Pfingstmontag (20. Mai 2013)

Autorin / Autor: Pfarrer Michael Werner, Schwäbisch Hall [michael.werner@sonnenhof-sha.de]

Johannes 4, 19-26

Liebe Gemeinde,
an einem Brunnen findet das Gespräch statt, zu dem diese Sätze gehören. In der Mittagshitze macht Jesus auf seinem Weg nach Galiläa dort Rast. Der Brunnen hat einen Namen und damit auch eine Geschichte: Jakobsbrunnen. Jakob – der biblische Jakob – soll ihn einmal angelegt haben. Wer weiß, ob es stimmt? Es ist kein Zufall, dass die Bibel gerne von Begegnungen am Brunnen erzählt. Brunnen, zumal solche, die eine Geschichte haben, verbinden das Vergangene mit der Gegenwart. Sie sind Ort der Begegnung und der Gemeinschaft: Menschen treffen sich beim Wasserholen am Brunnen. Sie reden miteinander und tauschen Geschichten aus. Brunnen sind Wechselstuben für das Alltägliche und manchmal auch für mehr. Und manchmal sind Brunnen auch der Ort, an dem etwas Neues beginnt. Sie sind Symbol für das, was wir suchen, wenn wir Durst haben. Im wörtlichen wie im übertragenen Sinn. Umso mehr, wenn Jesus am Brunnen sitzt. Dann geht es um mehr als um unseren Durst. Dann ist der Weg vom Brunnenwasser zum Wasser des Lebens nicht mehr weit. Höchstens noch ein Gespräch weit entfernt.

Zu einem Gespräch aber gehören mindestens zwei. Überraschend kommt zur selben Zeit wie Jesus eine samaritanische Frau, um am Brunnen Wasser zu schöpfen. Sie tut das nicht zufällig. Wer um diese Zeit am Tag Wasser holt, sagen die Ausleger, tut das nicht aus freien Stücken, sondern weil er oder sie nicht dazu gehört. Die Frau hat nicht Teil am „Leben der Andern“ und an ihren Geschichten. Um nicht mit ihnen zum Brunnen gehen zu müssen, um nicht selbst immer wieder Gegenstand ihrer Geschichten zu werden, ist die Frau wie Jesus in der heißesten Zeit des Tages allein zum Brunnen gekommen, um Wasser zu holen. Dabei sucht sie mehr als nur Wasser.

Mehr als Wasser: Pfingsten

Es ist ein merkwürdiges Gespräch, das die beiden miteinander führen. Und es lohnt sich, die Geschichte einmal ganz zu lesen: Es beginnt sozusagen an der Oberfläche beim Wasser, das die Frau schöpfen will und das den Durst löscht. Dann reden sie von dem Wasser, das mehr ist und von dem Jesus sagt, dass er davon zu geben hat. Es gibt Missverständnisse, produktive Missverständnisse in diesem Gespräch. Sie gehören dazu, wenn zwei vom Wasser sprechen und Verschiedenes meinen. Gerade das Nichtverstehen bringt das Gespräch weiter und führt es in die Tiefe. Das Leben der Frau ist alles andere als einfach. Sie hat einige Ehen hinter sich. Und der Mann, mit dem sie jetzt zusammenlebt, verweigert ihr den Schutz, den eine Ehe damals bot. Es ist nicht nur das Wasser, das dieser Frau fehlt. Jesus spricht sie darauf an. Und indem er das tut, indem da einer die Wahrheit eines gelebten Lebens anspricht, löst sich etwas.
Damit beginnt eine neue, sozusagen pfingstliche Runde in diesem ungewöhnlichen Brunnengespräch. Jedenfalls legt das der heutige Predigttext nahe, der an dieser Stelle des Gesprächs beginnt: „Herr, ich sehe, dass du ein Prophet bist. Unsere Väter haben auf diesem Berge angebetet, und ihr sagt, in Jerusalem sei die Stätte, wo man anbeten soll.“

Pfingsten? Wieder so eine merkwürdige Wendung in diesem merkwürdigen Gespräch: Wo wohnt Gott? Wo können wir beten? Ist das die Frage, die wir mit Pfingsten verbinden? Die Frau will es jedenfalls wissen: Wo sollen wir beten: Auf diesem Berg, dem heiligen Berg der Samaritaner, dem Garizim, oder doch lieber im Jerusalemer Tempel? Welcher Ort besitzt die größere Würde, das ältere Recht? Wer von beiden – Juden oder Samaritaner – feiert den richtigen Gottesdienst? Wer hat das richtige Gesangbuch? Die Älteren unter uns kennen solche Fragen. Merkwürdige Fragen aus heutiger Sicht für eine evangelische Gottesdienstgemeinde am Pfingstmontag. So wie die Frage schon damals, zur Zeit des Johannesevangeliums, eine höchst merkwürdige Frage war. Waren doch beide Tempel, der auf dem Garizim und der in Jerusalem – längst Schutt und Asche. Kein Ort zum Beten.

Wo wohnt Gott?

Aber gibt es das überhaupt: Kein Ort zum Beten? Ist es nicht das, was wir nun tatsächlich mit Pfingsten verbinden und mit dem Geist, „der fährt, wohin er will und mag, und stark macht, was darniederlag“. Dass es gerade keinen Ort gibt, der nicht auch ein Ort zum Beten und deshalb ein Ort des Gottesdienstes sein kann. Wo wohnt Gott? Manchmal fragen wir uns das auch. Und manchmal fragen wir auch danach, wie wir Gottesdienste feiern können, die heute Menschen ansprechen und berühren. Die uns aufmerksam und sprachfähig machen für den vergessenen Durst und die verborgene Sehnsucht der Menschen nach Gott. Gottesdienste, die Menschen mit den verschütteten Quellen ihres Lebens in Berührung bringen – mit dem Gott, der selbst Quelle des Lebens ist.
Danach darf und soll man heute fragen, liebe Gemeinde. Wann, wenn nicht an Pfingsten, dürfen und sollen wir danach fragen? Und wann, wenn nicht an Pfingsten, will das gehört werden, was Jesus auf diese Frage zur Antwort gibt: Wahrer Gottesdienst, wahre Anbetung geschieht nicht an wie auch immer heiligen Orten. Wahrer Gottesdienst und wahre Anbetung geschieht dadurch, dass ein ganz anderer von Anfang an mit dabei ist und unserem Singen, Beten und Reden zur Hilfe kommt: „Gott ist Geist, und die ihn anbeten, die müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten.“

Gott ist Geist

„Gott ist Geist.“ Nicht weniger als das feiern wir heute, wenn wir Pfingsten feiern, dieses auf den ersten Blick so wenig anschauliche, seltsame Fest unter den Festen im Kirchenjahr. Und auf nicht weniger als das läuft auch das nicht weniger seltsame und merkwürdige Brunnengespräch zwischen Jesus und dieser unbekannten Frau hinaus, von der wir nicht einmal den Namen erfahren: „Gott ist Geist.“ Da ist einer mit dabei als Kraft und Dimension unserer Welt und unseres Lebens, über die wir nicht verfügen. Und doch ist sie da. Und wirkt. Von Anfang an. Unverfügbar. Nicht fassbar. Wie der Wind, der ja ebenfalls weht, wo und wohin er will und mag. Und doch läuft an Pfingsten alles darauf hinaus, dass dieser schöpferische Geist es gut mit uns meint und es mit uns und mit unserer Welt zu tun haben will. Deshalb erzählt die Bibel ganz am Anfang davon, dass Gottes Geist über der Urflut schwebt. Die Erde ist zwar wüst und leer. Aber gottverlassen ist sie nicht. Die Psalmbeter wissen von dem Geist, der uns lebendig macht und die Erde als Gottes Schöpfung täglich erneuert. Gottes Geist sucht sich im Alten Testament Menschen und macht sie zu Propheten, die in ihrer Zeit mutig und manchmal auch höchst einsam mit ihren Worten und mit ihrem Leben für Gottes Wahrheit einstehen. Und schließlich kündigt der Prophet Joel eine Zeit an, in der Gott seinen Geist auf alle ausgießen wird: den Geist, der tröstet und verbindet, der lebendig macht und wahrheitsfähig; den schöpferischen Geist Gottes, der uns gleichermaßen in Anspruch nimmt für die „Sache mit Gott“ und unser Leben sichtbar und unsichtbar begleitet; der ein Leben verändern kann, so wie sich das Leben dieser unbekannten Frau in einem Gespräch an einem Brunnen mitten am Tag verändert.

„Gott ist Geist.“ Wir haben uns angewöhnt, zu sagen: An Pfingsten feiert die Kirche ihren Geburtstag. Dabei denken wir an die Geschichte, von der Lukas in seiner Apostelgeschichte erzählt und die sich an Pfingsten in Jerusalem abgespielt hat: An das Brausen des Geistes unter dem Dach des Hauses, in dem sich die Jünger an diesem Tag versammelt haben. An die Feuerzungen, die sich auf ihnen niederlassen, und das Reden und Verstehen in der Kraft des Geistes in verschiedenen Sprachen, das Menschen an diesem Tag begeistert in ihren Bann zieht, so dass sich am Ende dreitausend taufen lassen. Was für ein Anfang!
Aber vielleicht ist das ja auch nicht alles, was wir feiern, wenn wir heute Pfingsten feiern. Nicht nur, weil wir auch in diesem Jahr Pfingsten sehr viel bescheidener feiern als es diese biblische Ursprungsgeschichte nahe legt. Vielleicht lassen uns solche faszinierenden Geschichten wie die biblische Pfingstgeschichte leicht die Zwischentöne überhören und das schöpferische Wirken dieses Geistes im Leben eines Menschen übersehen, von dem das merkwürdige Brunnengespräch im Johannesevangelium erzählt.

Gesucht und gefunden: Ich bin’s, der mit dir redet

Denn darum geht es ja in diesem Gespräch: dass eine Frau, die in der Mittagszeit zum Brunnen gekommen ist, um Wasser zu holen, am Ende etwas ganz anderes findet. Etwas, wonach sie schon viel länger und vielleicht auch ohne es zu wissen gesucht hat. Dazu muss es nicht laut und auch nicht spektakulär zugehen. Es genügt das Gespräch zwischen einem suchenden Menschen und dem, der gekommen ist, das Verlorene zu suchen und zu finden. Wer sich in diesem Gespräch auf die Suche macht nach dem, was wir an Pfingsten feiern, wird vielleicht entdecken: Pfingsten ist mehr, viel mehr als „unsere“ Begeisterung, von der wir manchmal gerne mehr sehen und spüren möchten. Gottes Geist ist bereits da. Er ist in dem da, der am Ende des Gesprächs zu der Frau sagt: „Ich bin's, der mit dir redet.“ Und er verbindet uns und unsere Geschichten mit seiner Geschichte und mit den Geschichten, die vor uns waren. Dass es dabei immer wieder zu Missverständnissen und Umwegen kommt wie im Gespräch der Frau mit Jesus, ist kein Schaden: Als Getaufte gehen wir ein Leben lang mit dem um, woran wir glauben und was uns geschenkt wird, wenn Gott uns mit seinem schöpferischen Geist beschenkt. Das schafft Vielfalt und Verschiedenheit, auch was unsere Wege im Glauben und unsere Erfahrungen mit Gott angeht. Es ist ganz gut, wenn wir als Kirchen an Pfingsten unsere Vielfalt und Verschiedenheit als versöhnte Verschiedenheit sichtbar machen und feiern. Martin Luther hat auf seinem Sterbebett die Geschichten der Bibel eine biblische Aenëis genannt, mit wir ein Leben lang unterwegs sind. Darunter geht es nicht und muss es auch nicht gehen. Und dass dabei immer wieder auch das zur Sprache kommt, was nicht gut geworden ist und was ein Leben beschädigt, gehört zu den heilsamen Geisterfahrungen, die wir machen: Gottes Geist ist eben auch ein „Geist der Wahrheit“.
„Gott ist Geist, und die ihn anbeten, die müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten.“ Wo und wie wir Gott im Geist und in der Wahrheit anbeten und Erfahrungen mit diesem Geist der Wahrheit und des Lebens machen können – oft unspektakuläre aber eben doch heilsame Erfahrungen – dafür steht diese Geschichte und besonders der letzte Satz, mit dem das Gespräch am Brunnen endet: „Ich bin's, der mit dir redet.“ sagt Jesus zu der Frau, die ihre Erlösung in einer unbekannten Zukunft erhofft. Das wäre zu wenig. Nicht nur heute an Pfingsten. Der Geist, der uns zu Söhnen und Töchtern Gottes macht, ist bereits da und erfahrbar – in keinem anderen als in dem, der mit dieser Frau am Brunnen sitzt und mit dem auch wir unterwegs sind – im Vertrauen darauf, dass er auch bei uns mit dabei ist mit seinem Geist, „alle Tage bis an der Welt Ende.“ Amen.

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