Jahreslosung

Autorin / Autor: Kirchenrätin Bärbel Hartmann, Bad Urach [Baerbel.hartmann@stifturach.de]

Offenbarung 21, 6

Liebe Gemeinde,
„Durst auf Leben“ – in großen Lettern standen diese drei Worte im Sommer auf einer Plakatwand neben der Bundesstraße. Zu sehen war eine große Flasche Sprudel, an der herrlich prickelndes Nass abperlte.
Außentemperatur 30°C, das Auto ohne Klimaanlage, im Stau an der roten Ampel, die Kehle ausgetrocknet, die Zunge am Gaumen klebend – und dann dieses Bild: Der Blick auf frisches, kühles Wasser, das den Durst löscht. "Wenn ich das jetzt haben könnte, einen Schluck nehmen" – aber es war eben nur als Bild auf einem Plakat.

Wir hier sind heute in einer anderen Situation. Es ist Winter und kalt draußen. Wir sind gesättigt von Festtagsbraten und Weihnachtsgebäck, man hat genug getrunken, um Mitternacht haben die Gläser geklungen, man hat aufs neue Jahr angestoßen.

Was wird es uns bringen? Mit welchen Erwartungen lesen und schreiben wir die Jahreszahl 2018? Wonach sehnen wir uns? Was wollen wir uns vornehmen? Was erhoffen wir? Was erstreben wir?

Die Sehnsucht der SeeleDurst auf Leben – mit diesem Slogan war mehr angesprochen als dass ein ausgetrockneter Mund oder verschwitzter Körper wieder Flüssigkeit brauchte.
Nicht von ungefähr ist in der hebräischen Sprache des Alten Testaments die Kehle das Organ, das die Urbedürfnisse des Menschen beschreibt.
Und wir haben uns dies ja auch in Umgangssprache bewahrt, indem wir von einer durstigen Seele sprechen: Was tut sich da nicht alles auf an Bedürfnissen:
Durst nach Nähe und Verständnis, Durst nach Wertschätzung und Liebe, nach Ruhe und Erholung, nach Heimat und Geborgenheit. Durst nach Besitz und Prestige, nach Titel und Anerkennung.
Durst auf Leben, wer kennt ihn nicht?
Wer wünscht sich nicht, das Leben in sich zu spüren, prickelnd und interessant, die Schönheit eines erfüllten Daseins genießen zu können, neuen Sinn zu finden – oder auch wieder ein Ziel vor Augen zu haben?
Wohl dem, der den Durst des Lebens noch in sich hat und es spürt, wenn er oder sie ausgetrocknet ist und frisches Wasser braucht. Alten Menschen kommt zuweilen der Durst abhanden. Sie spüren nicht mehr, wenn sie trinken müssen. Sie werden dadurch verwirrt und orientierungslos.

Die Seele dürstet ein Leben lang. Für jeden und jede unter uns stellt sich immer wieder neu die Frage: Wie kann ich diesen Durst stillen? Wer seinen Durst stillen kann, wird zufrieden sein, ausgeglichen und innerlich ruhig.
Das können wir besonders eindrücklich an den kleinen Kindern erleben. Sie schreien ihren Hunger und ihren Durst hinaus. Sie sind nicht zu beruhigen, bis die Mutter sie auf die Arme nimmt und stillt. Mit einem Mal verstummt das Schreien. Da ist Ruhe, Friede, Geborgenheit – Glück.
Wer von uns möchte nicht auch gerne glücklich sein, zufrieden und geborgen? Die Suche danach ist vielfältig und oft vergeblich.
Wie viel Gläser Wein und wie viel Flaschen Bier werden wohl täglich geleert, um Lebensdurst zu löschen, wie viel Zigaretten angezündet und wie viel Tassen Kaffee getrunken, wie viel Ärzte besucht, Medizin geschluckt, vielleicht auch wie viel Zeit in unnötiger Betriebsamkeit verbracht um die durstige Seele zu stillen – oder sie wenigstens vorübergehend zum Schweigen zu bringen.
Nichts gegen Wein oder Bier, Kaffee oder Zigaretten – vielmehr geht es um die Frage: Aus welchen Bedürfnissen heraus greifen wir zu bestimmten Dingen des Lebens? Können wir uns an ihnen freuen und sie genießen – oder suchen wir nach Befriedigung von Urbedürfnissen und erhoffen uns so, dass sich die Anspannungen lösen, die Seele beruhigt?
An der Pforte zum neuen Jahr lädt Gott uns ein, dass wir bei ihm einkehren, uns von ihm bewirten und unseren Durst nach Leben stillen lassen.

Lebendiges Wasser gibt’s gratisDas Wort „umsonst“ hat im Deutschen ja zweierlei Bedeutung. Bei „umsonst“ kann man an die Vergeblichkeit denken. ‚Umsonst gelernt‘, denkt der Schüler, wenn trotz Büffeln von Vokabeln und Grammatik die Klassenarbeit schlecht ausfällt.
‚Umsonst geliebt‘, trauert die junge Frau und blickt auf die Scherben ihrer gescheiterten Beziehung. ‚Umsonst gebetet, gehofft, geglaubt‘. Das sagen Angehörige, wenn eine Krankheit nicht gestoppt werden konnte und sie einen lieben Menschen doch hergeben mussten.
Das Umsonst im Sinne von ‚vergeblich‘ kann in Resignation und Trauer münden und auch den Glauben in Frage stellen und ins Zweifeln bringen. Was haben wir vom Glauben? Haben es diejenigen, die nichts davon wissen wollen, oft nicht viel leichter im Leben? Das ist eine Frage, die Glaubende schon seit biblischen Zeiten umtreibt. Im Psalm 73 hält ein Beter Gott das ruchlose Leben der Gottlosen vor Augen und sagt: „Siehe, das sind die Gottlosen; die sind glücklich in der Welt und werden reich“ (Ps 73, 12).

Was aber Gott für uns bereithält, das hören wir in der Jahreslosung 2018.
Gott begrüßt uns im neuen Jahr mit dem anderen Umsonst:
Er sagt es uns zu: Ich will euch Durstigen, euch Glücklichen und auch euch Enttäuschten, lebendiges Wasser geben – umsonst.
Wir müssen es uns nicht für teures Geld erwerben. Auch nicht mit noch so großen Anstrengungen, es allen Recht zu machen oder die heute Nacht gefassten Vorsätze alle zur Tat werden zu lassen. Nein: Gottes Angebot, das lebendige Wasser des Lebens, ist umsonst – kostenlos – gratis.
Wenn etwas gratis angeboten wird, werden wir hellhörig, insbesondere die Schwaben. Wir bekommen etwas geschenkt, brauchen nichts zu bezahlen.
Oft freilich ist das im Bereich des Handels und der Werbung angebotene Gratis ein Verdientes: Nach 10mal Waschanlage bekommen Sie eine Gratiswäsche Ihres Autos. Kaufen Sie zwei Shirts und Sie bekommen ein drittes gratis.
Zuerst der Einsatz, dann das Gratis.
Nicht so in der Jahreslosung. Gott bietet uns sein Lebenswasser bedingungslos gratis an. Und wir sind eingeladen, davon zu schöpfen, zu trinken, unseren Durst zu stillen an jedem der neuen vor uns liegenden 365 Tage und darüber hinaus.

Wie erquickt uns Gott?Wie aber können wir dieses lebendige Wasser in uns aufnehmen, wieder neu spüren und uns aus dem Glauben erfrischen lassen und so selber quicklebendig werden?

„Gasthaus zur Einkehr“ – das Wirtshausschild, unbeachtet neben einem Bahngleis gelegen, kündet von guten Zeiten. Ich stelle mir vor: Wanderer haben hier Rast gemacht, gegessen, getrunken, sich gewärmt und ein Stück miteinander das Leben geteilt im „Gasthaus zur Einkehr.“ Schade, dass nur noch das alte Schild von den besseren Zeiten erzählt. Schade, wenn die Einkehr so unbeachtet daliegt.
Ein „Gasthaus zur Einkehr“ ist jeder Gottesdienst. Wir sind beieinander, um Gottes Gegenwart zu feiern, auf ihn zu hören, uns von ihm beschenken zu lassen und Stärkung und Erfrischung zu erfahren für unseren Weg ins neue Jahr.
Wie wohltuend ist es, gemeinsam zu beten, zu singen, nachher noch ins Gespräch zu kommen. Wie hilfreich, ein Bibelwort, einen Satz aus der Predigt mit zu nehmen in die neue Woche – und natürlich den Segen, sein Zuspruch für uns persönlich, Seine Lebenskraft über uns ausgeteilt. Als von Gott Gesegnete können wir beglückt aufbrechen, den Segen mitnehmen und anderen zum Segen werden.

„Ich will dem Durstigen geben.“ Gott ist da, er versorgt uns und gibt, was wir brauchen – in jeder Lebenssituation, die uns erwartet.
Wo wir gefrustet und niedergeschlagen sind, da tritt er zu uns, wie einst bei Paulus und sagt es uns zu: „Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft vollendet sich in der Schwachheit.“

Lebendiges Wasser: vom kleinsten Tröpfchen bis zum unendlichen OzeanLebendiges Wasser – wir werden auch in diesem Jahr Kinder und vielleicht auch Erwachsene taufen. Wir dürfen uns dabei erinnern, dass wir selber auch getauft sind. Taufwasser ist lebendiges Wasser. Gottes JA ist über unserem Leben ausgesprochen. Jesus Christus hat uns – mit Martin Luther gesagt – „erlöst, erworben und gewonnen von allen Sünden, vom Tod und von der Gewalt des Teufels“ (1).

Erlöste Menschen sind wir, berufen zur Freiheit von Schuld, zu mutigem Einsatz in der Welt, für die Menschen, gegen die Gewalt und Herrschaft des Bösen. Jesus sagt es allen zu, dass sie satt werden, die hungern und dürsten nach Gerechtigkeit.
Lebendiges Wasser: Auch das ganz natürliche Wasser kann uns an die Jahreslosung erinnern. Ist Gott doch der Schöpfer, dem wir letztlich jeden Wassertropfen verdanken, die Quellen, die Flüsse die Meere. Wie wäre es, wenn wir beim Aufdrehen des Wasserhahns ab und zu dran denken, dass wir aus Gottes Güte leben, das sprudelnd frische Wasser haben, weil er es geschaffen hat vom kleinsten Tropfen bis zum unendlichen Ozean.
Lebendiges Wasser: Gott schenkt es uns, jeden Tag neu, gratis, aus Gnade.
Im Griechischen entspringen die Gnade und der Dank demselben Wortstamm. Danken können wir für das, was wir geschenkt bekommen.

Einkehr bei GottDie Jahreslosung ermuntert uns, Gottes Einladung anzunehmen. Bei ihm können wir einkehren, und unseren Durst nach Leben von ihm stillen lassen an jedem Tag neu. So gehen wir in das neue Jahr mit der Gewissheit:

Jesus ist kommen, die Quelle der Gnaden:
komme, wen dürstet und trinke, wer will!
Holet für euren so giftigen Schaden
Gnade aus dieser unendlichen Füll!
Hier kann das Herze sich laben und baden.
Jesus ist kommen, die Quelle der Gnaden.
(EG 66,7)


Anmerkung 1:
Erklärung zum 2. Glaubensartikel EG, S. 1487.

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