Lesung „Wir gehn dahin und wandern – Eine Reise zu Paul Gerhardt“ Volle Stiftskirche für Paul Gerhardt

Am 16. Juni 2026 war die Stuttgarter Stiftskirche voll. Zum dreihundertfünfzigsten Todestag Paul Gerhardts las Dekan Rainer Köpf aus seinem Buch. Mehr als dreihundert Menschen waren gekommen. Nach dem Orgelvorspiel begrüßte Pfarrer Matthias Vosseler. Nach einem Grußwort von Dr. Ferenc Herzig vom Calwer Verlag las Köpf aus seinem Buch, und zwischen den Abschnitten sang die Festgemeinde Gerhardts Lieder. Der Gesang der vollen Kirche trug den ganzen Abend.

Köpf erzählt Gerhardts Leben dicht und konkret: den Dreißigjährigen Krieg; die früh verlorenen Eltern; die strenge Fürstenschule in Grimma, wo der Junge das Dichten lernte, die Lautmalerei der Vokale, das Gespür für Stimmung und Stimmungen. Das Studium in Wittenberg; Berlin, wo er zusammen mit dem Kantor Johann Crüger ein „Dreamteam“ bildete (Köpf verglich die beiden kurz mit Paul McCartney und John Lennon). Mittenwalde, wo sein erstes Kind das erste Jahr nicht vollendete. Der Konflikt in Berlin, als der reformierte Kurfürst den lutherischen Pfarrern ihr Bekenntnis abverlangte und Gerhardt sein Amt verlor, weil er bei seinem Gewissen blieb. Lübben, wo er 1676 starb.

Köpf blieb nah bei den Menschen. Einen Satz über die Lieder machte er sich zu eigen: „Ich mag verschiedene Musikstile, auch Lobpreis. Aber für die Beerdigung langt Paul Gerhardt.“

Ein heller Faden zog durch den Abend. Köpf las über „Geh aus, mein Herz“, das Sommerlied. Die ersten Strophen sind ein einziges Schöpferlob auf den blühenden Garten. Gerhardt fand diese Bilder schon als Kind, die Romantiker entdeckten sie neu. Köpf erschloss sie sich auf seinen täglichen Wegen. Ihm ging auf, wie die Jahreszeiten kommen, von Gott gewirkt, ganz ohne jedes menschliche Zutun. Darin liege eine Entlastung, sagte er. Gerhardt hat sie in eine Zeile gefasst: „Gott sitzt im Regimente und führet alles wohl“ („Befiehl du deine Wege“, Strophe 7).

In zwanzig Jahren hat Köpf fünfunddreißig Reisen auf Gerhardts Spuren geführt. Etliche Teilnehmerinnen und Teilnehmer saßen an diesem Abend in der Kirche. Sein Fazit heute: Das Christsein wird ehrlicher, wenn die Zahlen kleiner werden. Und von Gerhardt könne man vor allem das lernen: die „Attraktivität der Dankbarkeit“.

Rainer Köpf, „Wir gehn dahin und wandern. Eine Reise zu Paul Gerhardt“. Calwer Verlag, 5. Auflage 2026.

Eindrücke des Abends