 51. Psalm tut:
„Entsündige mich mit Ysop, dass ich rein werde,
wasche mich, dass ich schneeweiß werde.“
Gott selber will das für sein Volk tun, was früher im Tempel in Jerusalem vom Priester als Zeichenhandlung vollzogen wurde: die Besprengung mit reinem Wasser, die als Zeichen der Reinigung und der Vergebung galt.

Auch wir brauchen diese Reinigung von unserer Schuld.
Schon am Anfang unseres Lebens bei der Taufe wird das deutlich.
Da wird die Wirkung des Taufwassers so erklärt:
„Wir nehmen das Wasser zum Zeichen,
dass Gott selbst die Getaufte
reinigen will von Sünde und Schuld.
Er will alles widergöttliche Wesen in Jesu Tod versenken.“
Die Taufe setzt den Anfang, aber die Bitte um Vergebung bleibt für unser ganzes Leben im Glauben.
Jesus selber hat uns im Vaterunser diese Bitte gelehrt: „Vergib uns unsere Schuld.“
„Wasche mich, dass ich schneeweiß werde“, das soll auch unsere Bitte sein.
Wohlgemerkt, das heißt nicht: „Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass“, sondern:
Nimm das weg aus meinem Leben, womit ich dich betrübt und andere Menschen verletzt habe. Schenke mir eine Reinigung, die unter die Haut geht. Schenke mir Vergebung meiner Schuld.
Wer so um Vergebung und Reinigung bittet, der macht die Erfahrung, die Martin Luther so ausgedrückt hat: „Wo Vergebung der Sünden ist, da ist Leben und Seligkeit.“
Der zweite Hinweis des Propheten:

Gott schenkt das neue Herz

„Ich will ein neues Herz in euch geben und will das steinerne Herz aus euren Fleisch wegnehmen und euch ein fleischernes Herz geben.“

Im Jahr 1967 ging eine Sensationsmeldung in alle Welt. Der Chirurg Professor Barnard hatte zum ersten Mal einem Menschen ein fremdes Herz eingepflanzt. Heute gehört das zu den normalen Möglichkeiten unserer Medizin. Aber für den, der betroffen ist, bleibt es das große Wunder.
Ein junger Mann, dem in einer siebenstündigen Operation ein Spenderherz eingepflanzt wurde, hat darüber berichtet: „Ich hatte keine Angst, wollte nur endlich das neue Herz, wollte leben!“ – „Ich habe ab sofort zwei Geburtstage. Am 10. August wird jetzt auch gefeiert.“
„Mit einem neuen Herzen in ein neues Leben“ – ist dieser Bericht überschrieben.
„Mit einem neuen Herzen in ein neues Leben“, darum geht es auch bei der Herzverpflanzung, die der lebendige Gott vornehmen will. Allerdings, in der Bibel ist das Herz nicht nur das Organ, das unseren Kreislauf in Bewegung hält. Es ist auch nicht nur für das Gefühl zuständig. Es steht für die Wünsche des Menschen, für seine Sehnsucht. Es nimmt die Stelle des Kopfes ein. Der Mensch der Bibel denkt mit dem Herzen.
Auch das Wollen, das Planen, die Orientierung, das Gewissen, all diese Funktionen sind in der Bibel im Herzen angesiedelt.
Das Herz ist das Zentrum der Person. Das Herz des Menschen ist auch das Problem.
Ein steinernes, kaltes Herz wird es von Hesekiel genannt.
Wilhelm Hauff erzählt in einem Märchen von einem solchen kalten Herzen. Der Kohlenmunk-Peter hat um des Reichtums und des Erfolges willen sein menschliches Herz gegen ein steinernes eingetauscht. Es macht ihn hart gegen andere und lässt ihn schreckliche Dinge tun. Bei all dem wird er ein reicher Mann.
Aber es macht ihn nicht glücklich.
Dem Waldgeist, dem er sein altes Herz verkauft hat, muss er bekennen:
„Das Ding, das ich in der Brust trage, schützt mich zwar vor manchem, ich erzürne mich nie, bin nie traurig, aber ich freue mich auch nie, und es ist mir, als ob ich nur halb lebte.“
Glücklich wird er erst, als er durch Gebete und das Kreuzeszeichen dieses steinerne Herz wieder los wird.
Ob das nicht auch heute das tiefste Problem der Menschen ist: das kalte, das harte und gefühllose Herz, das unfähig ist zum Erbarmen, zur Liebe und zum Gehorsam gegenüber Gott.
Aber dabei muss es ja nicht bleiben. Es neues Lied drückt es so aus:
„Herzen, die kalt sind wie Hartgeld,
Herzen, die hart sind wie Stein,
sollen wieder Herzen werden,
sollen wieder Herzen sein.
Gottes Liebe geht auf über dir:
Selbst ein Stein wird warm,
wenn die Sonne ihn bescheint.“
Gott will eine wirkliche Herzverpflanzung vornehmen.
Gottes Wort und Gottes Liebe schenkt uns das neue Herz.
Ein Herz, das seinen Pulsschlag von der Liebe Gottes hat und diese Liebe weitergibt.
Und schließlich der dritte Hinweis:

Gott schenkt uns seinen Geist

„Ich will meinen Geist in euch geben und will solche Leute aus euch machen, die in meinen Geboten wandeln und meine Rechte halten und danach tun.“
„Da ist ein ganz neuer Geist eingezogen“, sagen wir, wenn sich etwas entscheidend verändert hat in einer Gemeinschaft, im Zusammenleben von Menschen. Gott will, dass in unserem Leben ein neuer Geist einzieht. Er schenkt ihn. Und wir bitten am Pfingstfest um diesen Geist: „Komm Heiliger Geist, erfülle die Herzen deiner Gläubigen und entzünde in ihnen das Feuer deiner göttlichen Liebe.“
Wenn Gottes Geist einzieht, dann schafft er Veränderung. Er ist die Kraft der Veränderung in unseren Herzen. Er hilft uns, nach Gottes Willen zu fragen und diesen Willen zu tun. Jesus sagt vom diesem Geist: „Er wird euch in alle Wahrheit leiten, er wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe.“ Gottes Geist leitet uns und lässt uns den Weg Gottes gehen.
Dann leuchtet auch in unserem Leben etwas auf von der Wahrheit und der Liebe Gottes und von seiner schöpferischen, erneuernden Kraft.
Bei dem großen Bibelausleger Adolf Schlatter habe ich eine schöne Beschreibung gefunden, was der Heilige Geist in unserem Leben bewirkt:
„Der Heilige Geist schafft Glauben!
Er füllt dich nicht mit Licht,
das alle Dunkelheit vertreibt,
und legt nicht eine Kraft in dich,
die dich zum Helden macht,
aber er lehrt dich, die Hand Jesu zu fassen
in der festen Zuversicht: Er ist mein Hirte,
und er lehrt dich, den Weg Jesu zu gehen
in der festen Gewissheit: das ist Gottes Weg!“

Gott reinigt uns, Gott schenkt das neue Herz, Gott gibt uns seinen Geist.
Zu dem, was Gott durch den Propheten Hesekiel seinem Volk verspricht, kommt noch die Verheißung: „Ich will euch aus den Heiden herausholen, ich will euch sammeln und heimbringen.“ „Und ihr sollt wohnen im Lande, das ich euren Vätern gegeben habe, und sollt mein Volk sein, und ich will euer Gott sein.“
Die Offenbarung des Johannes nimmt diese Verheißung auf und bezieht sie auf das Ziel unseres Lebens, auf die neue Welt Gottes, auf unsere himmlische Heimat: „Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen, und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Schmerz wird mehr sein, denn das Erste ist vergangen.“
Gottes Geist schenkt uns jetzt schon die Hoffnung auf diese Zukunft. Amen.

Predigt zum Herunterladen: Download starten (PDF-Format)